Berühmt wurde er mit einem Augenzwinkern. In Julian Schnabels Film "Schmetterling und Taucherglocke" spielte der französische Schauspieler Mathieu Amalric die authentische Geschichte eines Chefredakteurs nach, den ein Hirnschlag vollständig lähmte. Nur ein Augenlid konnte er noch bewegen, und mit diesem Zwinkern diktierte er seine Memoiren. Amalric bekam für diese Rolle einen César als bester Schauspieler. Prompt besetzte Hollywood den schmächtigen Franzosen als Gegenspieler von Daniel Craig im neuesten Bond-Film "Ein Quantum Trost". Jetzt dürfte dem 43-Jährigen eine Weltkarriere bevorstehen.Monsieur Amalric, wie haben Sie das Schauspiel für sich entdeckt?Das kam nur, weil ich nicht Nein sagen kann, wenn Freunde mit mir zusammen arbeiten wollen. Ich bin ja eigentlich gar kein Schauspieler.Als was sehen Sie sich denn dann?Als Regisseur natürlich. Ich fing als Assistent an und arbeitete mich hoch. 1994 lernte ich an der Filmschule den Regisseur Arnaud Desplechin kennen. Ich studierte dort nicht, durfte aber nachts wie andere Durchgefallene Filme schneiden und arbeitete an meinem ersten Kurzfilm. Desplechin bat mich, bei ihm mitzuspielen Er sah wohl Dinge in mir, derer ich mir nicht bewusst war.Was bedeutet Ihnen die Arbeit vor der Kamera denn heute?Ich finde es interessant, an meiner Seele und an meinem Körper Zustände und Dinge ausprobieren.In "Schmetterling und Taucherglocke" liegen Sie über den ganzen Film reglos im Krankenbett. Der neue "Bond" bedeutet Action. Was liegt Ihnen mehr?Man fragt sich nicht, welche Rolle man lieber mag - man ist da einfach drin. Das Schöne an der Schauspielerei ist gerade, dass man soviel ausprobiert und von einem Julian Schnabel-Film zu einem "James Bond" kommen kann, und danach vielleicht zu einem erotischen Film.Wäre das für Sie auch eine Herausforderung?Durchaus. Ich liebe es zu schauspielern, weil ich dabei verblöde. Vielleicht ist verblöden das falsche Wort. Ich meine: Weil ich dabei lediglich instinktiv vorgehe, wie ein Tier. Man muss einen Draht zum Regisseur bekommen, man muss seinen Rhythmus spüren, die Musik, viele Dinge! Man wird zu einem Roboter, dem nicht bewusst ist, dass er spielt.Sie mögen den Job ja doch!Ich finde es aber auch beängstigend, Schauspieler zu sein. Ich liebe den Körpereinsatz. Aber es macht auch Angst. Ich mache mir dabei echt in die Hosen. Denn man versteht nicht mehr, wie die Zunge mit dem Gehirn zusammenarbeitet, und wie man es schafft, im richtigen Moment das Richtige zu sagen. Dass es funktioniert, hat wirklich etwas mit Zauberei zu tun.Sind Ihre Ängste keine Belastung?Die sind möglicherweise sogar wichtig. Ich habe das wieder bei "Ein Quantum Trost" gemerkt, als ich vor einer Crew von 500 Leuten stand. Wenn ich keine Angst mehr habe, ist es vielleicht Zeit aufzuhören. Und überhaupt nehme ich Rollen nur an, wenn sie unwiderstehlich sind."Bond" war also unwiderstehlich.Ja. Davon hätte ich nicht zu träumen gewagt.Wie haben Sie die Rolle in "Bond" bekommen?Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich hat man mich mit jemandem verwechselt.Sie tragen eine besondere Verantwortung. Der 007-Gegenspieler ist doch ausschlaggebend für die Würze des Films, oder?Und ich bringe als Bösewicht nicht einmal Narben mit. Ich habe nur mein Gesicht, mit dem ich arbeiten kann. Aber ich dachte mir, versuche es. Finde heraus, was es an dir Abscheuliches gibt. Das ist mir nicht schwer gefallen.Die Bosheit kommt also diesmal von innen?Genau. Das Drehbuch ist toll, es malt ein sehr genaues Bild des modernen Schurken. Denn heutzutage kann man einen Schurken nicht erkennen. Man weiß nicht, wer sie sind. Jeder lächelt im Fernsehen, jeder behauptet helfen zu wollen. Die Bösen von heute sind tolle Kerle: Sie waren auf dem College, geben vor, den Planeten retten zu wollen, pflanzen Bäume und helfen den Armen. Das ist umso gefährlicher.Ein Schurke, der uns als Umweltschützer daher kommt. Wer war Ihr Vorbild für diesen Charakter?Ich habe einfach ferngesehen! Bei Politikern geht es doch nur noch um die Performance. Je besser sie schauspielern können, umso beängstigender finde ich sie. Ihre stärkste Waffe ist ihr Lächeln. Und ihr Haarschnitt.Hat sich Ihr Leben bisher verändert? Nach "Schmetterling und Taucherglocke" und "Ein Quantum Trost" scheint die Welt Sie zu entdecken.Mir ist viel daran gelegen, dass sich mein Leben nicht verändert. Als Regisseur muss ich ein Beobachter bleiben. Ich hoffe, ich sehe nicht zu naiv auf die Auswirkungen des "Bond"-Films ...... die sicher positiv sein werden.Vielleicht bin ich mir der Größe des Films nicht richtig bewusst. Da lernt man seine Szenen und übt seine Stunts und vergisst darüber, in was für einer Riesenmaschinerie man sich befindet.Sie wollen wohl partout kein Star sein. Aber sind Sie nicht schon längst einer?Nein, bin ich nicht. Oder laufe ich mit einer Sonnenbrille durch die Gegend? Aber im Ernst: Ich bin einfach gerne Regisseur. Ich brauche die Schauspielerei nicht, um glücklich aufzustehen.Interview: Mariam Schaghaghi------------------------------Foto: Mathieu Amalric hat als Sohn eines Journalisten in Washington und Moskau gelebt, bevor er sich in Frankreich dem Film zuwandte.