Der Party-Smalltalk liegt dem Künstler nicht. Doch was tun, wenn man im Mittelpunkt des Interesses steht und parlieren muss? Dann schickt man befreundete Comiczeichner vor, die merkwürdige Reden halten über Glasplatten, die nicht in Tischfugen passen, über englische Seebäder, über Rattel und über Schneck. Oder man selbst sagt merkwürdige Dinge wie "ich würde am liebsten in Kalkutta wohnen".Marcus Weimer darf seine Ausstellungsgäste düpieren, immerhin ist er ein professioneller Witzezeichner, genauer gesagt eine Hälfte des Künstlerduos Rattelschneck, und von so einem erwartet man Merkwürdigkeiten. Dass er zur Eröffnung Freund OL, den Vater aller saufenden Strichmännchen, einlädt und Intimitäten ausplaudern lässt - "wir telefonieren täglich" - gehört ebenso dazu wie die mit Edding bemalten Blechplatten an der Wand, auf denen man gähnende Hunde sieht. Oder ein Ölbild, das Sträflingshände zeigt, über deren Fingerknöcheln "BILD HILF" geschrieben steht. Oder Schlumpf-Krakeleien, in denen Weimer die Kommentare aus dem Gästebuch einer früheren Ausstellung kommentiert. Marcus Weimer alias ein Teil von Rattelschneck gehört zu den bekanntesten deutschen Cartoonisten, er veröffentlicht regelmäßig im Stadtmagazin "Tip", in der "Zeit", in der "Titanic". Doch die älteren und jüngeren Arbeiten aus der "Sammlung Adolf Glied", die er nun im "Shining Labor" in Prenzlauer Berg ausstellt, vermitteln den Eindruck, als hätte er mal eben seine Cartoons an die Wand gehängt. Aus Jux.Rattelschneck gibt es seit vierzehn Jahren. Der andere Teil des Zeichnerduos, Olaf Westfalen, lebt inzwischen als Maler in New York. "Wir faxen uns die Entwürfe unserer Zeichnungen zu", beschreibt Weimer die transatlantische Zusammenarbeit, "so lange, bis die Geschichte passt". In der "Zeit" tritt Weimer unter dem Titel "Berlin versus New York" gegen Westfalen an, um die skurrilsten Stadtabenteuer der Welt zu zeichnen. Nicht selten aber zeichnet Weimer auch allein unter dem Pseudonym.Marcus Weimer, ein Enddreißiger im Tweedanzug mit Beck s in der Hand, wohnt seit drei Jahren in Berlin. Seine Heimatstadt München findet er schöner, wegen der Biergärten, der Erinnerungen und der Stimmungen, aber der Freundin zuliebe hält er es hier aus. In Hamburg besuchte Weimer die Hochschule für Grafik und Gestaltung und lernte Kollege Westfalen kennen. Nach vier Semestern ging Weimer nur noch zum Mittagessen hin, weil ihn die Kurse langweilten. Ihr Zeichnerglück versuchten Rattelschneck bei der damals brandneuen Satirezeitschrift "Kowalski". "Die fanden unsere Sachen scheiße und nahmen die nicht, und wir waren total deprimiert." Rattelschneck kamen bei einer Wochenzeitung besser an, und konnten deren Witzseite mit bösartigen, skurrilen Bildgeschichten füllen. Und später klappte es dann doch noch bei "Kowalski", und bald auch bei "Titanic". Um Aufträge braucht sich Marcus Weimer - ein ehemaliger Gagschreiber von Thomas Gottschalk - mittlerweile nicht mehr zu bemühen. Die Verlage kommen auf ihn zu, und bieten ihm Buchprojekte zur Illustration an. Im nächsten Jahr wird er zum Beispiel die Rezepte des Stuttgarter Sternekochs Vincent Klink illustrieren. Und von der Frankfurter Buchmesse ist er mit zwei Aufträgen zurückgekommen. "Ich bin ein Naturtalent und frohgemut", erklärt Marcus Weimer seinen Erfolg. Das hätte auch die Mutter seiner Freundin gesagt. Also bitte: Das Leben kann so schön sein. "Rattelschneck": bis 21.11.02, donnerstags 20 bis 24 Uhr, Shining Labor, Kastanienallee 79, Prenzlauer Berg.Foto: BERLINER ZEITUNG/PABLO CASTAGNOLA Weil die neue Ausstellung relativ klein ist, vertrat Marcus Weimer das Comiczeichner-Kollektiv Rattelschneck alleine. Kollege Olaf Westfalen blieb in den USA.