BERLIN. Der Laptop ist zugeklappt, die Flasche Club-Mate auf dem Schreibtisch ist leer. Aber keine Spur von Markus Beckedahl. Alle anderen Arbeitsplätze im Büro der Berliner Agentur Newthinking Communications sind ebenfalls verwaist. Fast alle. Zwei Zimmer weiter sitzt ein junger Mann von einer anderen Firma, er hat keine Ahnung, wo Beckedahl sein könnte. "Markus wer?" Der junge Mann entschuldigt sich, er sei noch nicht lange hier. Nicht lange genug, um den Mann zu kennen, dessen Gesicht von einer großen Zeichnung im Flur lächelt. Das Wort "Freedom" steht da neben Beckedahls Bild. Freiheit.Markus Beckedahl, 32, Blogger, Partner und Mitgründer von Newthinking, gehört nicht zu den Menschen, die jeder bemerkt, wenn sie den Raum betreten. Jeans, T-Shirt oder Pulli, Brille, kurze Haare, da ist kaum etwas Auffälliges an Beckedahl. Trotzdem ist er neuerdings eine Art Star. Er hat mitgeschrieben am vieldiskutierten "Internet-Manifest", einem Thesenpapier zum Journalismus in der digitalen Zeit. Er wird interviewt und um Rat gefragt, wenn es um Sicherheit im Internet geht. Der Berliner gilt als Experte, spätestens seitdem er mit seinem Blog auf der Seite netzpolitik.org die Ermittlungen ausgelöst hat im Fall SchülerVZ. Massenhaft wurden die Nutzerdaten des Online-Netzwerkes für Jugendliche illegal kopiert, das sorgte für Aufmerksamkeit. Der mutmaßliche Täter erhängte sich Anfang November in der Berliner Untersuchungshaft.Vorwürfe per E-Mail"Tja, krasse Geschichte", sagt Beckedahl, nachdem er sich aus einer Konferenz davongestohlen und den Besuch in sein Büro gebeten hat. Zwei zusammengeschobene Tische, mehrere Bildschirme, an die Raufasertapete geklebte Poster, Ikea-Regal - der Charme einer Bude für Nerds, Technik-Freaks. Nach dem Selbstmord habe er viele E-Mails bekommen, erzählt Beckedahl. Briefe von Leuten, die ihm vorwerfen, den 20-Jährigen aus Erlangen verraten und in den Tod getrieben zu haben. Solche Verschwörungstheorien gebe es immer schnell im Netz, sagt Beckedahl.Den Hinweis auf den Datenklau habe er aus einer ganz anderen Quelle zugespielt bekommen, erzählt Beckedahl. Nach der Veröffentlichung meldete sich der Erlanger in einem Internet-Forum und prahlte, er habe noch viel mehr Daten gestohlen, Beckedahl nahm Kontakt mit ihm auf. Drei E-Mails hätten sie ausgetauscht, der Erlanger habe vor allem mit seinen Hackerkenntnissen angegeben. Dann stieg er in ein Taxi und fuhr nach Berlin zu einem Treffen mit den SchülerVZ-Betreibern. Die riefen die Polizei, die Beamten nahmen den Erlanger im Firmenbüro fest. Ob der junge Mann Geld verlangt hat oder Schweigegeld angeboten bekam, wird noch ermittelt. "Für mich ist die Geschichte eigentlich vorbei", sagt Beckedahl. Gewissensbisse wegen des Selbstmordes merkt man ihm nicht an.Der Suizid überschattete, dass es in dem Fall eigentlich um die Sicherheit von Informationen ging. Beckedahl hatte ein Lehrstück abgeliefert. Im Internet, angeblich nur ein Ort für Schmutz, Schund und Gewalt, gibt es auch Instanzen der Aufklärung und der Kontrolle. Das wurde sogar im internetskeptischen Deutschland verstanden.Allein in den vergangenen vier Wochen hat Beckedahl mehrere spektakuläre Datenlecks aufgedeckt. Jedes Mal waren Informationen von Hunderttausenden Nutzern ungeschützt. Rechnungen beim Online-Buchhändler libri.de und im Internetshop der Sparkasse waren für jeden einsehbar. Im Online-Fanshop des 1. FC Köln wäre es ein Leichtes gewesen, Tausende Trikots zu bestellen - auf die Rechnung von Clubmitgliedern wie Michael Schumacher und Guildo Horn. Diese Lecks wurden abgedichtet durch die Berichte von netzpolitik.org."Jetzt fragen auch altehrwürdige Institutionen bei mir an", sagt Beckedahl. Sein Grinsen verrät, dass er die Anerkennung durchaus genießt. Er wird für Tagungen und Diskussionsrunden gebucht, gerade war er in Italien. Auf Einladung einer großen deutschen Stiftung sollte er am Comer See in der früheren Sommerresidenz von Konrad Adenauer über politische Bildung im Netz sprechen. Seine Zuhörer waren meist doppelt so alt wie er. Professoren, Mitarbeiter von Institutionen, die glauben, dass sich politische Willensbildung in Parteien vollzieht, nicht auf einer Website.Und so saß Markus Beckedahl dort mit Blick auf den wunderschönen See und die schneebedeckten Berggipfel und spürte mal wieder die "Ignoranz der alten Generation", wie er das nennt. Die Professoren fragten: Ist das nicht gefährlich, was Sie da tun? Es hat ihm Spaß gemacht, die Alten zu provozieren. "Die Debatte wird hier beherrscht von den Risiken des Internet", sagt Beckedahl. Er sei auch kritisch, aber man müsse sehen, dass etwas geschehe, ein Medienwandel. Der Beginn einer neuen Zeit.Beckedahl gehört zu der Generation, die mit Computern aufgewachsen ist. "Digital Natives" werden ihre Vertreter genannt, digitale Ureinwohner, oder "Generation C64". Dabei war es gar nicht der wegen der vielen Spiele beliebte Heimcomputer von Commodore, an dem Beckedahl in seiner kleinen Heimatstadt in der Nähe von Bonn erste Programme schrieb, sondern ein Sinclair ZX81, eher ein Gerät für Tüftler. "Alle meine Freunde konnten spielen, ich konnte meinem Vater bei der Datenbankprogrammierung zusehen", sagt Beckedahl. Er war wohl nicht traurig darüber.Seinem Vater, einem Kommunalpolitiker, verdankt er auch das politische Interesse. Beckedahl engagierte sich einige Jahre lang bei der Grünen Jugend. Dann wurde ihm das zu fad. 2002 fuhr er kurzerhand zum Weltgipfel zur Informationsgesellschaft in Genf, mischte sich mit seinen 25 Jahren unter Diplomaten und Aktivisten und schrieb darüber ein Tagebuch im Internet. Netzpolitik.org war geboren.So jung und klein die Blogger-Szene in Deutschland noch ist, immerhin ein paar "Prominente" hat sie hervorgebracht. Der bekannteste ist wahrscheinlich Sascha Lobo, dessen Mitteilungen auf Twitter und Facebook Zehntausende verfolgen, der mit seinem roten Irokesen-Kamm in Fernsehsendungen auftritt und auch schon mal in einem Spot des Mobilfunkunternehmens Vodafone. Beckedahl hatte so ein Angebot auch, er hat abgelehnt; Vodafone war ihm zu eilfertig, als es um die Einführung von Internetsperren ging. Im Vergleich zum begnadeten Entertainer Lobo ist Beckedahl eher der stille Auskenner. Und derjenige, dem sich Internet-Nutzer anvertrauen, wenn sie mal wieder ein Sicherheitsproblem entdeckt haben. Sie haben das Gefühl, dass er einer von ihnen ist.Markus Beckedahl sitzt in Potsdam im Taxi, als sein Handy klingelt. Er meldet sich höflich, es ist die Vertreterin eines Unternehmens, das er auf ein Datenleck hingewiesen und um Stellungnahme gebeten hat. Die Stimme am Telefon klingt ein wenig aufgeregt. "Ich wollte warten mit der Veröffentlichung, bis das Problem behoben ist", sagt er. Man hat sich gekümmert, das Leck ist abgedichtet, Beckedahl legt zufrieden auf. "Dann kann das morgen früh um neun auf Netzpolitik erscheinen", sagt er.Warum hat er die Geschichte nicht sofort online gestellt? Er sei kein Journalist, antwortet Beckedahl. Das Spiel mit der Aufmerksamkeit, ob am Ende auch das Fernsehen seine Geschichte aufnimmt, das habe zwar seinen Reiz, sagt er, fast wie bei einem Strategiespiel. Aber darum gehe es ihm nicht. "Ein Journalist hätte vielleicht die Nachricht haben wollen, mich interessiert der Datenschutz." Die Firma sollte das Problem zuerst beheben können, bevor er es publik macht.Ein Lobbyist für digitale Bürgerrechte, so sieht er sich. Er ist ausdrücklich nicht neutral, betreibt Lobbyismus nach den Regeln des Journalismus - aber das ist immerhin besser als andersherum."Ich versuche meinen Lesern klarzumachen, dass Politik Spaß machen kann ", sagt Beckedahl an diesem Nachmittag in einem Seminarraum der Fachhochschule Potsdam. Er ist gekommen, um Studenten etwas über Netzpolitik zu erzählen, dabei sieht er selbst aus wie ein Student, wie er dort vorne in seinem T-Shirt steht. Er braucht hier nicht zu erklären, was ein Blog ist und was Twitter, es ist eine Art Heimspiel.Beckedahl erzählt von einer Aktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Er und andere warben in Pinguinkostümen für das offene Betriebssystem Linux. Er berichtet, wie er guerillaartig aus Anhörungen des Bundestages live Videos ins Internet überträgt und wie er die 40 000 Leser seines Blogs vor der Bundestagswahl aufforderte, Parteiplakate zu "remixen". Auf der Leinwand hinter Beckedahl erscheint ein Foto des damaligen CDU-Innenministers Wolfgang Schäuble, dem Kritiker eine gewisse Überwachungsbegeisterung unterstellen. Yes, we scan, steht neben dem Foto, das kommt gut an bei den Studenten. Internetkurse für Politiker fordere er seit Jahren, sagt Beckedahl. Und dass Computer-Nerds einfach mal in die Sprechstunde ihres Bundestagsabgeordneten gehen sollten - nachdem sie sich vorher geduscht haben. Die Studenten lachen. Er merke, sagt Beckedahl später, dass er komplizierte Dinge anschaulich erklären kann. Deshalb mache er das. Er erklärt das Internet.Outernet - nie gehörtMittwochabend, Beckedahl sitzt auf einem Podium im Film- und Fernsehmuseum am Potsdamer Platz. Für eine Sendung von Inforadio sollen Beckedahl und andere über das Web 2.0 diskutieren. Das Publikum ist im Durchschnitt um die fünfzig. Der Moderator nennt das Internet "das weltweite Gewebe", eine Dame vom Berliner Senat erklärt, man sage jetzt ja "Outernet" - weil das Netz immer stärker nach draußen, in die Realität wuchere. Beckedahl holt sein Handy raus und tippt eine Nachricht. Outernet, das höre er zum ersten Mal, kann man kurz darauf bei Twitter lesen. "Hallo, ich komme aus dem Internet", sagt er, als er zum Test ins Mikro sprechen soll. Pennälerscherze.Die ersten Fragen des behäbigen Moderators beantwortet Beckedahl flapsig, bis er merkt, dass ihm die Leute wirklich zuhören. Dass sie bei seinen Witzen lachen, obwohl sie doppelt so alt sind wie er und vielleicht nicht twittern. Beckedahl nimmt das Freundschaftsangebot an. Als es um die digitale Kluft in der Gesellschaft geht, sagt Beckedahl, es seien doch gerade die Großeltern, die das Internet für sich entdecken, weil sie so mit ihren Enkeln in Kontakt bleiben können. Das Problem seien eher die ahnungslosen Vierzig- bis Fünfzigjährigen, sagt Beckedahl und sieht den Moderator herausfordernd an.Am Ende der Sendung erzählt Beckedahl, dass er gerade das Bundesumweltministerium dazu gebracht hat, kritische Informationen zur Atomkraft wieder auf seiner Website zuveröffentlichen. Nach dem Regierungswechsel waren diese irgendwie von der Seite verschwunden. Das amüsiert auch die rothaarige Lehrerin in der zweiten Reihe. CDU-Minister und Atomkraft - selbst in Zeiten der Netzpolitik bleibt manches beim Alten.------------------------------NETZPOLITIKDas Blog netzpolitik.org betreibt Markus Beckedahl seit 2002. Entstanden ist es aus einem Online-Tagebuch zum damaligen Weltgipfel zur Informationsgesellschaft in Genf. Am Blog beteiligen sich jetzt auch andere Autoren.Die Agentur Newthinking Communications gründete Beckedahl 2003. Die zwölf Mitarbeiter organisieren den Berliner Blogger-Kongress re:publica, beraten Politiker und Unternehmer mit Internet-Strategien.Als "Evangelist" bezeichnet der 32-Jährige seine Funktion in der Firma. Er deckt Datenlecks auf und wurde zum Beispiel von der Bahn abgemahnt, als er ein Dokument zur Bespitzelung von Mitarbeitern veröffentlichte.------------------------------Foto: Der Wächter: Markus Beckedahl will den Datenschutz in der digitalen Welt verbessern und durchforstet dafür das Internet.