Manfred Krug gibt selten Interviews, wohl auch, weil er sich nicht gern wiederholt. Fragen, die er schon kennt, kann er gar nicht leiden. Krug, Jahrgang 1937, war in der DDR sowohl als Schauspieler ("Spur der Steine") wie als Swing- und Jazzsänger beliebt, bevor er nach seinem Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung mit Frau und drei Kindern das Land verließ. Da war er 40 und brauchte ein bisschen Anlauf, bevor er als "Liebling Kreuzberg" und "Tatort"-Kommissar Stoever ein gesamtdeutscher Star wurde. Vor neun Jahren gab er das Fernsehen auf, schrieb einen autobiografischen Roman sowie einen Geschichten-Band, lebt als Rentner in Charlottenburg, doch zum Singen geht er noch regelmäßig auf die Bühne, das nächste Mal am 2.Januar im Admiralspalast. Vorher beantwortete Manfred Krug ein paar Fragen - schriftlich. Leider habe er das Über-sich-Schwafeln wohl schon etwas verlernt, schreibt er in der Antwort. Hat er früher geschwafelt? Ach, er ist unterhaltsam wie erwartet.Herr Krug, 1500 Plätze hat der Admiralspalast, sein großer Saal empfängt nur selten eine Jazzformation, schon gar nicht Anfang Januar. Sie aber sind auf ihrer beherzten Jazz-Dauertournee mit Uschi Brüning, Ernst-Ludwig Petrowsky, Jiggs Whigham, Marc Secara und dem Berlin Jazz Orchestra dort jedes Jahr erfolgreich. Staunen Sie auch über dieses treue Publikum, besonders hier im Osten? Was werden Sie ihm dieses Mal vorsingen?Das klingt bei Ihnen, als sei es immer dasselbe. Wir haben es geprüft: etwa 13 Prozent des Publikums sind immer dieselben Personen, die anderen sind immer neu und hören alles zum ersten Mal. Der treue Teil fragt nicht: "Was wird gespielt und gesungen?", sondern: "Wer spielt und singt?" und "Sind es die, die damals jung waren, als wir selbst jung waren? Dann sind sie gerade richtig." Ich glaube, große Künstler machen immer was Neues (Picasso), kleinere machen eher das Altbewährte (Chagall). Ich gehöre zu der Gruppe, die sich nicht quält.In Darmstadt war das Theater zum Tourneeauftakt vor zwei Jahren nur halb voll - dort ist man nicht mit Ihren vier ersten Platten aufgewachsen, die viel zur musikalischen Geschmacksbildung des jüngeren DDR-Volks beigetragen haben. Wären Sie lieber ein gesamtdeutscher Sängerliebling geworden als ein gesamtdeutscher Schauspielerliebling?Darmstadt liegt im Westen und ist ohnehin nur halb voll. Alles, was ich, wenn überhaupt, geworden bin, das bin ich ohne Plan geworden. Wenn meine Singerei für wertvoller gehalten würde, als meine Verstellungskunst, dann wäre es mir auch recht. Hauptsache, man kann davon leben.Sie haben vor zehn Jahren alte amerikanische und alte deutsche Schlager herausgebracht, zwei Platten, liebevoll aufgenommen, heiter, geistreich, mit 150 000 Mark selbst finanziert. Soweit ich weiß, kein Erfolg - die falsche Musik oder die falsche Zeit?Ich habe viel mehr erfolglose Platten und CDs gemacht als erfolgreiche. Das muss an mir liegen, verdammt. Einzelne Menschen allerdings gibt es, die finden Platten von mir liebevoll, heiter, geistreich. Die paar Leute können meine finanziellen Einbußen nicht ausgleichen. Wie ich mich tröste, erahnen Sie schon: Es war die falsche Musik UND die falsche Zeit.Uschi Brüning, mit der ich nach Ihren ersten gemeinsamen Konzerten über Sie tratschen wollte, war anfangs schrecklich einsilbig. Heute nicht mehr, sie behauptet: Er wird immer besser - stimmlich strahlender, sicherer, mutiger. Sie sagt sogar: Er wird immer netter. Was ist los mit Ihnen? Wollen Sie jetzt lebenslang ein gütiger, verständnisvoller älterer Herr sein? Nie wieder einen ollen Autofahrer ohrfeigen oder einen frechen Aktionär beschimpfen?Sie haben ja ein geradezu investigatives Gedächtnis. Das war aber kein "oller" Autofahrer, sondern ein junger aggressiver. Der Olle war ich. Na ja, Spaß beiseite. Was Sie da Unglaubliches über mich von Uschi Brüning erfahren haben, ist leicht zu erklären: Schon als jüngerer Mann war ich in die Sangeseleganz von Uschi Brüning und ihre Neigung zu erröten heimlich verliebt. Heimlich deshalb, weil ich mir damals schon viel zu alt vorkam, an irgend etwas über die reine Verehrung Hinausgehendes auch nur zu denken. So versteckte ich über Jahrzehnte meine herzlichen Gefühle für Uschi hinter einer gelangweilten Fassade. Als die DDR nicht mehr da war, begegneten wir uns wieder, und Uschi war ihrerseits nicht weniger verheiratet als ich. Da scholl es aus meinem Munde viel erwachsener und entspannter in den Wald hinein, und wie es hineinschallt, so schallt es heraus."Wenn ich singe, zeige ich, was für ein Mensch ich wirklich bin. Ein feinfühliger Mensch, nicht so ein proletarischer Klotz." Das ist ein schöner Satz von Ihnen. Aber stimmt er? Wann haben Sie das Wirkliche in sich entdeckt?Da muss wohl ein Zeitungsmensch sich der dichterischen Freiheit erinnert haben. Denn die Feinfühligsten, die ich kenne, leben unauffällig unter Proleten. Und ich bin selbst einer.Eine Weile haben Sie mit Ihrer Tochter Fanny musiziert, dann nicht mehr. Hatte es musikalische, menschliche oder praktische Gründe?Menschliche.Ist Ihre kleine Lieblingsenkelin, die Sie im Gespräch über Großelternvorlieben mal erwähnten, jetzt Ihre große Lieblingsenkelin? Oder ändern sich solche Dinge auch in der Familie manchmal überraschend?Meine drei einzigen Enkelinnen sind allesamt Lieblingsenkelinnen, und, gemessen an mir, sind sie alle noch immer klein.Seit Jahren warten wir nach Ihrer Autobiografie "Mein schönes Leben" von 2003 auf die Fortsetzung, wollen erfahren, warum Ihre kurze heftige Liebe zu Angelica Domröse auseinanderging und wie das mit Ihren Freundschaften zu Peter Hacks und Frank Beyer war. Jetzt hören wir, das Buch sei längst fertig, es gehe nur um Modalitäten wie Honorar und Werbung."Woher haben Sie nur das ganze Zeug?" ist ein Satz, den Sie sicher manchmal hören, und auch ich kann nicht darauf verzichten. Nix ist fertig. Sie selbst sollten wissen, wie brutal man der Welt den Rücken kehren muss, wenn man als Schreiber etwas schaffen will. Ich habe keine Lust, jetzt schon der Welt den Rücken zuzukehren, bloß weil ich was über mich schreiben will.Wie vergehen denn so Ihre Tage? Sie würden nicht mehr so gerne Bücher lesen, zitiere ich aus dem Zusammenhang gerissen, seien abends immer so müde. Auch das Fernsehen tadeln Sie gelegentlich scharf und streng, man sieht Sie nur noch sehr selten im Theater, nie erzählen Sie von Reisen. Was tun Sie, wenn Sie nicht auf der Bühne stehen?Ich bin Rentner. Darauf habe ich hingearbeitet. Ich mache, was ich will. Gehe über Flohmärkte, lerne was über unsere Vorfahren, deren Werkzeuge ich auskundschafte; rede mit den Leuten, feilsche, streite, lass den Leutseligen raushängen; anschließend putze und repariere ich den Trödel, die Sachen kriegen Namen, wachsen an mich ran, gehören mir schließlich, denn "was du ererbst von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen". Dann fahre ich durch die Mark Brandenburg und lerne Typen kennen und Kürbisse und Waldstücke. Alles, was Sie noch nicht können, das kann ich schon. Neidisch?Ja, sicher, dicke Bücher werden mir allmählich zu dick, da tun mir die Augen weh. Wir Rentner haben Verschleißerscheinungen, gell? Theater - da verstehe ich die modernen, nicht mehr sprechen könnenden Schauspieler so schlecht. Das potenziert sich doch alles! Schlechtes Sprechen passt zu tauben Ohren. Auch hier müssen wir Rentner Abstriche machen. Reisen? Tja, der Mark Twain ist vor hundert Jahren in hohem Alter viel gereist, da gab es noch ne richtige Eisenbahn in Deutschland. Pünktlich. Verlässlich. Rums, mit Volldampf durch die Schneewehen ... Tatsächlich scheinen mir große Teile des Fernsehens so belanglos geworden, wie sie es noch nie waren, das sehen Sie doch alles selbst. Der Anteil der Volksverdummungssender wird größer. Das geht Hand in Hand mit gewissen Zeitungen. Ein Komplott. Oder?Verdienen Sie gutes Geld mit Ihren Büchern? So viel wie mit den Kommissaren? Müsste nicht das Einkommen generell ein bisschen gerechter verteilt werden? Heutige Serienstars glauben ja ungeachtet ihrer Qualifikation, dass sie verdienen, was sie bekommen.Gutes Geld mit Büchern zu verdienen, ist schwer. Da müsste ich sofort zum Fernsehen zurückgehen. Oder mal einen Knüller fabrizieren. Die guten Kommissare sind unterbezahlt, wenn man bedenkt, wie viele Millionen Zuschauer sie an einem Abend erreichen. Die heutigen Telenovela-Stars sind noch schlechter dran, wenn man bedenkt, wie viel Schwachsinn die an einem einzigen 12-Stunden-Tag aus sich herauswürgen müssen. Ruhm können sie damit keinen ernten, und die Gage ist schon deshalb gering genug, weil es für sie keinen Pfennig Wiederholungshonorar gibt und weil sie beim ersten Bauchansatz wegen Schönheitsverlust rausfliegen.Herr Krug Sie hatten als Schauspieler, Sänger, Autor, Liebhaber Erfolge - neue Höhepunkte dieses Ranges sind nicht zu erwarten. Sorgen Sie manchmal bewusst für Glücksmomente? Was haben Sie noch vor und was stellen Sie an, um sich nicht vor dem Alter zu fürchten?Wenn ich mich vor dem Alter fürchten würde, hätte ich spätestens mit dreißig vom Dach des Europa-Centers springen müssen. Warten wir's ab. Vielleicht bin ich der erste Mensch, der überhaupt nicht stirbt. Mein Kollege Johannes Heesters übt daran schon eine ganze Weile ...Die Fragen stellte Birgit Walter.-----------------------Konzert im Admiralspalast am 2. Januar 2011, 20 Uhr. Karten: 030-47 99 74 99------------------------------"Die feinfühligsten Menschen, die ich kenne, leben unauffällig unter Proleten. Und ich bin selbst einer." Manfred KrugFoto: 36 Jahre sind ins Land gegangen, seit Manfred Krug im Hotel Stadt Berlin am Alexanderplatz (heute Park Inn) seine Balladen zum Vortrage brachte. Aber was soll man sagen: Die Frisur hält.