BERLIN. Versprödungen des beim Bau von Strommasten bis in die 70er Jahre verwendeten Thomasstahls haben die großflächigen Stromausfälle im Münsterland im vergangenen November wesentlich mitverursacht. Das geht aus einem Gutachten der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) hervor. Die der Berliner Zeitung vorliegende Schadensanalyse war von der Bundesnetzagentur in Auftrag gegeben worden. Damals waren Strommasten unter der Last von Schnee und Eis reihenweise umgestürzt.Die in dem Gutachten attestierten Materialmängel können für die Energiewirtschaft insgesamt teuer werden. Denn bundesweit werden in den Stromnetzen der Konzerne Eon, EnBW, RWE und Vattenfall Europe immer noch mehrere zehntausend Hochspannungsmasten älterer Bauart aus Thomasstahl genutzt. Weil sich dort Schadensfälle wie im Münsterland durchaus wiederholen können, stellen die Gutachter den für diese Strommasten geltenden Bestandsschutz grundsätzlich in Frage. Der nämlich orientiert sich hinsichtlich der technischen Standards an dem zum Zeitpunkt der Errichtung geltenden Stand der Technik. Zudem plädieren sie angesichts der Versprödungsrisikos des Thomasstahls eindringlich dafür, die bislang für die Sanierung der Masten geltenden Normen zu überprüfen. Schließen sich die Aufsichtsbehörden diesen Empfehlungen an, käme auf die Konzerne eine sündhaft teure Stromnetz-Sanierung zu, der sie sich rechtlich kaum entziehen können.Dem Gutachten zufolge versagte im konkreten Fall im Münsterland bei zumindest einer Hochspannungsleitung bei einem Winkelabspannungsmast - solche Hochspannungsmasten werden bei Richtungswechseln von Freileitungen eingesetzt - eine der Stabilisierung des Mastfußes dienende Diagonale, die aus Thomasstahl gefertigt worden war. Infolgedessen brach eine weitere Diagonale, so dass der wegen der Eislast einseitig unter hoher Zug- und Drehbelastung stehende Mast umstürzte. Auf Grund der daraus resultierenden Belastungen seien dann weitere Hochspannungsmasten dieser Leitung umgestürzt.Die Untersuchungen hätten ergeben, dass es sich beim Versagen der Diagonalen um Sprödbrüche handelte, die auf den Stickstoffanteil des Thomasstahls zurückzuführen seien. Ausdrücklich sprechen die Gutachter von einem materialbedingten "Primärversagen", dass dann "kaskadenartig" weitere Mastumbrüche bewirkt habe. Der betroffene Winkelabspannungsmast sei zuvor vom Netzbetreiber RWE einer Sanierung unterzogen worden. Die Sanierung aber hätte nur Teile des Mastes umfasst. "Mit hoher Wahrscheinlichkeit", so die Gutachter, hätte der Mast insgesamt der witterungsbedingten Extremlast von November standgehalten, "wenn alle Diagonalen aus Thomasstahl ausgetauscht worden wären". Die Diagonalen vom Mastfuß indes seien bei der Sanierung ausgespart worden. Rechtlich sei dies zulässig gewesen, da für die Masten hinsichtlich der einzuhaltenden technischen Standards bislang noch der zum Zeitpunkt der Errichtung gewährte Bestandsschutz gelte. Beim Bau neuer Strommasten indes darf überhaupt kein Thomasstahl mehr eingesetzt werden.Laut Gutachten sind RWE bei der Instandhaltung und Wartung der Strommasten keine Versäumnisse anzulasten. Das aber heißt im Klartext: Bei der Ursachenanalyse des Stromausfalls vom Münsterland ist ein schuldhaftes Fehlverhalten des Konzerns nunmehr abschließend vom Tisch.------------------------------StromausfallUmgestürzt: Im November des vergangenen Jahres waren im Münsterland bei heftigen Schneestürmen Dutzende Strommasten unter der Last von Schnee und Eis umgeknickt. Hunderttausende Menschen waren über mehrere Tage hinweg ohne Strom.Vorwürfe: Der Netzbetreiber RWE führte die Mastbrüche damals auf die extreme Witterungslage zurück und bestritt vehement Vorwürfe, wonach die Wartung des Netzes vernachlässigt worden sei.Problematisch: Gleichzeitig wurde bekannt, dass es bei den Strommasten älterer Bauart bundesweit gravierende Materialmängel gibt.------------------------------Foto: Abgeknickt: Zahlreiche Strommasten brachen vergangenen November in Nordrhein-Westfalen zusammen.