Auch in der Justiz geschehen – man mag es glauben oder nicht – gelegentlich Wunder. In München beispielsweise ist es in diesem Jahr einem Richter gelungen, sich in aller Öffentlichkeit zu verdoppeln. Noch im Frühjahr trat Manfred Götzl, Vorsitzender Richter am Oberlandesgericht, dem Publikum als unerbittlicher Bürokrat entgegen, als sturer Bock und Gesetzesbuchstabenfetischist, der ungerührt den Untergang der Welt betrachten würde, wenn der sich nur im Einklang mit der Rechtsordnung vollzöge.

Das war, als der Prozess gegen die mutmaßliche Rechtsterroristin vom NSU und zehnfache Mörderin Beate Zschäpe und vier Mitangeklagte beginnen sollte, aber nicht beginnen konnte, weil der Vorsitzende Richter Götzl sich in den Vorschriften zur Journalisten-Akkreditierung verheddert hatte. Das hatte unter anderem dazu geführt, dass kein türkischer Journalist einen festen Platz im Gerichtssaal gefunden hätte, eine Bizarrerie, die einerseits zwar sofort vom Bundesverfassungsgericht korrigiert wurde, andererseits das Bild von Götzl als unerbittlicher Bürokrat, sturer Bock usw. in aller Welt verbreitete. Noch nie waren bereits vor Beginn eines Strafverfahrens nicht nur Sturzwellen, sondern Kaventsmänner der Kritik auf einen Richter derart niedergefahren wie auf Götzl. Und so einer sollte in der Lage sein, den größten und heikelsten Prozess gegen neonazistische Terroristen in der Geschichte der Bundesrepublik angemessen zu führen?

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