Maria Ley Piscator wird in New York hundert Jahre alt: Ausdauernde Pirouette

Die vierzigjährige Tänzerin Maria Ley aus Wien, die reich war und einen französischen Paß besaß, betrat 1939 zusammen mit ihrem dritten Ehemann, dem fünfundvierzigjährigen Regisseur Erwin Piscator, der arm und staatenlos war, den rettenden Boden von New York. Maria Ley Piscator, in einer früheren Ehe zum jüdischen Glauben konvertiert, schlug noch einmal Wurzeln. Der Kommunist Erwin Piscator wurde nicht heimisch, er wandte sich nach dem Krieg nach Westberlin, wo er 1966 starb. Seine Witwe wird am Sonnabend (1. August) in einem gewöhnlichen New Yorker Altersheim, wo sie in sich zurückgezogen lebt, hundert Jahre alt.Piscator glaubte gern, daß Maria Ley, die Witwe des AEG-Erben Frank Deutsch, der sich in Paris das Leben genommen hatte, ein verwöhntes kleines Mädchen geblieben sei. Das verhätschelte Kind eines ungarischen Architekten und einer österreichischen Konzertpianistin war in Wien als Solotänzerin in der Tradition der berühmten Fanny Elßler ausgebildet worden. Sie tanzte stets innerhalb der Grenzen des Schönen ("das letzte Wiener Bukett", Alfred Kerr), feierte in den zwanziger Jahren Triumphe in Wien, Berlin, Paris und auf Tourneen durch Amerika.Das Reine und das Halbreine"Ich haßte Politik", schrieb Maria Ley in ihrer Autobiographie "Der Tanz im Spiegel", "ich glaubte an die Macht der Kunst, der Schönheit, der Freude und der Liebe". Die Liebe sei "rein und keusch", sagte die alte Dame in akzentfreiem, gebildetem Deutsch dem Reporter des Deutschlandfunks zu ihrem 99. Geburtstag. Nur die Bibel habe noch einen wenigstens "halbreinen Klang". Piscator sei klüger gewesen als sie, deswegen diene sie seinen Gedanken und Ideen heute noch. Maria Ley, die sich erst während der langen Jahre der getrennten Wohnsitze Piscator nannte, wird von ihren Freunden als tieffühlend und exzentrisch beschrieben. Fast kein großer Künstler dieses Jahrhunderts, dem sie nicht irgendwann begegnet ist. Maria Ley promovierte an der Pariser Sorbonne, verfaßte Theaterstücke, Romane und Essays. In dem von ihr gegründeten Piscator-Archiv soll sich mehr Geschriebenes von ihr als von ihrem Mann befinden. Nach Piscators Weggang leitete sie den Dramatic Workshop an der New York School of Social Research, wo Marlon Brando und Walter Matthau Schüler waren, die heutige Piscator School. Maria Ley unterrichtete noch als Neunzigjährige an amerikanischen Universitäten.Die geraubte FreiheitNur selten und kurz besuchte sie Berlin, als Piscator die Freie Volksbühne leitete. Sie ist die Angst vor Deutschland nie losgeworden. Die durch Betrügerei verarmte Künstlerin hat ihre Übersiedlung in ein nobles deutsches Pflegeheim abgelehnt, noch nachdem sie in Amerika grauenvoll gedemütigt worden war. Kaltschnäuzige New Yorker Behörden und eine mißgünstige Sozialarbeiterin, die sich in ihr Vertrauen geschlichen hatte, wiesen Maria Ley Piscator im Alter von 95 Jahren als "unzurechnungsfähige Person" in eine psychiatrische Klinik für Alte ein, steckten sie in eine kleine, kalte Zelle, in der sie, die noch alle Treppen gelaufen war, das Gehen verlernte. Nach einem halben Jahrhundert nahm Amerika die Freiheit, die es geschenkt hatte, wieder weg. Die Vormundschaftsrichter wußten nicht, wer Maria Ley war, hingegen zeigten sie sich von dem denunziatorischen Hinweis beeindruckt, daß ihr Mann, Piscator, "a Member of the Communist Party" gewesen ist.Nach dem Zweiten Weltkrieg saß plötzlich in Paris Robert Bauer, ihr totgesagter erster Mann, im Rollstuhl wieder vor ihr. Der k.u.k.-Offizier, der allerlei schwierige Geschäfte betrieb, war in den zwanziger Jahren spurlos verschwunden, saß in Wahrheit in Prag und Wien in Haft. Robert Bauer war ein Überlebender von Auschwitz. Er habe überlebt, erzählte er Maria Ley, weil er sich dem KZ-Kommandanten als Bridgespieler unverzichtbar gemacht habe.