Die Blüten einiger Pflanzenarten können ihre Temperatur offenbar besser regulieren als so manches Tier. Zu bestimmten Zeiten heizen sie sich aktiv auf und stellen ihre Temperatur in Bereichen ein, die zum Teil weit über derjenigen ihrer Umgebung liegen. Wie Roger Seymour in der Maiausgabe des Magazins "Spektrum der Wissenschaftö berichtet, erbringen die Pflanzen bei der Wärmeregulation eine ähnlich hohe Leistung wie warmblütige Tiere, die ihre Körpertemperatur auch bei kühlen Umgebungstemperaturen halten können. Reptilien und andere Kaltblüter schaffen das nicht.Bereits seit 1972 beschäftigt sich Seymour, der in Australien an der Universität Adelaide Tierphysiologie lehrt, mit dem Phänomen der pflanzlichen Wärmebildung. Was als Hobby begann, hat sich im Laufe der Jahre zum zweiten Forschungsgebiet des Zoologen entwickelt. Sein erstes Studienobjekt war eine Pflanze mit dem lateinischen Namen Philodendron selloum, die zur selben Familie gehört wie der in Deutschland heimische Gefleckte Aronstab (Arum maculatum). Beide Pflanzen fallen durch eine Besonderheit auf: Sie haben einen Kolben mit Hunderten kleiner Einzelblüten, der von einem länglichen Blatt umhüllt wird.Seymour ließ einige dieser Pflanzen in Brutschränken mit variabel einzustellender Temperatur wachsen. Gemeinsam mit Kollegen untersuchte er sie außerdem mit Geräten, die eigentlich der Erforschung des tierischen Wärmehaushalts dienen. Bei den Versuchen stellte sich heraus, daß die Blüten sich nicht unkontrolliert aufheizen, sondern ihre Wärmeproduktion relativ genau regulieren. In dem nur vier Grad Celsius warmen Schrank lief die "Heizung" der Philodendron-Blüten auf höchster Stufe, so daß in ihnen angenehme 38 Grad Celsius herrschten. Bei steigenden Außentemperaturen wurde die Wärmeproduktion jedoch stetig gedrosselt. Bei einer Lufttemperatur von 40 Grad waren die Blüten nur noch sechs Grad wärmer als ihre Umgebung.Aus der Menge an Sauerstoff, die die Blüten bei den jeweiligen Temperaturen verbrauchten, konnten die Forscher die Wärmeenergie berechnen, die die Pflanzen in jeder Sekunde produzierten. Wie sich zeigte, stehen die Blüten mit einer Wärmeleistung von 0,16 Watt pro Gramm kaum den Rekordhaltern im Tierreich nach ­ den Insekten und den Vögeln ­, die nur mit ausreichend warmer Muskulatur fliegen können.Die Fähigkeit, Wärme zu erzeugen, haben etliche Pflanzen unterschiedlicher Familien. Für den Betrieb ihrer Heizung verwenden die bislang erforschten Pflanzen zum Teil unterschiedliche Brennstoffe. Der Aronstab beispielsweise benutzt Stärkereserven, sein Verwandter Philodendron selloum hingegen Fette. Wenn die Energiereserven im Stoffwechsel der Pflanzen abgebaut werden, lädt sich durch den Vorgang der sogenannten Zellatmung zunächst eine zelluläre "Batterie" auf. Sie befindet sich in den Mitochondrien, den Kraftwerken der Zelle. Doch anstatt die so gespeicherte Energie, wie es sonst üblich ist, für den Aufbau anderer energiereicher Substanzen zu nutzen, schließen die Blütenzellen die Batterie einfach kurz, und es entsteht Wärme.Ein ähnliches Prinzip findet sich auch im Fettgewebe von Winterschläfern oder menschlichen Säuglingen, die sich durch den Kurzschluß der Zellatmung vor dem Auskühlen schützen.Experten schreiben diesem Phänomen eine wichtige Funktion bei der Bestäubung der Blüten zu. Aronstab und Philodendron etwa werden von großen Insekten wie Fliegen und Käfern bestäubt. Bei höheren Temperaturen strömen die Duftstoffe leichter aus der Blüte und locken Insekten an. Zwischen ihnen und der Pflanze entspinnt sich ein facettenreiches Wechselspiel, das die Forscher beim Philodendron im Detail beobachten konnten.Die weiblichen Blüten sitzen am unteren Ende des Kolbens, in der Hülle des seitlich eingerollten Blattes, das Botaniker als "Hochblatt" bezeichnen. Wenn sie reif für die Bestäubung sind, beginnen sterile männliche Blüten in der Mitte des Kolbens mit der Wärmeproduktion, und das Hochblatt öffnet sich weit. Der Aasgeruch, den die Pflanze dann zu verströmen beginnt, zieht Insekten an, die zum Teil bereits mit Pollen einer anderen Philodendronpflanze bepudert sind. Während sie sich an den nahrhaften sterilen Blüten laben, kühlt sich der Kolben ab, und das Hochblatt schließt die Insekten im unteren Teil des Blütenstands ein. Dort sorgen sie, aufgeregt ein Schlupfloch suchend, unfreiwillig für die Bestäubung der weiblichen Blüten.Rund zwölf Stunden später heizen die sterilen Blüten sich wieder auf, und das Hochblatt entfaltet sich erneut. Erst wenn es sich weit genug geöffnet hat, um die Insekten freizugeben, sind auch die männlichen Blüten am oberen Kolbenabschnitt reif. Deren Pollen werden also erst beim Ausschwärmen an die Insekten abgegeben, was die Selbstbestäubung der Pflanze, einen Inzest quasi, verhindert. Für ihre Botendienste erhalten die Insekten einen kleinen Lohn: Im Inneren des beheizten Blütenstands erwärmt sich ihre Flugmuskulatur bereits auf Betriebstemperatur. Nach ihrer Freilassung können sie deshalb ohne Zeitverlust weiterfliegen ­ bis sie in die nächste Philodendron-Falle geraten, um wieder als unfreiwillige Bestäuber zu wirken.