BERLIN, 7. September. Alice Adorf wird am 27. Dezember 1905 in Zürich geboren, der Vater Caspar, aus der Eifel stammend, ist Sattler, Catharina, die Mutter, führt den Haushalt, sorgt für ihre Kinder. Alice besucht in Zürich die Grundschule, wird als "Dütsche" verspottet, sie ist kaum zehn Jahre alt, als die Mutter stirbt, mit 41 an einem Herzschlag. Caspar, allein mit drei Kindern, gibt Alice zu Verwandten.Dienstliche RomanzeIn Mayen in der Eifel besucht sie die Mädchenschule, mit ihrem Schweizer Akzent wird sie wiederum zum Gespött der Mitschüler. Mit sechzehn flieht Alice in die Schweiz, später reist sie weiter nach Neapel, nach Berlin, lernt das Nähen und macht eine Ausbildung als Röntgenassistentin. Im süditalienischen Siderno wird sie während einer dienstlichen Romanze schwanger, der Vater des Kindes, Matteo Mario Menniti, ist ein vielversprechender junger Chirurg und Klinik-Chef, aber leider schon verheiratet. Mario heißt das Kind, das die stolze Alice, wieder einmal auf der Flucht vor dem schlechteren Leben, am 8. September 1930 in ihrer Heimatstadt Zürich gewissermaßen auf der Durchreise zur Welt bringt.Der Sohn und Schauspieler Mario Adorf, der am Donnerstag 75 Jahre alt wird, hat ein Buch über seine Mutter Alice geschrieben, "Mit einer Nadel bloß" heißt es, Shakespeare zitierend. Es ist nicht das erste Buch Adorfs, Erzählungen gibt es von ihm, die Biografie "Himmel und Erde", die er jedoch als lückenhaft empfindet. Nun also diese seltsam kühle und doch anrührende Hommage an Alice Adorf, schnörkellos berichtend vom entbehrungsreichen Leben einer Alleinerziehenden in schwierigen Zeiten, von den Lasten, von den Qualen, den kleineren Freuden. "Ich hab schon gewusst, warum ich nicht geheiratet habe. Ich hätte nie einem Mann die Schuhe putzen können!", sagt sie einmal, als der Sohn schon in München Theater spielt und sie ihm immer noch die Schuhe putzt. Mario Adorf schreibt: "Damals begriff ich nicht, dass ich ihr Mann war. Sie wollte keinen anderen."Nicht, dass Mutter und Sohn innige Herzlichkeit verbunden hätte. Das Leben ist hart im Eifel-Städtchen Mayen, wo die zurückgekehrte "Àliss mit ihrem Bankert" misstrauisch beäugt wird. Eine Nähmaschine der Marke Phoenix, mit dunkel gebeiztem Gehäuse aus Eichenholz, die Alice zur ersten Kriegs-Weihnacht 1939 auf Raten kauft, wird zum Zentrum der kleinen Familie. Versenkbar ist sie, die Mutter demonstriert es, der Sohn berichtet: "Danach sollte ich sie in all den Jahren nie wieder versenkt sehen."Mario Adorf ist ein gewissenhafter Chronist des Lebens seiner Mutter, er beschreibt präzise und detailliert, Menschen wie Nähmaschinen. Aufmüpfig kann der begabte Knabe Mario sein. Einmal, als er Kohlen aus dem Keller holen soll, weigert er sich, was die Mutter dazu bringt, ihre große Schneiderschere nach ihm zu werfen: "Ich hatte nicht die Zeit oder die Geistesgegenwart, mich zu bücken, da zitterte die Schere, wie von einem geschickten Messerwerfer im Zirkus geworfen, direkt neben meinem Kopf im Türrahmen." Die Kohlen muss er dann doch noch holen. Gerne hilft er der Mutter jedoch bei der Näharbeit, er lernt Biesen zu steppen, Ziermuster auf Kragenrevers zu nähen, Laufmaschen zu heben, er schreibt ihre Rechnungen und erhöht heimlich die Endsummen, weil er findet, dass sie zu wenig verlangt.Später holt der Sohn die Mutter zu sich nach München, opfert seine "aufregende Studentenfreiheit": "Bald schon schien ihr Leiden an der Einsamkeit, ihr dauernder Groll über mein ausschweifendes Leben stärker zu sein als die Freude über meine Erfolge", schreibt Adorf, der noch im Jahr 1955 mit der Mutter in der Münchner Dankwartstraße zusammenwohnt - "wir hatten zum ersten Mal eine Küche und ein Badezimmer für uns allein". 1968 lässt er, als er mit seiner Frau Monique in Rom lebt, der Mutter ein Haus in Grünwald bauen. An ihrem 80. Geburtstag sagt sie im Streit zu ihm: "Wenn ich gewusst hätte, was auf mich zukommt, hätte ich dich abgetrieben." Da weinen sie beide, die Mutter zum ersten Mal im Leben. Danach gehen sie gut essen, er kauft ihr viele Rosen.Die große Karriere des Sohnes begleitet Alice Adorf mit Kritik - ein knappes "Es war in Ordnung", ein "Ganz gut" sind als höchste Komplimente zu werten. Unter den vielen Schurkenrollen der frühen Star-Jahre leidet sie besonders, die Kostüme missfallen ihr: "Nur Lumpen! Nicht ein einziges Mal anständig angezogen." Erst später, als Mario Adorf in Fernseh-Mehrteilern wie "Der große Bellheim" oder "Der Schattenmann" brilliert, ist sie zufrieden: "Fast wie ein richtiger Herr."Alice Adorf stirbt im Februar 1998 im Krankenhaus von Harlaching. Ihr Sohn ist bei ihr. Sie will keine Todesanzeige, kein Begräbnis, keine Feier. "Sie wollte weg sein, einfach nicht mehr da sein." Jetzt gibt es ein ganzes Buch über sie.------------------------------Schöne Bilder, düstere GestaltenMario Adorf ist Schauspieler, Sänger und Autor. Er spielte in über 100 Filmen mit. Der Durchbruch gelang ihm 1957 mit "Nachts, wenn der Teufel kam". Oft spielte er düstere Gestalten, im Alter joviale Überväter, etwa in Dieter Wedels TV-Mehrteilern "Der große Bellheim", "Der Schattenmann" oder "Die Affäre Semmeling".Sein neues Buch "Mit einer Nadel bloß. Über meine Mutter" ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, ebenso wie der schöne Bildband "Mario Adorf. Bilder meines Lebens".------------------------------Foto: Eine Schicksalsgemeinschaft: Mario und Alice Adorf.------------------------------Foto: Vor 75 Jahren geboren, seit 50 Jahren auf der Bühne: Mario Adorfs Jubiläumstournee "Da capo, Mario" beginnt am Donnerstag in München.