Szenische Lesungen sind oft sehr schrecklich. Das liegt ganz eindeutig an der Unentschiedenheit solcher Veranstaltungen: weder Theater noch Literatur; nicht frisch, nur Fleiß. Noch schrecklicher sind als Inszenierungen getarnte szenische Lesungen. In ihnen werden Kostüme angelegt, Make-up aufgetragen, Requisiten angegriffen, so genannte Bilder gesucht, indem beispielsweise Sand auf ein Paar dezent beleuchtete Kinderschuhe rieselt, wird in einem abstrakten Bühnenbild Platz genommen, wird gemacht, was man so Gänge nennt, und niemand muss ins Textbuch schauen, weil alle alles auswendig können. Theater ist das noch nicht.Ein solcher Inszenierungs-Fake ist dem Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin unterlaufen, wo in Kooperation mit dem Avantgardefestival "steirischer herbst" ein "Antikeprojekt II" produziert wurde: "Manhattan Medea" von Dea Loher. Man tut dem Stück, das ein gut geschriebenes und annehmbar gebautes Stück mit eigentlich kräftig gezeichneten Figuren ist, keinen Gefallen, wenn man es anhand seiner Uraufführung bespricht. Wie aussagekräftig oder wirkungsvoll es ist, erfährt man hier nicht.Ernst W. Binders Regiearbeitslosigkeit trägt dabei ihre Uninspiriertheit, man kann auch sagen: ihr handwerkliches Unvermögen mit einem Stolz vor sich her, als wäre es eine besondere Auszeichnung, sich dem Theater verweigert zu haben. Da regt sich bei allem Fürchterli-chem auch Mitleid. Man wünscht "Manhattan Medea" eine zweite Aufführung, aber vor allem wünscht man dem Stück eine Aufführung. Auch wären für einen zweiten Versuch Schauspieler nicht schlecht, die miteinander spielen statt einander anzugaffen.