Martin Walser zum Tod von Marcel Reich-Ranicki: Tod eines Kritikers

Die vielfältigen Erinnerungen an Marcel Reich-Ranicki, der am Donnerstag auf dem Frankfurter Hauptfriedhof beerdigt wurde, sind in ihren persönlichen Bekundungen nicht nur anrührend, sondern geben auch Auskunft über ein bemerkenswertes Kapitel deutscher Nachkriegskultur. Wer wollte bestreiten, dass Marcel Reich-Ranicki und der Schriftsteller Martin Walser darin über Jahrzehnte zu den Hauptdarstellern gehörten?

In einem in der aktuellen Ausgabe der Zeit erschienenem Text gibt Walser nun Auskunft darüber, dass ihn mit Marcel Reich-Ranicki nicht nur ein langes Leben in der Welt der Literatur verbindet, sondern nun auch die akute Nähe zum Tod. „Ich beneide jeden“, beginnt Walser, „der es geschafft hat. Das Sterben.“ Der Tod ist es aber auch, so legt Walser nahe, der von Konventionen und Rücksichtnahmen befreit. „Auf einmal kommt es nur noch darauf an, ob ich den Gestorbenen zur Sprache bringen kann. Auf einmal kommt es nur auf meine Kraft an, nicht mehr auf meinen Mut. Zivilcourage! Dergleichen fällt jetzt weg. Ich bin ihm nahe, wie ich allen Gestorbenen nahe bin. Näher als zu unseren Lebzeiten.“

Es geht nicht mehr um Bekenntnisse oder Richtigstellungen. In wohlgeordneter Spontanität versucht Walser ein Bild von Reich-Ranicki zu zeichnen. „Seine Lebendigkeit. Er war hauptsächlich lebendig. Routine war nie nötig. Also überraschend war er. Nicht festlegbar war er. Was er nicht im Handumdrehen erkennen und formulieren konnte, interessierte ihn weniger. Er hätte sich auf seine Schlagfertigkeit verlassen können, aber schob seinen Erkenntnisblitzen gern noch Überlegtes nach. Zwar konnte er alles pointiert sagen, aber dann verlangte er von sich auch noch den Beweisgang. Dafür stand ihm jedes Bildungsgut zur Verfügung.“

Natürlich kommt auch Reich-Ranickis Rolle im Literaturbetrieb auf süffisant distanzierte Weise zur Sprache. „Manchmal hörte doch der ganze Kulturbetrieb eine Saison lang auf Reich-Ranickis lustiges oder drastisches Kommando. Lustig und drastisch, die zwei Eigenschaftswörter drängen sich heftig auf. Es gab literarische Jahreszeiten, da grüßte er von jeder zweiten Litfaßsäule mit seiner Leichtmerkbarkeit. Er verstand sich selber immer mühelos. Das kann man nicht von allen Kritikern sagen.“

Das Beeindruckende an Walsers Notizen zu Reich-Ranicki ist die ungeschützte Offenheit, in der sie nun zu Protokoll gegeben werden. Nicht ausgespart wird dabei der Konflikt um den Walser-Roman „Tod eines Kritikers“, in dem eine Reich-Ranicki nachempfundene Figur ermordet wird. „Als Reich-Ranicki annehmen musste, in der Figur eines offenbar satirisch gezeichneten Kritikers in einem Roman von mir sei er gemeint, hat er öffentlich und deutlich gesagt: Dieses Buch sei zwar bemitleidenswert schlecht, aber es sei keinesfalls antisemitisch. Wie dankbar ich ihm für diese Genauigkeit war, konnte ich ihm damals nicht sagen. Mit einem schlechten Buch kann man leben, mit einem antisemitischen nicht.“