Manuel Werner zeigt auf einem Berliner Fernsehsender eine Gastro-Show. Restaurantkritiker ist er allerdings nicht: Der Geschmacksverstärker

BERLIN, im Januar. Warum Mittelalter? hatte er den Besitzer gefragt. Und der hatte zurückgegeben: Weil das die Leute jetzt so haben wollen. Die Handwerker ziehen noch die letzten Schrauben fest, montieren Haken für die Kampfäxte, als er herein kommt. Ein Mann mit silbergrauem Haar, hellen Augen und einem Schnauzbart, den er trägt, seit das erste Barthaar gewachsen ist. Die Kamera folgt ihm durch den Raum, vorbei an dem künstlichen Brunnen, an den Rüstungen, an dem elektrischen Kerzengeflacker der eisernen Leuchter. Er lässt den Blick über die Wände streifen, nickt wohlwollend in die Weite und lächelt schließlich der Kellnerin zu, die schüchtern und in ein Dirndl gekleidet zwischen Tischen steht. Würde er richten, könnte er hier, zwischen Schwertern und Lanzen, gut der Henker sein. Aber Manuel Werner richtet nicht. Er bringt wirtschaftlichen Aufschwung für alle.Zwischen den ZeilenEs ist schwer, in der heutigen Fernsehzeit ein Original zu bleiben. Manuel Werner hat es wohl geschafft. Sein Auftritt hat etwas entrückt Unzeitgemäßes. Der Schnauzbart, unter dem ein immer währendes Lächeln sitzt wie festgewachsen, verleiht seinem Gesicht einen verdächtigen Ausdruck. Seit zehn Jahren gibt es "FAB - das Fernsehen aus Berlin". Es ist ein kleiner Sender mit Spartenprogramm, gefüllt mit Formaten, die die Leute einer großen Stadt eben gerne gucken sollen: eine Handwerkssendung, ein Angelmagazin und so fort. Und möglicherweise gäbe es weniger Menschen, die außer beim Zappen auf dem Programmplatz hängen blieben, würde nicht gelegentlich Manuel Werners Antlitz auf dem Bildschirm erscheinen, unterlegt mit einer sphärischen Stimme, die sich immer so befriedigt anhört, als habe der Sprecher gerade ein köstliches Sinneserlebnis hinter sich gebracht. "Ars Vivendi" heißt die Sendung, mit der Manuel Werner zur einzigen Identifikationsfigur von FAB geraten ist. Es geht darin um Speisen und Getränke und Lebenskultur. Manuel Werner ist 52 Jahre alt. Die Sendung, die im Monat etwa zwanzig Mal wiederholt wird, hat im Schnitt 400 000 Zuschauer.An diesem Abend eröffnet die "Alte Burgschänke" in der Albrechtstraße in Berlin-Mitte, und der Betreiber wünscht sich eine Empfehlung. Manuel Werners Lobesrepertoire reicht von "hervorragend, exzellent, wunderbar" über "meisterlich" bis zu "Ohne Fehl und Tadel." Restaurants, die in "Ars Vivendi" besprochen werden, haben kurze Zeit später volles Haus. Niemals wird eines negativ bewertet. "Das könnte ich gar nicht", sagt Manuel Werner. "Wenn ich das einmal mache, können die dicht machen. Geschulte Ars Vivendi-Gucker hören zwischen die Zeilen. Ob ich sage: das hervorragende Lammfilet oder nur: Das Lammfilet." In der "Burgschänke" wird eine Pastete mit Wildragout und eine Lammhaxe zum, wie Manuel Werner sagen würde, fairen Preis von 22,50 Mark gereicht. Die Kellnerin muss mehrmals an den Tisch eilen, um den Teller kameragerecht zu servieren. Manuel Werner setzt dann die Brille auf und beguckt das Gericht mit Drehungen von allen Seiten, während Ingo, der Kameramann, mit dem Objektiv jeden Tropfen aufsaugt. In seine Bewegungen haben sich über die Jahre Wiederholungen gefressen. Er legt den Kopf schief oder er nickt, manchmal auch beides, immer lächelt er dabei. Wenn er gefilmt wird, wirkt er ganz entspannt. Ist die Kamera ausgeschaltet, verrichtet Manuel Werner seine Arbeit mit einer Ernsthaftigkeit, die seinem Wesen etwas Bedrohliches verleiht. Als müsse man aufpassen, ihn nicht zu reizen. Er verschränkt die Arme vor der Brust. Die Mundwinkel fallen ab. Er ist der Boss.Sein Produktionsteam besteht aus drei Leuten: dem Kameramann, der Tonfrau und ihm. Er sei nun mal kein Teamplayer, sagt Manuel Werner, und am liebsten täte er alles alleine. Die Sendung produziert er in seinem Büro in Charlottenburg. Unter bunten Gemälden sitzt eine blonde Schaufensterpuppe in roten Dessous und Strapsen, die er lange Jahre als "ideale Lebenspartnerin" gesehen hat. Dahinter steht über den Winter sein Motorrad, eine Suzuki Intruder 1 400 Highway Edition. Keine Harley. "Jeder, der meint, etwas darstellen zu müssen, fährt eine Harley. Das ist für mich Grund genug, keine zu fahren."Ein Oscar aus PlastikIn dem großen Schneideraum steht ein Oscar aus Plastik, verliehen an Manuel Werner für die 500ste Sendung der "Nachtschau", seinem ersten Format auf dem "Spreekanal". 1985 war das, da gab es FAB noch nicht, und Manuel Werner war freischaffender Fernsehproduzent. Es habe ihm so gefallen, Fernsehen selbst zu machen, dass er mit einigen Kollegen kurzerhand einen eigenen Sender geboren habe. Im April 1991 startete FAB auf eigener Frequenz in Berlin. Die Hälfte der 21 Gesellschafter produziert das Programm, darunter auch Manuel Werner. Er macht neben "Ars Vivendi" die "Partnerwahl" und das Horoskop, das es seit einiger Zeit nicht mehr gibt.Für das Horoskop saß der Moderator vor einer sich drehenden Sternenprojektion und trug mit seiner buttrigen Stimme selbst geschriebene Zukunftsprognosen vor, die er mit Hilfe von Computerprogrammen und Büchern verfasst hatte. "Ich habe mir einfach vorgestellt, wie sich Sternzeichen unter bestimmten Umständen verhalten würden", sagt er. Sein Horoskop sei stets eine Mischung aus Astrologie, Psychologie und Ironie gewesen. Einmal hatte er im Karnevalsmonat die Horoskope als Büttenrede vorgetragen, was seiner Glaubwürdigkeit bei den Zuschauern aber keinen Abbruch tat. Im Gegenteil. "Sie sollten sich in der Auseinandersetzung mit ihrem Chef keine Blöße geben", hatte er Menschen mit dem Sternzeichen Fisch geraten. Er sagt, es habe ihn kurze Zeit später ein erbitterter Anruf erreicht von einem Mann, der sich so wenig Blöße gegeben hatte, dass er seine Arbeit verloren habe. "Die Leute nehmen mir alles ab. Das ist doch gefährlich. Da habe ich aufgehört." Glaubwürdigkeit scheint ihm häufiger zum Problem zu werden. Als er einmal spielte, er sei während einer Restaurantkritik ganz betrunken geworden, schrieben ihm die Zuschauer wütende Briefe. Einer schimpfte sogar: "Herr Werner passt nicht mehr in die Sendung, weil er dem Anspruch und Niveau, das die Sendung vermitteln will, nicht entspricht." Oder Menschen, die ihn auf der Straße ansprechen: "Herr Werner, ich habe Sie in der Nacht schon wieder essen sehen. Wie machen Sie das nur, dass Sie so schlank bleiben?" Er habe keine Lust, den Leuten zu erklären, dass die Sendung häufig wiederholt wird, sagt er. Ansonsten joggt er viel.Beide Eltern sind Schauspieler. Er sollte etwas Besseres werden, also zog er nach Berlin, um Kameramann zu lernen. Anschließend studierte er Publizistik und Soziologie. "Ich wollte schon in die Branche. Aber nicht vor die Kamera, sondern dahinter." Was davor geschehen konnte, hatte sein Bruder Marcel vorgelebt, der den frühen Erfolg aus der "Tatort"-Episode "Nachtfrost" nicht verkraften konnte und sich, 34 Jahre alt, zu Tode trank. Die Mutter, die Manuel Werner als liebevolles, aber ungestümes Wesen beschreibt, lebte nach der Trennung vom Mann mit dem Schauspieler Hans-Jörg Felmy auf Amrum. Dort lebt sie heute noch, und Manuel Werner, esoterisch interessiert, machte dort auf der Insel "paranormale" Erfahrungen. "Einmal habe ich eine UFO-Sichtung gehabt, das kann ich mir bis heute nicht erklären. Drei Punkte, die ganz langsam über die Insel geschwebt sind und dann plötzlich weg waren". Nach dem Tod des Bruders hat auch die Mutter begonnen, mit Übersinnlichem zu experimentieren. Über Vogelgezwitscher, verlangsamt auf dem Tonband abgespielt, soll sie Nachrichten empfangen haben. "Die Stimme sagte zum Beispiel: Ach, schon wieder die Elfriede Rückert. Das war verrückt. Ich glaube ganz fest an ein Leben nach dem Tod." Er sagt, er sei immer mit Schauspielern zusammen gewesen. "Vielleicht genieße ich es deshalb so sehr, in meiner Sendung in verschiedene Rollen zu schlüpfen." Er erfindet Geschichtchen um seine Gänge in Restaurants, die er privat wohl niemals betreten würde. Es soll aussehen, als sei die Show ein Spiel und kein Geschäft. Aus einem mexikanischen Lokal torkelt er umnebelt von Tequila heraus und zerbricht das neuerworbene Indio-Geschirr, in die "Alte Burgschänke" gerät er zufällig vor dem Theaterbesuch und bleibt dort, vor lauter Met im Kuhhorn zum Maßlosen geworden, stattdessen hängen."Lieben mich die Leute?"Eine große Karriere im Fernsehgeschäft habe er nie gewollt, sagt er. "Sicher, es gab das eine oder andere Angebot. Aber ich muss doch meinem Sender treu bleiben. Was wäre anders, wenn ich große Karriere gemacht hätte? Vielleicht wäre ich heute sehr unglücklich. Ich will mir von niemandem reinreden lassen." Vielmehr scheint ihm "Ars Vivendi" Qual genug. Jeden Monat sei es ein Kampf um die Frage: "Lieben mich die Leute genug?" Seit er eine Tochter mit seiner Tischdame hat, die ihm an den Restauranttischen assistiert, sei die Karriere sowieso unwichtig geworden.Seine Karriere ist klein, aber der Verkaufserfolg gibt Manuel Werner Recht. Die Restaurantbetreiber buhlen um seine Gunst, weil die auch der einfachsten Gaststätte Kunden einbringt. Und die Zuschauer folgen seinen Empfehlungen kritiklos, bis zur Enttäuschung. Er bekomme viele Zuschriften, sagt er, mehr als je zuvor. Auch Beschwerden. Ein Professor war dem Hinweis in ein gutbürgerliches Haus gefolgt und wurde von der erdigen Küche enttäuscht. "Warum nur?", fragt Manuel Werner. "Ich habe das bestimmt nicht als Gourmet-Lokal verkauft."Den Bericht über die "Burgschänke" schneidet Manuel Werner so zurecht, dass das Mittelalterlokal wie ein herrliches Erlebnisrestaurant aussieht. Wenig später läuft die Sendung. Es ist schwer, darin kritische Ansätze zu entdecken. Manuel Werner, der für alle ein freundliches Wort übrig hat, beschreibt mit schmeichelnder Stimme die Einrichtung und das, was auf den Tellern lag. Immerhin: Über den Geschmack des Essens in der "Burgschänke" verliert er diesmal kein einziges Wort.BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER "Was wäre anders, wenn ich große Karriere gemacht hätte?" - Manuel Werner in seinen Büroräumen.