Mager ist schön!" Das ist die Botschaft, die junge Frauen erreicht, wenn sie durch die Straßen gehen, die Werbung sehen auf den Plakatwänden, in den Zeitschriften und im Fernsehen. In einer Zeit, wo die Tische zusammenbrechen unter der Last der Delikatessen, gilt als vornehm, wer auf das Essen verzichten kann. Magersucht ist eine Krankheit, die nur in den westlichen Überflussgesellschaften anzutreffen ist und sich dort in erschreckendem Maße ausbreitet. Die Diktatur der Mode begünstigt sie und die Schwierigkeit der Frauen, eine stimmige Identität zu finden: Sie sollen nämlich nicht nur den modernen, sondern auch den traditionellen Frauenbildern entsprechen, immer elegant und gepflegt sein, erfolgreich in Studium und Beruf, vernünftige Ehefrau, leidenschaftliche Geliebte, opferfreudige Mutter und geduldige Altenpflegerin. Und weil es ihnen unmöglich ist, diese sich widersprechenden Rollen im fliegenden Wechsel zu spielen, fühlen sie sich unzulänglich. Was dem ausgehenden 19. Jahrhundert die Hysterie war, das ist dem ausgehenden 20. Jahrhundert die Anorexie. Beides sind psychische Krankheiten, die fast ausschließlich bei jungen Frauen diagnostiziert werden. Und zwar bei solchen, die besonders intelligent und sensibel sind. Sie protestieren gegen die gesellschaftlichen und familiären Zwänge mit einem unerklärten Hungerstreik, die Monatsblutungen setzen aus, sie magern ab bis auf die Knochen und leiden an einer völlig verzerrten Wahrnehmung des eigenen Körpers. Hoch gewachsene Mädchen, die nicht einmal 40 kg wiegen, drehen sich vor dem Spiegel und klagen über ihre dicken Oberschenkel.Während die restriktiven Anorektikerinnen sehr wenig zu sich nehmen, wird die Fastenzeit bei den bulimischen Anorektikerinnen von Fressanfällen unterbrochen. Sie schlingen dann wahllos in sich hinein, was der Kühlschrank hergibt und bekämpfen ihr Schuldgefühl anschließend, indem sie Brech- und Abführmittel nehmen. Die Bulimie ist seit Anfang der neunziger Jahren die vorherrschende Form der Anorexie. Mädchen im Alter zwischen 10 und 20 Jahren sind besonders gefährdet. Die Heilung dauert mehrere Jahre, manche Anorektiker sind unheilbar und hungern sich zu Tode. Ende der vierziger Jahre gab es die ersten Fälle von Magersucht. Seit dieser Zeit beschäftigt sich Mara Selvini Palazzoli unablässig mit diesem rätselhaften Phänomen. Sie brach ihre internistische Karriere ab, ließ sich zur Psychoanalytikerin ausbilden, wandte sich der systemischen Familientherapie zu und gründete in Mailand das berühmte "Nuovo Centro per lo Studio della Famiglia". Mit wechselnden Teams entwickelte sie eine sehr erfolgreiche Methode der Behandlung, Ergebnis von jahrzehntelanger Erfahrung und einer selbstkritischen Haltung, die dem Leser einigen Respekt abverlangt. Die Sprache von Mara Selvini Palazzoli ist von großer Klarheit. Selbst dem Laien vermittelt sie ein genaues Bild von den Persönlichkeiten der Mädchen und den Familien, in denen die Krankheit eine Heimstatt findet. Oft sind es Familien, die als Idealfamilie gelten, obwohl es ein schweigendes Unbehagen gibt. Die Eltern sind unfähig, sich zu trennen, unfähig, sich die Bedürfnisse nach Zärtlichkeit, Rückenstärkung, Wertschätzung und Nähe im Gespräch gegenseitig zu erfüllen. Deshalb wird die Tochter von einem Elternteil benutzt und gegen den anderen Elternteil ausgespielt. Entweder entwickelt sich eine symbiotische Beziehung mit der Mutter, in der Nähe mit Zudringlichkeit und Vertrauen mit Kontrolle verwechselt wird. Oder die Mutter ist so beansprucht, dass sie sich um ihre Tochter nicht kümmern, sie im übertragenen Sinn nicht "ernähren" kann. Vielleicht kommt es zu einem verführerischen Spiel zwischen Vater und Tochter, das selten zum Inzest führt, aber oft zu inzestuöser Panik.Das Buch beschreibt verschiedene denkbare Konstellationen und denkbar verschiedene Individuen, die zu einer dependenten, zwanghaften, narzisstischen oder Borderline Persönlichkeitsstörung neigen, ohne in diesen Schemata aufzugehen. Mara Selvini Palazzoli definiert die Anorexie als einen Selbstdefekt, einen extremen Mangel an Selbstwertgefühl und ein depressives Erleben, das die ganze Existenz bestimmt. Um das zu bekämpfen, fängt die spätere Anorektikerin ihre Diät an. Die Ohnmächtige gewinnt Macht über ihren Körper und über ihre Familie, die von den Symptomen erschreckt ist. Und so wird aus dem Hungern ein Rausch und eine Sucht. Das Kind will nicht erwachsen werden, weil es keinen Erwachsenen vor sich hat, mit dem es sich identifizieren kann. Die unglückliche Ehe der Eltern lässt sich auf Verletzungen und Verwerfungen zurückführen, die sie in ihrer eigenen Kindheit erfahren haben. Die Tochter verkörpert unbewusst deren Leidensgeschichte und erzwingt durch die Anorexie ihre Aufarbeitung. Deshalb betrifft die Familientherapie nicht nur die Anorektikerin, sondern auch ihre Eltern und Geschwister, die zusammen und einzeln zu den Sitzungen bestellt werden. Sie überblickt drei Generationen, deckt das Zusammenspiel der Beziehungen in der Familie auf und die Opferrolle der Patientin. Sie drängt auf die Veränderung aller Beteiligten und setzt sogar bei Mädchen, die monatelang in der Klinik gewesen sind und jahrelang beim Psychoanalytiker gesessen haben, nach wenigen Treffen eine Heilung in Gang. Anders als in der Klinik werden in der Familientherapie weder Kalorien gezählt noch Essverträge geschlossen, so dass sich die Aufmerksamkeit von den Symptomen auf die Ursachen verschiebt. Anders als der Psychoanalytiker hört der Familientherapeut dieselbe Geschichte aus verschiedenen Perspektiven. Er kann die verzerrten Berichte mit seiner eigenen Wahrnehmung der Familie vergleichen und erreichen, dass jeder seine Mitschuld an der Krankheit eingesteht und sie wieder gutzumachen versucht. Mara Selvini Palazzoli hält die Triebtheorie Freuds und seine Vorstellung von einem ursprünglichen Autismus für überholt. Sie spricht von der ursprünglichen Entwicklung des Selbst durch Bindungen und legt ihrer Therapie ein Menschenbild zu Grunde, das sich nicht nur beim Entzug von Magersüchtigen bewährt.Mara Selvini Palazzoli: Anorexie und Bulimie. Neue familientherapeutische Perspektiven. Aus dem Italienischen von Klaus Laermann. Klett-Cotta. Stuttgart 1999. 260 S. , 68 Mark.