Marco Kreuzpaintner aus Rosenheim, Sohn einer Sekretärin und eines Briefträgers, studierte Kunstgeschichte in Salzburg, versuchte sich in Kurzfilmen und drehte die Spielfilme "Ganz und gar" und "Sommersturm". Danach überließ ihm der Regisseur Roland Emmerich das Drehbuch zu "Trade - Willkommen in Amerika", wo er eigentlich selbst Regie führen wollte. "Trade" (ab 18.10. im Kino) erzählt davon, wie Kinder und Frauen von Mexiko in die USA verschleppt und dort versteigert werden. Das Hollywood-Debüt ist ernsthaft, packend und anrührend. Der Regisseur ist jetzt 30, zieht demnächst nach Los Angeles, wirkt scheu und jungenhaft, wenn er von seiner Arbeit erzählt.Herr Kreuzpaintner, ein 30-Jähriger Bayer dreht in Mexiko-City und New Jersey einen Film über Zwangsprostitution, mit Roland Emmerich als Geldgeber und Produzent. Halten Sie das für normal?Na ja, das ist es wohl nicht. Es gab einfach Zufälle, dazu noch viel Glück. Roland Emmerich fand "Sommersturm" gut und hat mich nach Los Angeles eingeladen. Er gab mir einen Stapel Drehbücher - interessiert hat mich nur "Trade".Nicht gerade ein Stoff, mit dem Sie sich auskannten.Sicher, aber die Welt, in der er spielt, war mir trotzdem nicht fremd. Hier geht es ja um eine ganz simple Geschichte: Eine 13-Jährige verschwindet und der große Bruder sucht nach ihr. Ich bin selbst bei einer alleinerziehenden Mutter groß geworden, musste mich um meinen Bruder kümmern. Die machistische Struktur Lateinamerikas, in der der Bruder auch die Rolle des Ernährers übernimmt, kenne ich gut aus Brasilien, wo mein Ex-Freund lebt.Haben Sie das Thema überblickt? Ich hatte keine Ahnung, welche Ausmaße Zwangsprostitution hat.Ich hielt das zunächst auch alles für Übertreibungen, und von Internetversteigerungen hatte ich nie gehört. Aber eine Million Frauen und Mädchen werden jedes Jahr verschleppt, nach den Angaben von Hilfsorganisationen gibt es weltweit 12 Millionen dieser modernen Sklaven. Mehr, als vor 200 Jahren in den USA. Dass es Kinder und Frauen trifft, macht mich aggressiv.Davon haben Sie sich einiges für Ihren Film aufbewahrt. Zugleich bringt er einen zum Heulen - ist es Emotionalität, die Ihnen den Weg nach Hollywood ebnete?Möglich, ja - ich scheue mich nicht, die Gefühle der Figuren auch zu zeigen. Aber ich mache auch kein emotionales Manipulationskino. Ich habe versucht, die Geschichte sachlich aus dem Blick der Opfer zu erzählen. Die Berliner Schule dagegen hat wohl eher Angst, sich an ein breiteres Publikum zu wenden. Wobei ich auch nicht weiß, wer das genau ist, das Publikum. Ich gehe einfach von mir aus, was ich gern sehen würde. Ein Thema wie dieses wäre doch verschenkt, wenn man es nur für Feuilletonleser macht, die eh Bescheid wissen.Man vergisst, dass Schauspieler am Werk sind. Den Blick des Kindes, wenn es erstmals einem Mann folgen muss, nimmt man mit nach Hause. Machen Sie etwas anders?Viele Regisseure haben Angst vor Schauspielern, sprechen eine andere Sprache. Ich liebe Schauspieler, suche ihre Nähe. Ich gebe ihnen vielleicht das Gefühl, angstfrei ihre Emotionen laufen lassen zu können.In dem Film trauert die Ehefrau des US-Polizisten um ihre Katze, was die Fallhöhe des Elends veranschaulicht. Braucht man diese Verbindung in die Wohlstandswelt?Auf jeden Fall, schon, um sich nicht in Wohlfühlmanier zurücklehnen zu können. Um nicht wie mit dem Fernglas in eine andere Welt zu gucken. Unsere Probleme bekommen so eine andere Größe. Ich habe versucht, auch die Ehefrau mit ihrer Katze nicht zu denunzieren.Woher wussten Sie, dass Sie ein Regisseur sein können? Dass Sie Filmbilder sehen?Das wusste ich nicht, ich liebe einfach Filme, filmen war eine ganz fixe Idee. Hätte es nicht geklappt, hätte ich wohl Medizin studiert.Wie ist es am Set, wenn der Weltstar Kevin Kline in einem Elendsviertel dreht? Mit unbekannten mexikanischen Darstellern, die sich bis gestern kaum ein Mittagessen leisten konnten?Es hatte schon etwas Absurdes, es gab extrem viele Sicherheitskräfte, sogar mit Maschinengewehren. Wir haben in dem gefährlichsten Barrio Lateinamerikas gedreht, da geht man nicht hin, um sich mit den Bewohnern anzufreunden. Wobei sich Kevin Kline auch nicht als Movie-Star gebärdete. Er versteht er sich als Bühnendarsteller.Im Programmheft steht, jeder Hinweis auf eine politische Aussage sollte vermieden werden - aber der ganze Film ist doch hochpolitisch.Das steht da drin? Ich bin ja echt nicht der Spezialist für Menschenhandel, aber bewegen wollte ich schon was. Das Tolle in dem Fall: Der New Yorker Bürgermeister hat soeben ein Gesetz gegen Sex-Traffic auf den Weg gebracht und sich dabei ausdrücklich auf unseren Film bezogen. Früher wurden diese Delikte als Bagatelle geahndet - befreite Mädchen als Illegale, die Vergewaltiger als Schlepper behandelt.Wurde der Film in Amerika anders aufgenommen als in Deutschland?Ganz anders, jedenfalls von der Kritik. In Amerika glauben sie nicht, dass diese Dinge passieren - woanders, ja, aber nicht im eigenen Land. Jetzt, wo die USA von aller Welt wegen ihres Irakkriegs beobachtet werden, reagiert das Land geradezu pubertär, überempfindlich auf jede Kritik. Aber ich will keinem Antiamerikanismus das Wort reden, wir haben das Problem der Zwangsprostitution im eigenen Land.Im Januar ziehen Sie nach Los Angeles, Sie wollen weg von hier.Ich habe mit "Krabat" gerade etwas Deutsches abgedreht. Aber deutsche Themen kommen mir gerade vor wie Luxusprobleme. Ich bin als Arbeiterkind aufgewachsen, in einer gewissen Armut, meine Mutter hatte für uns damals 500 Mark im Monat. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn auf Menschen auf einen herabsehen. Vielleicht zieht es mich deswegen - ich sag mal pathetisch - hin zu den Armen der Welt.Soll es für deutsche Regisseure eine ernsthafte Alternative sein, nach Hollywood zu gehen?Warum nicht? Regisseure in Deutschland werden richtig scheiße behandelt. Schlecht bezahlt arbeiten sie zu miesen Bedingungen. Weil ängstliche Verleiher und angstgepeinigte Redakteure über das Produkt bestimmen. Dabei haben wir hier gerade im Vergleich mit Amerika so unglaublich viel Talent. Dort wird ja nicht etwa ökonomischer gearbeitet, im Gegenteil - hier wissen wir, wie man auch mit wenig Geld was machen kann. Aber es ist entwürdigend, als Bittsteller beim Fernsehen aufzutreten und den Geschmack des kleinsten gemeinsamen Nenners treffen zu müssen. Produzenten und Regisseure sollten sich nicht bekriegen, sondern verständigen, um nicht Spielfilme in 15 Tagen abdrehen zu müssen. Wobei - ich als junger Schwuler, der keine Familie zu ernähren hat, kann hier auch leicht Forderungen stellen. Ein Familienvater hat keine Wahl.Er muss auch fürchten, dass Hollywood nicht auf ihn wartet.Ich glaube, Hollywood sucht immer nach dem fremden Blick, nach Talenten. Wissen Sie was? Ich filme seit neun Jahren in Deutschland, in der ganzen Zeit wurden mir hier zwei Drehbücher angeboten. In Amerika hatte ich 12 Angebote allein in der letzten Woche.Jetzt gehen Ihnen wohl langsam die Träume aus.Ach, ich will nur Filme machen.Das Gespräch führte Birgit Walter.------------------------------"Ich bin ein Arbeiterkind. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn Menschen auf einen herabsehen."Marco Kreuzpaintner------------------------------Foto : Der 30-jährige Marco Kreuzpaintner sitzt schon auf gepackten Koffern - nach seinem Hollywood-Debüt will er auch dort wohnen, wo er seine nächsten Filme macht.