Einmal haben wir miteinander telefoniert. Das war vor sechs Jahren. Gerade war das Buch, das ich im Auftrag eines österreichischen Verlages geschrieben hatte, erschienen: "Margot Honecker. Eine Biografie". Die Bitte, an dem Buch mitzuarbeiten und dafür ein Interview zu geben, hatte sie vorher brüsk abgelehnt. Immerhin war sie bereit, schriftlich ein paar Fragen zu beantworten. Nun rief ich sie also in Santiago de Chile an, um zu erfahren, wie ihr das Buch gefallen habe.Zweifellos war man im Hause Honecker genervt von den ewigen Anfragen der Medien, aber das Gespräch kam zustande. Und es war irgendwie nichtssagend, enttäuschend. Ein Detail aus ihrer Jugendzeit stimme nicht und überhaupt enthalte das Buch nichts Neues. Später schrieb mir Margot Honecker, dass das Buch "dem Bildungswesen der DDR einige gute Noten erteilt", aber wenig darüber gesagt habe, "welche gesellschaftlichen Notwendigkeiten zu den wirklich revolutionären Veränderungen des Bildungswesens" führten. Tja.26 Jahre (1963 bis 1989), so lange wie kein anderer Bildungsminister, war sie im Amt. Das von ihr geprägte DDR-Bildungswesen war so schlecht nicht. Es war modern und effizient, aber ideologisch überfrachtet. Beides ihr Verdienst. Einiges versucht man wieder einzuführen: die zehnjährige Schulbildung für alle oder das Zentralabitur - natürlich ohne das DDR-Schulsystem zu erwähnen.Ihre Ehe mit der Nummer eins der DDR war nicht immer glücklich. Doch spätestens mit dem Tod der geliebten Enkelin Mariana, die 1988 zweijährig an einem Grippevirus starb, rückte das Paar zusammen. Ihren krebskranken Mann hat sie bis zum Schluss aufopferungsvoll gepflegt.Die Medien sind bis heute an ihrer Person interessiert. Sie lehnt alle Angebote, selbst die finanziell lukrativen, ab. Zu ihrem 80. Geburtstag erschien in der seriösen chilenischen Tageszeitung "La tercera" ein langer freundlicher Artikel. Selbst hier ließ sie sich nicht interviewen. Denn sie ist überzeugt, dass alle Medien nur das Ziel hätten, den Sozialismus und die DDR zu diffamieren. Außerdem ist mit ihrem Exilaufenthalt die Auflage verbunden, sich nicht politisch zu betätigen. 2008 wurde sie von Nicaraguas Präsident Daniel Ortega mit einem Orden ausgezeichnet - auch dort äußerte sie sich nicht öffentlich. Schon im Interesse der Enkel will sie nicht gegen die Auflagen verstoßen.Unweit ihrer Tochter Sonja wohnt sie innerhalb eines gehobenen Wohnressorts im eigenen Haus und kümmert sich viel um die Enkel. Roberto malt und verkauft seine Bilder, Viviane hat gerade das Abitur gemacht.Am kommenden Freitag wird sie 82. Sie ist gesund. Sie hat Freunde. Auch mit Raul Castro und seiner Frau hat sie noch Kontakt. In Kuba wird sie überdies gesundheitlich betreut. Demnächst wird sie wieder in die Karibik fliegen und dort ihre Freunde, auch die aus Deutschland, treffen. Ed Stuhler------------------------------Foto: Margot Honecker beim ersten öffentlichen Auftritt nach dem Mauerfall, 2008 in Nicaragua