Markus Rehm und die EM: Mit Karbonprothese ins Abseits katapultiert

Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) schickt den unterschenkelamputierten Weitspringer Markus Rehm nicht zu den Europameisterschaften, obwohl er qualifiziert hat. Seine Karbonprothese könnte ihm einen Vorteil verschafft haben gegenüber zweibeinigen Athleten. Rehm akzeptiert diese Entscheidung. Sein Fall hat dennoch eine Debatte befeuert, die in den vergangenen Jahren immer wieder geführt wird, nicht zuletzt mit Blick auf den unterschenkelamputierten 400-Meter-Läufer Oscar Pistorius, der bei den Olympischen Spielen 2012 in der 4x400-Meter-Staffel Südafrikas antreten durfte.

Der Weser-Kurier kommt zu dem Schluss: „Ganz so leicht kann es sich der Deutsche Leichtathletik-Verband nicht machen. Aus dem Fall Markus Rehm, der mit einer Karbonschiene als Unterschenkelersatz weiter flog als alle anderen Teilnehmer bei der Deutschen Meisterschaft, entspringt ein Dilemma, wie es für den DLV größer kaum sein könnte. Ausgerechnet die Leichtathletik – ein Sport also, in dem wie in kaum einem anderen Leistungen mess- und dadurch explizit vergleichbar sind – muss ihre ureigensten Maßstäbe hinterfragen. ‚Die Grenze der Inklusion ist die Vergleichbarkeit der Leistung‘, hat DLV-Präsident Prokop deshalb gesagt. Stimmt das? Vielleicht. Rehm ist ein Grenzfall, und Prokop hat ja nicht mal unrecht – im Sport sollte Chancengleichheit herrschen, das setzt schon der Fairplay-Gedanke voraus. Aber was folgt daraus? Dass Handicap-Sportler sich nicht mit Nichtbehinderten messen dürfen?“ Derzeit offenbar schon. Der weite Satz des Markus Rehm sei für den DLV noch ein zu großer Sprung über den eigenen Schatten.

Die Stuttgarter Zeitung kann dagegen die Bedenken des DLV gut verstehen. Zwar würden schon immer Individuen mit unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen konkurrieren. „Aber der Sport muss Grenzen ziehen und zumindest versuchen, Chancengleichheit herzustellen. Wenn ein Athlet durch seine Prothese einen Vorteil hat, wovon der Deutsche Leichtathletik-Verband überzeugt ist, ist es auch richtig, ihn nicht starten zu lassen. Das ist nicht diskriminierend, sondern fair.“

Auch die Lausitzer Rundschau hält die Entscheidung für angemessen, obwohl es ein wirklich heikler Fall sei. Wichtig sei vor allem eine Frage: „Verschafft ihm seine Prothese einen Vorteil oder nicht? Die bisherigen Analysen geben darüber keinen Aufschluss. Nur so viel ist klar: Rehm hatte einen langsameren Anlauf, sprang aber weiter als seine nicht behinderten Konkurrenten. Der Schluss liegt nahe, dass seine Hightech-Prothese eine Katapultwirkung hat.“ Ihn daher nicht zu nominieren, sei in Ordnung. „Vorwerfen könnte man dem DLV, dass er es verpennt hat, frühzeitig ein umfassendes (ziemlich teures und zeitaufwendiges) Gutachten in Auftrag zu geben. Aber komplizierte Gutachten hin oder her: Inklusion im Hochleistungssport – wie praktikabel ist das eigentlich? Diese Frage muss der Leichtathletik-Weltverband beantworten und endlich klare Regeln schaffen, was das Startrecht Behinderter bei Wettkämpfen Nichtbehinderter an geht. Daniel Haufler