Es ist 15 Jahre her, dass Massive Attack "Blue Lines", ihr erstes Album, veröffentlichten. Der unbestrittene Meilenstein der Club-Kultur verkündete die Ankunft von HipHop im britischen Pop. Mit seinen schwerelosen und atmosphärischen Beats markiert er zugleich den Beginn von Trip-Hop, jener britischen Spielart aus dicken, dubbigen Bässen, langsamen HipHop-Beats, wehmütigen Soulstimmen und -streichern, die bald die Chill-Out-Zonen der Welt beschallte.Von daher war es ein klug zusammengestelltes, historisch stimmiges Line-Up, das am Mittwochabend in der Arena neben Massive Attack auch DJ Shadow und TV on the Radio (TVOTR) auf die Bühne holte. Shadow machte sich in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre einen Namen als abenteuerlustiger Klangtüftler, der mit Vorliebe Soundtracks sampelte; TVOTR wiederum sind mit ihrer seltsamen und wunderbaren Mischung aus lärmigen Gitarren, Soul und Downbeat-Elektronik gewissermaßen die aktuelle Version melancholischer HipHop-Derivate, weit weg von irgendwelcher Chill-Out-Leere. Nicht umsonst arbeiten sie derzeit mit Massive Attack an deren neuem Album.Bei ihrem dritten Auftritt in Berlin dieses Jahr erwies sich die Arena jedoch als zu groß für TVOTR. Ihre schleppenden, verstörenden, rauschigen Songs hingen daher ein wenig verloren im Raum. Nicht so verloren jedoch wie der Posten, auf dem DJ Shadow stand, der nach souveränem Beginn plötzlich mit einem grässlichen Sänger grässliche Rockballaden vorführte.Mit den ersten massigen Beats von Massive Attack, in einer mittlerweile ziemlich rappelvollen Halle, hatte man sich schnell erholt. Im Mittelpunkt stand Robert "3D" Del Naja, und immerhin Gründungsmitglied Daddy G war wieder dabei. Nach dem dauernden personellen Aderlass seit Beginn der Gruppe hatte 3D das letzte, ungelungene Album vor drei Jahren praktisch im Alleingang eingespielt. Seine manchmal etwas zu leisen Raps, mehr Prosa als Reime, dominierten die Stücke, für die Melodiestrecken waren etwa fünf Gastsänger mitgereist.3D setzte für den größtenteils prächtigen Auftritt auf massive Überwältigung - zwei Schlagzeugbatterien, mächtige, krachende Gitarren und dickfließender Bass zu elektronischen Beats, und im Hintergrund stand eine bühnenbreite, regalartige Lichtwand, über die rotweißblaue Effekte und Parolen liefen, mit denen 3D gegen den Irakkrieg agitierte. So sang zum offiziellen Finale mit ausladender Stimme Debra Miller die üppig-melancholische Großballade "Safe From Harm", während die Gitarren einschlugen und im Hintergrund die Opferzahlen und Geldmassen aufgelistet wurden.Das war großes Drama, eindringlich und toll verdichtet - und es zeigte zugleich, wie weit Massive Attack mit der letzten Produktion von ihrer einstmaligen Bedeutung entfernt waren. Immerhin ist Trip-Hop während seiner 15-jährigen Existenz auch zum Schimpfwort geworden, und die schleppend-verregneten Beats im "Spliff-Tempo" untermalen heute jede Sparkassenwerbung.Massive Attack gelang es über die kraftvolle, dem Rock angenäherte Instrumentierung der körperlosen Baukasten-Wehmut weitgehend zu entgehen. Doch bei aller Wucht und Lautstärke blieben einige neuere Tracks merkwürdig konturlos, getragen nur von muskulöser, dunkler Paranoia, die schon auf dem dritten Album "Mezzanine" von 1998 manchmal erdrückend und reißbrettartig wirkte.Daher rührte sich auch niemand im Publikum von der Stelle, bis zur zweiten Zugabe ihr Ur-Hit "Unfinished Sympathy" gespielt wurde, luftig und seelenschwer und schon damals eine Hymne an die Zeit nach dem Rave. Und daher noch immer gültig, denn der ist ja schon länger vorbei.------------------------------Foto : Vor einer Projektionswand mit gleißenden Effekten und gutgemeinten Parolen: Massive Attack beim Berliner Konzert.