In dieser Woche treffen sich erstmals die Mitglieder der Deutschen Mathematiker-Vereinigung und der Gesellschaft für Didaktik der Mathematik zu einer gemeinsamen Jahrestagung in der HU. Dabei steht die Frage im Vordergrund, wie Mathematik an den Schulen und Universitäten besser vermittelt werden kann. Dieses Problem ist nicht erst seit den Ergebnissen der ersten Pisa-Runde virulent, bei der deutsche Schüler unterdurchschnittlich abschnitten. Auch die Universitäten sorgen sich seit längerem um den mathematischen Nachwuchs. So sank etwa die Zahl der Studierenden im Diplomstudiengang Mathematik an der Humboldt-Universität von 840 im Wintersemester 2002/03 auf 604 im Wintersemester 2005/06. Selbst wenn man die Umstellung auf die Bachelor- und Masterstudiengänge mit einberechnet, ist die Zahl der Mathematikstudenten an der HU rückläufig. Woher kommt das Desinteresse an der Mathematik?An schlechten Berufsaussichten kann es nicht liegen, im Gegenteil: "Nach ihrem Abschluss haben die meisten unserer Studenten schon zwei bis drei Angebote in der Tasche", sagt Professor Jürg Kramer, der an der HU Didaktik der Mathematik lehrt. Daran zeigt sich auch, dass die Mathematik in vielen Bereichen unseres Lebens immer wichtiger wird. Hans Magnus Enzensberger stellte bereits 1998 in einem Vortrag auf dem Internationalen Mathematiker-Kongress in Berlin fest, dass wir in einem goldenen Zeitalter der Mathematik leben. "Die Fortschritte in der Mathematik haben aber gleichzeitig dazu geführt, dass sie immer unsichtbarer wird", sagt Wolfgang Schulz, Professor am Institut für Mathematik der HU. Mathe steckt in vielen Dingen, wie etwa in Handys oder Bankautomaten - man sieht sie nur nicht. "Wenn man allein die Algorithmen herausnehmen würde, die man verwendet, um Handynetze zu betreiben, stünde die halbe Welt still", gibt Jürg Kramer zu bedenken."Mathephobie ist ein deutsches Phänomen", sagt Klaus Mohnke. Der Mathematik-Professor an der HU findet es bezeichnend, dass es selbst in intellektuellen Kreisen immer noch gesellschaftsfähig ist, damit zu kokettieren, wie schlecht man in Mathe war. Wer würde das denn gerne freiwillig in Bezug auf seine Deutsch- oder Englisch-Kenntnisse behaupten? In Frankreich gäbe es dieses Phänomen nicht, sagt Wolfgang Schulz. Da schmücke man sich gerne mit seinen Leistungen in der Mathematik.Bereits in der Schule polarisiert das Fach stark, weiß der Mathematik-Didaktiker. Für viele Schüler ist es ein Horrorfach, für andere ein Fach, mit dem sie sich von den anderen abheben können. Doch selbst für diese ist der Brückenschlag zur Universität oft schwer und nicht wenige Mathematikstudenten geben bereits im Grundstudium auf. Denn anders als in der Schule geht es hier nicht darum, Aufgaben nach bestimmten Wegen zu lösen, sondern um das Führen von Beweisen."Aufgaben zu lösen ist auch an der Uni wichtig" sagt Wolfgang Schulz, "aber darüber hinaus geht es auch darum, das Warum zu verstehen." In der Schule steht dagegen das algorithmische Arbeiten im Vordergrund. Die Musterlösung des Lehrers ersetzt oft die Suche nach eigenen Wegen. "Dadurch wird nicht vermittelt, wie spannend Mathematik sein kann", sagt Jürg Kramer. Und so kommen moderne mathematische Themen erst gar nicht in die Klassenräume. "Mathe in der Schule hört mit dem Anfang des 19. Jahrhunderts auf", sagt Klaus Mohnke.Um die Kluft von Universität und Schule zu verringern und auch insgesamt das Image der Mathematik zu verbessern, wird einiges getan. So gibt es etwa an der HU bereits seit 1970 eine mathematische Schülergesellschaft, in der sich Berliner Schüler mit mathematischen Problemen beschäftigen. Darüber hinaus fand am 15. März mit dem Känguru-Wettstreit der deutschlandweit größte Mathematik-Wettbewerb statt, an dem sich 550 000 Schüler beteiligt haben. Und auch das Rahmenprogramm der Mathematiker-Jahrestagung will mit Ausstellungen und einem Filmfestival zeigen, dass Mathe Spaß macht. Jan Steeger------------------------------Bis zum 30. März ist noch die Ausstellung "Jüdische Mathematiker und Mathematikerinnen in der deutschsprachigen akademischen Kultur" im Foyer der HU zu sehen. Ebenfalls bis zum Freitag läuft das Mathe-Film-Festival in der Urania. Programm unter www.vismath.de/mathfilm.Vom 3. bis 30. April wird die Ausstellung zum 300. Geburtstag des Mathematikers Leonhard Euler im Foyer vor dem Senatssaal im Hauptgebäude der HU, Unter den Linden 6 in Mitte, gezeigt.