Mariss Jansons dirigierte Verdis Requiem: Ewiges Leuchten in der Philharmonie

Es gibt Konzerte, von denen man schon vor Erklingen des ersten Tones weiß, dass man sie nicht vergessen wird. Das steigert die Aufmerksamkeit umso mehr, weil man, für jeden Moment dankbar, wie ein Kind genießt. Dieses Gefühl stellte sich ein, als Mariss Jansons am Mittwoch vor ausverkauftem Saal an das Pult der Berliner Philharmoniker trat, um Giuseppe Verdis "Messa da Requiem" zu dirigieren.Man musste das Requiem, dieses merkwürdige Stück geistlichen Opern-Traras, nicht mögen, um es in Jansons Interpretation lieben zu können. Wann genau die ersten Cello-Töne des Introitus begonnen hatten, war nicht zu sagen; sie kamen aus dem häufig zitierten "Nichts" an einem Ort, der als zentrale Stätte des Musik-Kaputthustens gelten kann: der Philharmonie.Das Publikum schwieg, die Philharmoniker glühten. Mit der orchestralen Leuchtkraft, der liebevoll herausgearbeiteten Qualität der Akkorde schaffte Jansons zwischen den Klängen Verbindungen, die selbst aus so einem stellenweise extrem heikel instrumentierten Stück eine einzige große Harmonieskulptur machten. Ihre Bögen spannten sich sogar über die Pausen zwischen den einzelnen Sätzen und schufen Zusammenhänge, dank derer das berauschende, von den Philharmonikern scharf gezackte "Dies irae" ausnahmsweise nicht den Eindruck formaler Zerklüftung machte.Jansons hatte den Chor des Bayerischen Rundfunks (Einstudierung: Peter Dijkstra) aus München mitgebracht. Hochexpressiv, wie eine stotternde Klage brachte er die ersten Worte hervor. Als im "Kyrie" dann Krassimira Stoyanova (Sopran), Marina Prudenskaja (Mezzosopran), David Lomeli (Tenor) und Stephen Milling (Bass) erstmals einsetzten, stellte sich zunächst fast angstvoll der Eindruck klanglicher Unvereinbarkeit ein. Die Stimmfärbungen der Solisten ermöglichten ein höchst interessantes und lustvolles Zusammensingen. Stoyanova erzählte mütterlich-erdig vom ewigen Licht und erreichte selbst im Pianissimo leicht jede Höhe. Prudenskaja sang glutvoll, man nahm ihr jede Trost-Geste ab, als sei sie als Engel für uns vom Himmel gefallen. Lomelis kontrolliertes Wechseln von knabenhaften Pianissimo-Höhen in die Mittellage überzeugte. Auch an Stephen Millings expressiv-staubiger, mit bäriger Zartheit gepaarter Gewalt konnte man sich nur erfreuen. Stehende Ovationen für alle Beteiligten.