In Park City, Utah, ging gestern das zehn Tage dauernde Sundance Filmfestival 2000 zu Ende. Was 1978 mit einigen wenigen Filmemachern begann, die ihre Kreditkarten überzogen und ihre Autos verkauften, um Filme drehen zu können, ist heute nicht zuletzt dank der Unterstützung von Robert Redford zum Dreh- und Angelpunkt der US-Independent-Szene geworden. Doch Stanley Tuccis Film "Joe Goulds Secret", der das Festival mit der Geschichte über eine Beziehung zwischen einem Reporter des Magazins "New Yorker" und dem Bohemien Joe Gould eröffnete, enttäuschte durch dramaturgische und visuelle Schwäche. Auch die zuvor prominent angekündigten Premieren "The Big Kahuna" von John Swanbeck und "American Psycho" von der Regisseurin Mary Harron ("I Shot Andy Warhol") gefielen allenfalls wegen der schauspielerischen Leistung. Hervorzuheben bleibt Keith Gordon, der mit "Waking The Dead" ein ausdrucksvolles Statement über die Unvereinbarkeit von Liebe und Karriere abgab.In diesem Jahr hat sich Sundance wegen des großen Premieren- und Staraufgebots erstmalig zu einem wichtigen Marketing-Vehikel der amerikanischen Filmindustrie ausgewachsen. Diese Entwicklung führte erstaunlicherweise auch dazu, dass der Herrenausstatter Hugo Boss und der Elektrokonzern Motorola die Studioinhaber und Darsteller des Films "Rated X", die Brüder Charlie Sheen und Emilio Estevez, mit neuen Kleidern und Mobiltelefonen ausrüsteten. Ein Kuriosum, doch bezeichnend.Im Wettbewerb ging der Preis der Grand Jury für den besten Dokumentarfilm an "Long Nights Journey into Day" von Frances Reid und Deborah Hoffmann. Karyn Kusamas "Girlfight" sowie Kenneth Lonergans "You Can Count On Me" teilten sich den Preis in der Kategorie Spielfilm. Hervorzuheben ist hier Karyn Kusama mit ihrer herben Erzählung über das Leben des Latino-Mädchens Diana. Der Hauptpart wird hervorragend von Michelle Rodrigez verkörpert, die sich abgesehen von den darstellerischen Qualitäten und ähnlich wie der Hollywood-Star Jennifer Lopez auch mit ihrer Neigung fürs Boxen Respekt verschafft. Der Publikumspreis und anteilig der Preis für ausgezeichnete visuelle Umsetzung gingen in diesem Jahr an "Darc Days" von Marc Singer. Singer hielt sich für seine Studie von Obdachlosen, die in einem Eisenbahntunnel in New York leben, selbst zwei Jahre im "underground" auf. "Two Family House" von Raymond de Felitta erhielt ebenfalls einen Publikumspreis für seine kritische Darstellung des Einflusses, den der "american dream" der fünfziger Jahre auf die in einem Zweifamilienhaus lebenden Parteien zeitigt. Den World Cinema Preis bekam Nigel Cole für "Saving Grace" zugesprochen, eine angelsächsische Komödie über eine Frau namens Grace, die Marihuana anbaut, um ihre wirtschaftlichen Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen. Für Filmemacher bot das renommierte Sundance Film Festival einmal mehr die Gelegenheit, in Park City Kontakte zu potenziellen Verleihern aufzubauen. Den deutschen Regisseur Sebastian Schipper, der mit seinem Erstling "Giganten" (die Story dreier Freunde in Hamburg, produziert vom "Lola"-Regisseur Tom Tykwer) um die Gunst des World Cinema Preises antrat, sah man im Gespräch mit Miramax. Benjamin und Domink Reding, die bei Sundance mit ihren Erkundungen in der Punk- und Skin-Szene ("Oi! Warning") am Start waren, wurden von Fox Searchlights für einen amerikanischen Kinostart gesichtet. Sundance hat mittlerweile eine ganze Reihe von Nebenfestivals nach Park City gezogen. So fanden dieses Jahr im Schatten des großen Festivals noch ein No Dance, Digidance, Tromadance, Docudance, Slamdunk und das "nicht jugendfreie" Lapdance Festival statt. Herauszuheben ist das seit 1995 jährlich veranstaltete "Slamdance Festival von Filmemachern für Filmemacher". Dieses "Nebenfestival" arbeitet mit einem quasi-demokratischen Ansatz: Bei Slamdance wetteifern alle Beiträge, gleich ob U.S.-amerikanischer oder internationaler Herkunft, um den gleichen Preis.Die deutschen Regisseure schnitten jedenfalls dieses Jahr erstaunlich erfolgreich in Park City ab. Ihre Präsenz auf dem Sundance Film Festival illustrierte einmal mehr, dass Filmemachen und Filmvertrieb sich auch im Independent-Bereich zunehmend vom Regionalen lösen. Farhad Yawari, der in München Film studiert hat, nahm unter stehenden Ovationen den Slamdance Publikumspreis für sein Glanzstück "Dolphins" entgegen und Veit Helmer für "Tuvalu" den Preis für die beste visuelle Umsetzung. Beide Regisseure brauchten an die drei bis fünf Jahre und sehr viel Idealismus, um ihre Geschichten schließlich auf Zelluloid bannen zu können. Was die euphorische Selbstausbeutung angeht, unterscheiden sie sich gar nicht von den amerikanischen Indie-Kollegen.FESTIVALS Sundance // Status: Das Sundance Film Festival in Park City, Utah (USA) ist das wichtigste Festival für den unabhängigen Film. Sundance steht seit Beginn unter der Schirmherrschaft des Schauspielers und Regisseurs Robert Redford.Mehr Sundance: Finanziert wird Sundance u. a. durch einen Katalog für Möbel, Kunst, Schmuck. i www. sundance. com