Manfred Wekwerth ist der letzte lebende Brecht-Schüler. Er war bis zur Wende Intendant des Berliner Ensembles und Präsident der Akademie der Künste der DDR. Er wird im Dezember achtzig Jahre alt und macht unverzagt weiter. Unverzagt, das ist eine Leistung! Gerade hat er wieder ein Buch geschrieben, über Brecht, worüber sonst? "Mut zum Genuss - Ein Brecht-Handbuch für Spieler, Zuschauer, Mitstreiter und Streiter". Es geht von seinen in Leipzig, Graz, London, Istanbul und Havanna abgehaltenen Brecht-Workshops aus und trägt freudig die Erkenntnis vor: "Es gibt wieder mehr Fragen als Meinungen". Das Nachschlagewerk ist ein Versuch, die Zusammenarbeit mit Brecht und die eigene Theaterarbeit vor dem Vergessen zu bewahren.Manfred Wekwerth wohnt mit seiner Frau, der Schauspielerin Renate Richter, die in fast allen seinen Inszenierungen und Filmen spielte und spielt, in Berlin-Grünau. Sein Nachbar war jahrzehntelang der Dichter Stefan Heym, dessen Witwe wohnt noch dort. Und überhaupt, erklärt Wekwerth, ist die DDR nicht an zu viel Sozialismus, sondern im Gegenteil, an zu wenig gescheitert, an ihrer Verbürgerlichung, wie er es nennt. Arbeiterräte seien ja nie erlaubt gewesen. Auf seiner Website manfredwekwerth.de schreibt er Biografisches, auch über das Jahr 1953, darüber wie Brecht Briefe schrieb an Walter Ulbricht und Otto Grotewohl und darin eine "große Volksaussprache" forderte. Wekwerth fuhr die Briefe mit Brechts Auto, einem alten Steyr-Zweisitzer, aus, kam aber nicht mehr in das Zentralkomitee hinein, das von Bauarbeitern, die rote Fahnen tragen und die "Internationale" singen, belagert wird. Rote Fahnen, die Internationale in der angeblich von außen gesteuerten Konterrevolution! Vor der Wende hätte Akademiepräsident Wekwerth, der Intendant und Brechterbebewahrer, das kaum erzählt.Wekwerth hat seit der Wende viel inszeniert (z. B. "Jedermann" , "Iphigenie", "Gefährliche Liebschaften", "Celestina", "Doktor Faust") und mehrere Stücke neu übersetzt. Er war mit dem "Theater des Ostens" von Vera Oelschlegel unterwegs. Er hielt die Trauerrede für Markus Wolf. Er eröffnete die Akademie der Darstellenden Künste in Delitzsch/Sachsen. Zurzeit ist er Honorary Fellow of the Rose-Bruford-College in London und arbeitet für die Zeitschriften "Ossietzky" und "Das Argument". Er hat das von Brecht unvollendet in Versen gesetzte Kommunistische Manifest für die Bühne eingerichtet und in fünf Städten aufgeführt.Kürzlich war er mit der Rockband EMMA und dem Brecht-Programm "In der Sünder schamvollem Gewimmel ..." in Marburg und Wiesbaden. Zu erleben war eine Überraschung: Die jungen Herren aus Bleicherode/Thüringen singen nicht nur vom "Moon of Alabama", sondern auch das Kirchenlied "Der Mond ist aufgegangen": "So sind wohl manche Sachen/die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn." ------------------------------Foto : Theatermacher Manfred Wekwerth: "Es gibt wieder mehr Fragen als Meinungen."

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.