BERLIN, 7. November. Man kann viel Gutes über den Marderhund sagen. Er sieht sehr ansehnlich aus mit seinem langen braunen Fell mit dichter Unterwolle, auch die waschbärartige Zeichnung im Gesicht lässt das fuchsgroße Tier sympathisch erscheinen. Er macht keinen Lärm wie andere Hunde; die Welpen fiepen höchstens ein bisschen, und Muttertiere knurren, wenn sie Gefahr wittern. Auf der Suche nach einer Partnerin stößt ein Rüde nachts lang gezogene, heulende Schreie aus. Wenn es sich einmal gefunden hat, bleibt ein Marderhund-Paar sich in der Regel sein Leben lang treu. Jahr für Jahr zieht es fünf bis acht Junge groß - wobei sich das Männchen sehr in der Brutpflege engagiert.Pelzlieferant in RusslandAber sowohl Wildbiologen als auch Jäger sind zurzeit in Deutschland nicht gut auf den Marderhund zu sprechen. Oder auf den Enok oder den Waschbärhund, wie er auch genannt wird. Er ist nämlich eigentlich ein Fremdling in unseren Breiten, vermehrt sich nun aber so stark, dass einheimische Tierarten gefährdet sind. Der Marderhund, der als Allesfresser gilt und sich somit sowohl von den Früchten des Waldes als auch von Schnecken, Mäusen, Kröten und Fischen ernährt, isst besonders gern Eier. Die holt er sich aus den Nestern von am Boden brütenden Vögeln, denn der Marderhund kann nicht klettern wie der richtige Marder. Für Küstenvögel und Wiesenbrüter ist die Nestplünderei katastrophal. Und für den Fuchs erweist sich der Marderhund als Konkurrent um Nahrung und Lebensraum.Den Menschen gefährdet er nur indirekt. Der normale Wanderer hat kaum die Möglichkeit, ihm unterwegs zu begegnen. Der Marderhund ist sehr scheu und nachtaktiv. Gefährlich ist er aber als Überträger von Tollwut und des Fuchsbandwurms - wenn seine Ausscheidungen an Beeren oder Pilzen landen.Ursprünglich kommt er aus dem Osten. In Ostsibirien, Ostchina, Korea und Japan war der Marderhund lange ein begehrtes Pelztier. In den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts siedelten sowjetische Fachleute ihn gezielt im europäischen Teil Russlands aus, um ihn als Pelzlieferanten jagen zu können. Er vermehrte sich so prächtig, dass er über Polen und die Tschechoslowakei 1962 in der DDR ankam. Tatsächlich werden heute noch in den östlichen Bundesländern wesentlich mehr Marderhunde zur Strecke gebracht als in den westlichen.Mit der Auswanderung hat übrigens die Pelzqualität gelitten. Im kalten Nordostasien ist das Fell dichter als hier, weshalb es hier höchstens als Nebenprodukt gilt, zumal Naturpelze ohnehin aus der Mode gekommen sind. Volker Böhning vom Landesjagdverband Mecklenburg-Vorpommern sagt, die meisten Jäger würden die erlegten Tiere eingraben. "Essen kann man den Marderhund nicht. Wer will, behält das Fell und lässt es bearbeiten", so Böhning, "aber das wird nicht gewerblich betrieben." 17 000 Marderhunde sind im Jagdjahr 2004/05 in Mecklenburg erschossen worden. In Bayern waren es nur 35, in Baden-Württemberg gar nur zwei.Der Deutsche Jagdschutzverband (DJV) regt an, die Forschung über den Marderhund zu verbessern - und ihn auch gezielt zu schießen. Torsten Reinwald verweist auf die entsprechenden Beschlüsse des DJV. Die wiederum berufen sich auf das Übereinkommen über die Biologische Vielfalt der Konferenz von Rio 1992, demzufolge Tiere wie Marderhund, Waschbär und Mink, die bei uns eingewandert sind, als "invasive Neozoen" bezeichnet werden. Übersetzen kann man das mit: aggressive Neubürger. Und nach der Berner Konvention von 1999 sollen diese Eindringlinge streng kontrolliert werden. Mit Multikulti ist da nichts.Natürliche Feinde im ZooTorsten Reinwald spricht vom "Monitoring", also von der Überwachung der Art. "Das ist auch eine Form von Naturschutz", sagt er. "Man muss bedenken, dass unsere Kulturlandschaft schon lange durch den Einfluss des Menschen geprägt ist. Und der Marderhund hat nun mal keine natürlichen Feinde bei uns." Tatsächlich ist der Mensch mit seiner Flinte - und unfreiwillig mit seinem Auto - der einzig ernstzunehmende Gegner des Marderhunds in unseren Breiten. Lediglich der Uhu erbeutet manchmal Jungtiere. Luchs, Wolf und Braunbär, seine natürlichen Feinde, gibt es in Deutschland nur im Zoo.Das Institut für Biogeografie Trier führt zusammen mit dem Institut für Wildtierforschung Hannover und der Landesforstanstalt Eberswalde das deutsche Wildtier-Informationssystem. Im kommenden Jahr soll mit dem Monitoring der Marderhunde begonnen werden, sagt Martina Bartels von der Universität Trier. "Dabei sind wir auf die Mitarbeit der Jäger angewiesen." Und wie zählen Jäger Marderhunde? "Sie erlegen sie."Demnächst hat der Marderhund erst mal seine Ruhe. Als einzige Hundeart hält er eine Art Winterschlaf. Er futtert sich im Sommer eine Fettschicht an und geht dann im Winter kaum vor seinen Bau.------------------------------Wildhund mit WaschbärgesichtDer Polarfuchs ist der nächste Verwandte des Marderhunds - und nicht der Waschbär, obwohl er ihm so ähnlich sieht. Während der Waschbär ein Kleinbär ist, gehört der Marderhund zur Familie der Hundeartigen.Ende des 19. Jahrhunderts wurden die ersten Marderhunde in Deutschland im Zoo von Frankfurt am Main gezeigt. Nachdem Marderhunde seit den 30er- Jahren in der Sowjetunion ausgesetzt wurden, gelangten sie um 1960 zunächst in die DDR.Das Wildtier-Informationssystem der Länder Deutschlands wurde im Herbst 2000 vom Deutschen Jagdschutz-Verband ins Leben gerufen. Ausgewählte Wildtierarten wie Rebhuhn, Hase und künftig auch der Marderhund werden erfasst, um dann über abgesichertes Datenmaterial zu verfügen.Die Jagd auf den Marderhund wird nicht überall unkritisch gesehen. Der alternative Ökologische Jagdverband fordert zumindest die Schonung der Tiere in der Zeit der Jungenaufzucht.------------------------------Foto: Ein seltener Anblick: Der Marderhund schleicht lieber nachts durchs Gras.

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