Herr Schneider, Sie sitzen neben Bela Rethy auf der Tribüne. Er kommentiert, was machen Sie?Wir bereiten uns gemeinsam auf die Spiele vor. Wir erstellen Statistiken, machen uns Listen zu den einzelnen Spielern. Siebzig Prozent der Arbeit findet dann während des Spiels statt. Als Assi bin ich das dritte und vierte Auge von Bela Rethy. Wenn er auf den Monitor guckt, guck' ich aufs Spielfeld und umgekehrt. Ich muss dann relativ flott sein, wenn was passiert: Von wem war das Tor? War es Elfmeter, war es keiner? War es Abseits, war es keins? Das bekommt er dann von mir, falls er es selbst nicht genau gesehen hat. Man muss sich gut im Regelwerk auskennen.Wie verständigt man sich während des Spiels?Wir arbeiten seit acht Jahren zusammen, unser erstes Spiel war 1996 bei der EM. Da haben wir uns schon eine Zeichensprache angewöhnt. Daumen hoch, richtige Entscheidung des Schiedsrichters, Daumen runter, falsche Entscheidung. Ich habe auch Sprechkontakt auf seinen Kopfhörer. Bela ist sehr belastbar, ich kann raufsprechen während er redet. Da kann er sich zwischendurch korrigieren, wenn es sein muss. Wir schieben uns auch Zettel hin und her. Ich schreibe ihm jede Viertelstunde ein Fazit auf, wie ich das Spiel sehe, wie ich es einsortiere, welche Stärken und Schwächen ich ausgemacht habe. Korrigieren Sie ihn auch?Klar. Bela hat aber eine sehr schnelle Auffassungsgabe. 95 Prozent unserer Beobachtungen sind deckungsgleich. Und wenn man sich nicht sicher ist, wartet man lieber ein paar Minuten, um sich nicht hinterher korrigieren zu müssen.Haben Sie sich schon beide geirrt?Wir haben 60, 70 Spiele miteinander gemacht, da passiert das schon mal. Mir fällt ein Spiel der deutschen Nationalmannschaft ein, es gab einen abgefälschten Schuss von Arne Friedrich, den wir für den Schützen des Tores hielten. Das Tor wurde aber nachher dem zugeschrieben, der abgefälscht hatte. Wo bekommen Sie auf der Tribüne so schnell Informationen her? Haben Sie Zugriff auf eine Datenbank?Eine Datenbank haben wir in der Regel nicht, manchmal bieten die Veranstalter Material an, das man aufrufen kann. Aber das meiste ist von uns vorbereitet. Wir haben seit ein, zwei Jahren noch einen Statistiker dabei, der hat dann noch ein paar Specials parat.Seit wann haben Reporter eigentlich Assistenten? Mussten die früher nicht alles selbst wissen?Das gibt es seit zwanzig Jahren. Bela war vorher Assistent bei Rolf Kramer, das war 1986. Marcel Reif war Assistent von Dieter Kürten. Ist das auch international üblich?Ja. Die Spanier haben häufig noch einen zweiten Kommentator, einen ehemaligen Nationalspieler. Manche haben sogar drei Leute auf der Tribüne sitzen, von denen einer nur den Schiedsrichter beurteilt. Da gibt es diverse Modelle. Der Zuschauer hört und kennt nur den Reporter. Ist das für den Assistenten nicht deprimierend? Nein. Bela ist das Gesicht und die Stimme nach draußen. Das stört mich überhaupt nicht. Könnten Sie für ihn als Kommentator einspringen, wenn ihm in der 34. Minute die Stimme versagen sollte?Da haben wir noch nie drüber nachgedacht. Aber ich würde es mir schon zutrauen. Ich habe ja auch schon bei Olympischen Spielen andere Sportarten kommentiert.Da gibt es kein Notfallszenario?Früher saß ein Hintermann in Mainz, der dann eingesprungen wäre. Das ist heute nicht mehr üblich. Sie arbeiten nur mit Bela Rethy zusammen?Ja, Johannes B. Kerner hat einen anderen Assistenten. Das geht bei Turnieren auch gar nicht anders, weil Parallelspiele stattfinden und Spiele an unterschiedlichen Orten. Außerdem sind Bela und ich ein bewährtes Team. Wir sind extra mit dem Auto hier runter gefahren, um uns gemeinsam auf die EM einzustimmen. Wie viele Spiele haben Sie bei der EM?Neun, einschließlich Finale.Was machen Sie zwischendurch?Wir haben sieben Spiele allein in der Vorrunde, da müssen wir uns vorbereiten. Vor einem Spiel der deutschen Mannschaft haben wir zudem ein Gespräch mit Rudi Völler. Dann sind Reisetage dabei, da wird es schon eng. Nach dem Spiel ist auch bei uns vor dem Spiel. Trotzdem ein toller Job?Ja, es ist ein Traumjob. Das Interview führte Ralph Kotsch.------------------------------Auch Biathlon // Martin Schneider (37) hat in Köln Sport studiert. Seit 1995 arbeitet er als fester freier Mitarbeiter in der ZDF-Sportredaktion in Mainz.Schneider beschäftigt sich hauptsächlich mit Fußball, Tennis und Biathlon.------------------------------Foto: Viel Arbeit vor dem ersten Einsatz: Martin Schneider bei der Spielvorbereitung in Portugal.