BERLIN. Am 4. November 1989 klettert Markus Wolf auf die Pritsche eines Lastkraftwagens, der vor dem Haus des Reisens am Alexanderplatz steht. Gerade hat der Liedermacher Kurt Demmler seinen ironischen Song über diejenigen, "die immer dabei sind", beendet, die Menschen, die vor dem Laster stehen, lachen noch über die Schlusspointe ". braucht's Sicherheit auch vor der Sicherheit".Da geht Wolf vor zur Rampe, wo das Mikrofon steht. Ein gellendes Pfeifkonzert der 500 000 setzt ein, die an diesem Sonnabend zum Alexanderplatz gekommen sind, um friedlich gegen das SED-Regime und die Stasi zu protestieren. Für sie ist Wolf kein Revolutionär, kein Erneuerer wie Stefan Heym, Christa Wolf und Gregor Gysi, denen sie zujubeln. Für sie ist er Honecker und Mielke, SED und Stasi, Unfreiheit und Gewalt.Markus Wolf erträgt das Pfeifkonzert scheinbar unberührt. Mit trotziger Miene steht er da, eine Hand in der Hosentasche, in der anderen das Manuskript der Rede, die er halten will und die er dann auch, als sich die Pfiffe legen, hält.Jahre später wird Markus Wolf über diesen Moment sagen, dass ihm auf dem Laster am Alexanderplatz ein Satz des Dichters Tschingis Aitmatow in den Sinn gekommen sei. "Jeder Mensch wird im Laufe des Lebens mit einer Richtstatt konfrontiert", hatte Aitmatow geschrieben. Auf dieser Richtstatt, dem Ort der letzten Wahrheit, stand Markus Wolf am 4. November 1989 - siebzehn Jahre und fünf Tage vor seinem Tod am frühen Morgen des 9. November 2006. Er sei "überraschend ganz friedlich eingeschlafen", teilte seine Familie mit.Als das Honecker-Regime fällt, ist Markus Wolf schon seit drei Jahren nicht mehr bei der Stasi. 1986 hatte er seinen Dienst als Chef der Auslandsspionage HVA quittiert. Drei Jahrzehnte lang hat er den geheimen Krieg gegen den Klassenfeind geführt, tausende Spione im Westen gesteuert. Es ist vor allem sein Verdienst gewesen, dass die HVA als einer der erfolgreichsten Auslandsgeheimdienste weltweit in die Geschichte eingegangen ist. Zu seinen bekanntesten Top-Agenten gehörten Günter Guillaume, der es als Referent bis an die Seite des SPD-Bundeskanzlers Willy Brandt schaffte, und Rainer Rupp, der unter dem Decknamen "Topas" Dokumente der höchsten Geheimhaltungsstufe aus dem Brüsseler Nato-Hauptquartier für die Stasi beschaffte.Auch wenn der Feingeist Wolf unter der Proletenhaftigkeit seines Ministers Erich Mielke litt, hat er nie aufbegehrt. Und auch der Abschied aus dem MfS 1986 vollzog sich ohne Streit. Mielke, der Wolf wegen dessen exzellenter Beziehungen nach Moskau ohnehin all die Jahre viel hatte durchgehen lassen, versüßte seinem Vize sogar den Abschied: Er überließ ihm zum Freundschaftspreis das von Wolf schon seit Jahren als Wochenendgrundstück genutzte konspirative MfS-Dienstobjekt in Prenden und stattete die Wohnung des Pensionärs im Nikolaiviertel mit Sauna und Westtechnik aus. Bezahlt wurde der 400 000 Mark teure Umbau der Wolf-Wohnung auf Befehl Mielkes von Schalck-Golodkowskis Kommerzieller Koordinierung.Zu Beginn des Revolutionsjahres 1989 hat Wolf das Buch "Die Troika" veröffentlicht. Es ist die autobiografisch geprägte Geschichte dreier jugendlicher Freunde, die während des Zweiten Weltkrieges im Moskauer Exil zusammenfinden und deren Lebenslinien bis in die Achtzigerjahre hinein miteinander verbunden sind. Das Buch erregte in Ost wie West Aufsehen, weil in ihm stalinistische Verbrechen angesprochen werden und der Autor mehr Zivilcourage in der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fehlentwicklungen einforderte.Vor allem im Westen galt der Stasi-General a.D. Markus Wolf, der "Mann ohne Gesicht", dessen Konterfei erst 1979 das erste Mal veröffentlicht wurde, ab diesem Zeitpunkt als Reformer. Er gab Interviews in Westmedien, bekannte sich dabei - wenn auch sehr zurückhaltend - zu Perestroika und Glasnost, die Michail Gorbatschow in der Sowjetunion praktizierte und von denen die Honecker-Führung nichts wissen wollte.Der britische Spionageautor John le Carré hat einmal geschrieben, dass ein Geheimagent besonderen psychologischen Gefahren ausgesetzt sei. Denn während ein Betrüger oder ein Schauspieler am Ende seines Auftritts aus seiner Rolle schlüpfen kann, ist dem Agenten dies nicht vergönnt. "Für ihn ist die Täuschung anderer in erster Linie eine Frage der Selbsterhaltung. Für ihn genügt es nicht, sich nur nach außen abzuschirmen, er muss sich auch vor seinem eigenen Inneren schützen, und zwar gegen die natürlichsten Impulse."Markus Wolf hatte das Täuschen, das Blenden verinnerlicht. Nicht umsonst heißt eines seiner Bücher, eine lose Sammlung von Briefen, Interviews und Reden, "Die Kunst der Verstellung". Wolf genoss es, schon zu Lebzeiten als Legende zu gelten. Und er strickte kräftig daran mit. Der Westen machte es ihm allerdings auch leicht. Dort hatte er viele Bewunderer, für die ein so kultivierter und eleganter Plauderer so gar nicht in das Klischee vom tumben und dogmatischen Stasi-Offizier und SED-Genossen passte. Und so erfuhr Markus Wolf kurioserweise den Respekt und die Achtung, die ihm die Ostdeutschen am 4. November 1989 versagt hatten, ausgerechnet beim Gegner, den er fast vier Jahrzehnte lang mal mehr, mal weniger erbittert bekämpft hatte.Die sanfte und bisweilen ehrfurchtsvolle Behandlung Wolfs vor allem durch die Medien - die er sich mit wohl dosierten Interviews und Informationshäppchen gewogen hielt - verfehlte auch im Osten seine Wirkung nicht. Schon bald nach der Wende hatten die Ostdeutschen ihren Frieden mit Markus Wolf gemacht. Seine Bücher wurden beiderseits der Elbe zu Bestsellern, seine Lesereisen zum Ereignis.Das hatte auch damit zu tun, dass sich Markus Wolf stets fern hielt von den larmoyanten Altkameradenkreisen der Stasi-Offiziere, die sich und den Mielke-Geheimdienst heute in öffentlichen Diskussionsrunden von Verbrechen und Rechtsverstößen rein waschen wollen. Und damit, dass es dem einstigen Stasi-General und Stellvertreter Mielkes gelang, stets den Eindruck von Aufrichtigkeit, ja sogar Ehrlichkeit zu vermitteln.Tatsächlich hat Markus Wolf selten gelogen. Er hat Versäumnisse und Fehler eingeräumt, Selbstzweifel und Kritik an der eigenen Person nie ausgespart. Eine Grenze aber gab es, die er nie überschritt, eine Frage, um deren Beantwortung er sich bis zu seinem Tod am gestrigen Morgen drückte: Welche Schuld habe ich auf mich geladen?Der 1923 im baden-württembergischen Hechingen geborene Markus Wolf musste schon als Kind am eigenen Leib politische Verfolgung erleben. Sein Vater, der Arzt und Dramatiker Friedrich Wolf, war Kommunist und ist kurz vor dem Machtantritt der Nazis in die Schweiz geflohen. Die Mutter hatte Markus und seinen Bruder Konrad, der später ein bekannter Defa-Regisseur wurde, zunächst aufs Land gebracht und war dann mit ihnen dem Vater gefolgt. Von dort reiste die Familie erst weiter nach Frankreich und schließlich nach Moskau.In Deutschland wurden ihnen derweil die Staatsbürgerschaft aberkannt. Friedrich Wolf, der aus einer jüdischen Familie stammte, wurde von der Gestapo als "Kommunist und Jude", wie es auf einer Fahndungsliste stand, gesucht; auch der damals 13-jährige Markus und sein drei Jahre jüngerer Bruder Konrad wurden 1937 von deutschen Behörden zur Festnahme ausgeschrieben.In Moskau, wo die Brüder die Komintern-Schule besuchten, war die Familie vor den Nazis in Sicherheit. Aber auch hier gab es politische Verfolgung, die den Wolfs nicht verborgen blieb. "Väter von Freunden verschwanden, zuerst an der deutschen, dann an der russischen Schule, in die wir gingen. Lehrer wurden immer weniger", beschreibt Markus Wolf in einem Interview mit der Basler "Jüdischen Rundschau" 1997 die für ihn damals sichtbaren Auswirkungen der blutigen "Säuberungsaktionen" Stalins unter sowjetischen Intellektuellen und deutschen Exilanten. Nach den Ursachen für die Verhaftungen habe er damals nie gefragt. Er wie auch seine Familie und viele andere, die an Stalin und den Kommunismus glaubten, hätten es einfach hingenommen. "Dieses Doppelte des Lebens war immer da", sagt er in dem Interview.Das "Doppelte des Lebens" sollte Markus Wolf bis zum Zusammenbruch der DDR nicht verlassen. Unmittelbar nach Kriegsende im Mai 1945 kehrte er aus der Sowjetunion, wo er auf einer Spionageschule im baschkirischen Kuschnarenkowo für den illegalen Kampf gegen den Faschismus ausgebildet worden war, nach Deutschland zurück. Er arbeitete zunächst als Journalist und berichtete - auch für die Berliner Zeitung - von den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen. Schon im November 1949 reiste Wolf nach Moskau zurück, als Diplomat an der DDR-Botschaft. Keine zwei Jahre später wurde er wieder in die DDR gerufen und begann dort umgehend mit dem Aufbau des Auslandsgeheimdienstes.Das Jahr 1956 war für Markus Wolf - so erzählte er es jedenfalls nach der Wende in der DDR - ein Schicksalsjahr. Auf dem XX. Parteitag der KPdSU rechnete Nikita Chruschtschow in einer Geheimrede mit dem Diktator Stalin und dessen Verbrechen ab. "Bis zum Februar 1956 hing über meinem Schreibtisch ein Foto Stalins, das ihn so zeigte, wie ich ihn lange gesehen habe, als das weise, gütige 'Väterchen', das sich gerade sein Pfeifchen anzündet", schreibt Wolf in seinen 1997 erschienenen Erinnerungen. "Als ich die Rede (von Chruschtschow) gelesen hatte, nahm ich das Bild von der Wand und feuerte es in die Ecke."Damals seien ihm auch - so schilderte er es vor gut zehn Jahren in einer Veranstaltung der Reihe "Berliner Lektionen" im Renaissance-Theater - erste Zweifel gekommen an dem in der DDR praktizierten sowjetischen System des Sozialismus. Rückblickend frage er sich, wie Menschen, die ihre Augen vor der Deformierung ihrer sozialistischen Ideale nicht mehr verschließen konnten, die von vielen im Namen des Sozialismus unter Stalin und später begangenen Verbrechen wussten, weiter und so lange an diese gesellschaftliche Alternative zum Kapitalismus glauben konnten.Eine Antwort auf diese Frage, die auch eine Frage nach persönlicher Schuld ist, gab Markus Wolf weder 1995 noch später. Vielleicht lag es an der Furcht, dann auch einräumen zu müssen, nicht das richtige Leben geführt zu haben.In seinem Erinnerungsband "Im eigenen Auftrag" beschreibt Markus Wolf eine Szene von der Protestdemonstration am 4. November 1989. Nachdem er, Wolf, seine Rede gehalten hatte und vom Pritschenwagen gestiegen war, habe jemand zu ihm gesagt: Du bist vom Stasi-General zum Hoffnungsträger geworden, und jetzt gehst du den Weg zurück zum Stasi-General. "Der Mann", schreibt Wolf in seinem Buch, "hatte wohl recht."------------------------------"Ich finde es immer traurig, wenn die Lebenslüge eines Menschen bis in seinen Tod reicht." Marianne Birthler, Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen------------------------------Foto: "Mal trug uns die Hoffnung, dann wieder der Zorn" - Markus Wolf (1923-2006).

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