Berlin. Bei der Berlinale ist Martina Gedeck (51) mit zwei Filmen vertreten: Außer Konkurrenz läuft die Literaturverfilmung «Nachtzug nach Lissabon», in dem sie an der Seite von Jeremy Irons und Mélanie Laurent spielt.

Und im Wettbewerb der 63. Internationalen Filmfestspiele ist die Schauspielerin ebenfalls: Im französischen Beitrag «Die Nonne» des Regisseurs Guillaume Nicloux gibt sie die Mutter einer jungen Frau, die gegen deren Leben als Nonne rebelliert.

Im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa sprach Gedeck («Das Leben der Anderen») über Parallelen des Kostümfilms zur Gegenwart, ihren eigenen Bezug zur Religion und den Rücktritt des Papstes.

Der Film «Die Nonne» spielt in den 1760er Jahren - hat er Ihrer Ansicht nach dennoch auch Bezüge zur Gegenwart?

Gedeck: «Auf alle Fälle. Der Film handelt ja von einer jungen Nonne, die in einem sehr rigiden und fundamentalistischen System fast untergeht. Damit sind wir auch heute noch konfrontiert. Vielleicht nicht so sehr in Deutschland, doch aber in der arabischen Welt. Ich finde auch, dass der Film über die Religion hinausgeht. Er vermittelt nicht so sehr eine Religionskritik, sondern eher eine Gesellschaftskritik. Er thematisiert, dass jemand ungeschützt ist, dass jemand sich nicht wehren kann, dass jemand keine Rechte hat. Dieser Film macht daher meiner Ansicht nach Mut, denn das Mädchen behält trotz der Unterdrückung letztendlich doch seine Würde und Haltung.»

Welche Bedeutung hat Religion für Sie persönlich?

Gedeck: «Ich bin evangelisch, gehe aber nicht regelmäßig in die Kirche. Ich habe dennoch einen starken Gottesbezug. Der Gottesbegriff ist allerdings ein schwieriger Begriff, weil jeder etwas anderes darunter versteht. Deutlicher ist es heute wohl zu sagen "Ich glaube an das Leben". Das halte ich für immens wichtig, und das heißt für mich auch etwas zu tun, was dem Leben zugewandt ist, auch in meiner Arbeit.»

Papst Benedikt XVI. hat unerwartet seinen Rücktritt angekündigt. Das beschäftigt viele Menschen, unabhängig von ihrer Religion oder ihrem Glauben. Was geht Ihnen dabei durch den Kopf?

Gedeck: «Der Papst fühlt sich scheinbar nicht mehr kraftvoll genug, das Amt auszufüllen. Das hat auch etwas Berührendes, gerade weil sein Rücktritt so außergewöhnlich ist. Er gesteht sich Schwäche zu - und mutet sie auch uns zu. Und andererseits passt es zu ihm, dass er verantwortlich handelt. Man hofft jetzt natürlich, dass sich etwas Grundlegendes ändern könnte, dass sich die katholische Kirche ein bisschen aus der Isolation und Menschenfeindlichkeit herausbewegt - von der Stellung der Frau bis zu einigen, von der Zeit überholten Gesetzen. Es wäre daher wunderbar, wenn einige reformatorische Bewegungen in Gang kämen.»

So wie für «Die Nonne» drehen Sie seit einigen Jahren immer wieder mit ausländischen Regisseuren. Was ist da anders als bei uns?

Gedeck: «Ich finde es immer spannend, andere Länder und Kulturen zu entdecken. Außerdem lernt man Menschen am ehesten kennen, wenn man mit ihnen zusammenarbeitet. Deswegen habe ich in den vergangenen Jahren viel im Ausland gedreht. Das erweitert meinen Horizont.»

Was meinen Sie damit konkret? Verändert das vielleicht auch Ihre Sicht auf Dinge in Deutschland?

Gedeck: «Man gewinnt natürlich etwas Abstand - ich bin aber immer wieder sehr glücklich, wenn ich zurückkomme und sehe, was wir hier haben. Unsere Kultur ist auf einem sehr hohen Niveau, das weiß man dann stärker zu schätzen. Was ich aber auch merke, ist der andere Umgang mit Filmschaffenden im Ausland. In Ländern wie Frankreich und den USA gibt es eine große Filmkultur, da werden Filme und Künstler sehr hoch geschätzt. Zur Zeit ist es schwierig, anspruchsvolle Projekte zu realisieren. Lieber geht man auf Nummer sicher - mit Komödien oder Krimis. Diejenigen, die etwas Riskantes wagen, müssen meist mit sehr wenig Geld rechnen. Da sind Erfindungsgeist und Durchhaltevermögen gefragt.»

Interview: Aliki Nassoufis, dpa (dpa)