Der Tscheche Leos Janacek gilt als der klassische Spätentwickler unter den Komponisten, der Brite Thomas Adès als das Wunderkind unserer Tage. Das Musikfest der Festspiele aber bot am Wochenende ein Porträt beider Komponisten als Mittdreißiger, das gab zu einem instruktiven Vergleich Gelegenheit. Am Sonnabend führte Marek Janowski in der Philharmonie mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin die 1887-88 entstandene Heroische Oper "Sarka" von Janacek auf, den ersten musikdramatischen Versuch des 1854 geborenen Komponisten. Am Sonntag dann brachte Adès (Jahrgang 1971) mit dem Chamber Orchestra of Europe und dem Geiger Anthony Marwood sein Violinkonzert "Concentric Paths" zur Uraufführung. Beide Werke beziehen sich auf eine Gattungstradition; wie sie davon abweichen, das Thema Individualität - des Komponisten, der Solisten - verhandeln, das macht den Bezug interessant."Sarka" kann man in der Tat als ein Frühwerk ansehen, konventionell in der nationalromantischen Thematisierung der Amazonenthematik - die Titelheldin begreift sich als die Nachfolgerin der Libussa und kämpft gegen die Vertreter des Patriarchats, König Premysl und den Helden Ctirad. Konventionell auch erscheint die Art und Weise, in der Janacek hier noch so etwas wie eine Hüllkurve komponiert: in der immer wieder auf die traditionellen Nummern der Oper, Chor, Arie und Szene verweisenden Form; in der Harmonik, die die Phrasen als in sich geschlossene Bögen konstruiert; im kompakten, vom Streichern und Hornpedal zusammengehaltenen Orchestersatz.Unter dieser Geschlossenheit aber rumort es. So wie die widerstreitenden Affekte zwischen Libussa und Ctirad die psychische Geschlossenheit der Figuren zu sprengen drohen, so durchbricht die musikalische Energie in insistent wiederholten Motiven ständig deren musiksprachliche Verbindlichkeit. Und Janowski hat genau dieses Rumoren, den Spaltpilz der Konvention, dirigiert; der großartige Tschechische Philharmonische Chor Brno in der Einstudierung von Jan Rozehnal, die furiose Eva Urbanova als Sarka und der helle, nicht immer ganz höhensichere Tenor Peter Straka als Ctirad trugen zum überwältigenden Eindruck bei.Zuvor hatte Wolfgang Emanuel Schmidt mit engagiertem Ton den Solopart des Cellokonzerts Nr. 2 (1966) von André Jolivet gestaltet; ein Werk, in dem wiederum die expressionistische Eindringlichkeit der einzelnen Geste in einem merkwürdigen Kontrast zur Gestaltlosigkeit des Ganzen steht. Wie manchmal bei Schönberg arbeitet dieses Werk in einem Idiom harmonischer Bindungslosigkeit so, als stünde ihm noch die volle Schwerkraft der spätromantischen Tradition zur Verfügung; das Resultat ist eine gewisse redselige Leerläufigkeit.Und damit lässt sich zwanglos der Bogen zum Sonntag und zu Thomas Adès' Violinkonzert schlagen. Adès begreift die Violine nicht als eine für sich stehende Stimme, sondern als ein hilflos getriebenes, schlingerndes und verschlungenes Subjekt - im ersten Satz etwa in fast pausenlosen hysterischen Figurationen über einem sich immer mehr in die Tiefe aufreißenden Orchesterstrudel. Aber wo bei Janacek sich die musikalische Intuition allmählich an die Oberfläche arbeitet, treten bei Adès die Ideen ohne Widerstand auf den Plan - und verpuffen. Im Finale wird eine eindrucksvolle Marsch-Idee - dünne Streicherlinien über pochendem Untergrund - exponiert, dann sofort fallengelassen, und die Violine stimmt eine lange, ziellos schweifende Kantilene an. Der Satz endet so abrupt, als hätte der Komponist den Griffel zum Dienstschluss fallen gelassen.Es ist ein eigenartiges Nicht-Verhältnis zur musikalischen Zeit, das Adès hier artikuliert: Alles wird aktionistisch mit Ereignissen und Stimmen vollgestopft, aus denen nichts folgt, auch im großen Mittelsatz gibt es eigentlich keinen Moment der Ruhe. Und so, aus einer Furcht vor der Leere heraus, hat Adès dann auch Beethovens Vierte Symphonie dirigiert: Scharfkantig und zugespitzt, aber viel zu kleinteilig organisiert. Im langsamen Satz orientierte sich Adès an dem marschartigen Rhythmus der Pauke und verschenkte so die übergeordnete Linie des Ganzen.Strawinskys Pergolesi-Adaption "Pulcinella" hingegen verstand er ausgesprochen schlüssig, wie eine englische Pastoral-Komposition, voller bezwingender Feinheiten im solistischen Zusammenspiel der Instrumente. Die Detail-Artikulation, die man dem Zeitalter Pergolesis in der historisierenden Aufführungspraxis hat angedeihen lassen, sie kommt nun auch Strawinskys Blick auf diese Musik zugute, und die "verfremdenden" Geräuscheffekte wirken kurioserweise heute recht angemessen. So verändert sich der Blick auf den Neoklassizismus durch die Interpretationsgeschichte des Klassizismus selbst.------------------------------In Adès' neuem Violinkonzert treten die Ideen ganz ohne Widerstand auf den Plan.

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