39 Mitglieder der kalifornischen Sekte "Heaven's Gate" haben gemeinsam Selbstmord begangen. Die Leichen der Männer und Frauen wurden am Donnerstag in der Nähe von San Diego gefunden.Beim Betreten des noblen Anwesens in Rancho Santa Fe dachte die Polizei zunächst, daß die zahlreichen Bewohner noch schliefen. Auf Matratzen und Klappbetten verteilt lagen sie auf dem Rücken, die Hände zur Seite gelegt. Merkwürdig war allerdings das violette Tuch, das Gesicht und Brust zudeckte. Auch waren sie durchweg in schwarz gekleidet, mit einem langärmeligen Hemd, einer Jeanshose und nagelneuen Nike-Sportschuhen. "Dieser stechende Geruch war ein weiteres Zeichen, daß irgend etwas nicht stimmt", meint San Diegos Polizeisprecher Jerry Lipscombs. Lipscombs zählte zu den ersten, die in der Luxusvilla die Leichen von 39 Mitgliedern der Kultgruppe "Heaven's Gate" ("Himmelstor") zu Gesicht bekamen. Zunächst glaubte Polizeikommissar Alan Fulmer, daß die Toten Giftgas inhaliert hatten, nur so ließe sich der penetrante Gestank erklären. Doch die Gerichtsmediziner hatten schon wenige Stunden später eine Erklärung parat: Einige Opfer des Massenselbstmords waren schon eine gute Woche tot. Unter den verwesenden Leichen hatten Kollegen der Sektenfirma "Higher Source" ("Höhere Quelle"), eines Softwareunternehmens, mehrere Tage in Ruhe weitergelebt, bis sie dann selbst eine tödliche Mixtur aus Schlaftabletten und Wodka schluckten. Um die Wirkung zu verstärken, stülpten sie sich Plastiktüten über den Kopf. Auf den größten Massenselbstmord in ihrer Geschichte reagieren die US-Amerikaner mit Unverständnis und Entsetzen. 1978 waren in Jonestown, Guyana, mehr als 900 Jünger des fanatischen Jim Jones ums Leben gekommen. Doch es ist immer noch etwas anderes, wenn sich die Tragödie im eigenen Land ereignet. Die 39 Mitarbeiter des erfolgreichen jungen Computerunternehmens hatten ohne das Wissen ihrer Angehörigen und Nachbarn ein Doppelleben als Mitglieder einer mysteriösen Sekte geführt. Der Firmenname "Higher Source" war zugleich eine Tarnung. Die 18 bis 72jährigen hatten nämlich auf ihre Berufung in ein besseres Leben gewartet, das sie zu der "Höheren Quelle" führen sollte. Im Schweif des Hale-Bopp-Kometen, so waren die Computercracks überzeugt, befände sich ein Ufo, das die Auserwählten abholen und ins Paradies bringen würde. Das außerirdische Raumschiff habe sich bewußt hinter dem Kometen versteckt, um "Radarfallen" zu vermeiden. Um zum Ufo zu gelangen, so glaubten die Sektenleute, müsse ihr irdischer Körper abgestoßen werden. "Dieses unglaubliche Drehbuch hätte nicht einmal der erfolgreichste Hollywood-Produzent verfilmen können", glaubt der Computerunternehmer Nick Matzorkis aus Beverly Hills. "Das Kinopublikum hätte ihn nur ausgelacht." Ohne Matzorkis hätte die Polizei die grauenhafte Entdeckung wohl erst viel später gemacht. Einem seiner Mitarbeiter hatten die Sektenmitglieder eine Videokassette geschickt. Darauf gab jeder eine Art Abschiedserklärung. "Sie wirkten dabei vergnügt und optimistisch", betonte der Mitarbeiter, der gerade einen Monat vorher aus der Sekte ausgetreten war. "Meine Freunde wußten, daß sie durchs ,Tor zum Himmel` wollten. Der Komet war das Signal, daß die Zeit nun gekommen ist." Matzorkis und sein Angestellter alarmierten die Polizei, die eine knappe Stunde später die Millionenvilla aufbrach. Die ersten Aufklärungsarbeiten hatten die Opfer der Polizei leichtgemacht. Jeder trug in der Hosentasche einen Ausweis. Entgegen ersten Berichten, es handele sich nur um junge Männer, waren 21 der 39 Sektenmitglieder Frauen. Ein früherer Anhänger erklärte in TV-Interviews, die Mitglieder seien "intelligente, ehrliche Menschen gewesen, die eine höhere Form der seelischen Erfüllung suchten". Vor einem halben Jahr habe dann der Sektenführer Marshall Applewhite, unter Gefolgsleuten als "Doe" bekannt, seine Anhänger auf den Massensuizid vorbereitet. "Doe", der sich auch unter den Toten befindet, wollte selbst einst mit einem Raumschiff zur Erde gekommen sein. Der Mann, der seit 1974 seine eigenartigen Lehren verbreitet, stammt laut Geburtsurkunde allerdings aus Houston, Texas. Für Fachleute ist der High-Tech-Aspekt des Massakers beunruhigend. Der Kult finanzierte sich, indem "Higher Source" für Privatunternehmen Seiten auf dem Internet entwarf. Wer hingegen die eigenen Webadressen von "Heaven's Gate" anwählte, hätte Böses ahnen können. In makabren Details beschrieb darin "Doe" den selbstprophezeiten Weltuntergang. Sobald der Komet sich dem Erdball nähert, hätten die Menschen eine letzte Chance, die Welt zu verlassen, ehe der Recycling Prozess beginnt". Gemeint war das Recycling "unserer Erde, deren Auflösung unvermeidlich ist". Wie der amerikanische Soziologe David van Zandt glaubt, "breiten sich Sekten und andere Fanatiker zunehmend auf dem Internet aus". Zielgruppen seien "dieselben Menschen, die ihre Abende einsam vor dem Computer verbringen. Sie sind für die Manipulation besonders anfällig." +++