Liefers ist Landers. Kockisch ist Raschke. Manzel ist Theyssen. Hübchen ist Zelewski. Die Schauspieler bleiben in ihren Figuren stecken, auch wenn sie auf den Umbau der Kamera warten. Pause. Du darfst sie nicht stören. Sie haben noch diesen Ausdruck, sie wollen sich nicht trennen, sie müssen in ihren Figuren weiter atmen, bis die Szene dem Regisseur gefällt. Die Schauspieler stehen in fremden Kleidern - in ausgedachten Kostümen von ausgedachten Figuren. Über den Köpfen von Jan Josef Liefers und Uwe Kockisch hängt in der Bahnhofskneipe von Pasewalk eine Uhr an der Wand. Lange steht sie still, dann macht der große Zeiger einen Satz und fällt später zwei Minuten zurück. Die Uhr mit der falschen Zeit ist echt. Zwei Geistergummifratzen sehen durch die Glastür, junge Männer machen sich gerade einen Spaß, sie sind auch echt. Aber die braunweißen Tischdecken, die in diese Kneipe zu gehören scheinen, hat die Requisite aufgelegt. Raschke läuft in der Dunkelheit durch einen Regenschauer, den der Himmel schickt, wir sehen die Tropfen, aber das Kameraauge sieht sie nicht - starker Regen im Film ist eine Sache der Feuerwehr, das hätte man nicht gedacht. Beim Drehen an Originalorten muss das Gefundene zum Erfundenen passen, deshalb wird nachgebessert. Mit neuen Schildern hat das Team den Bahnhof von Pasewalk vorübergehend zum Bahnhof von Neubrandenburg erklärt. Wer hier am Drehtag privat aus dem Zug steigt, stoppt verwirrt und wird aus dem Bild gebeten. Neubrandenburg/Bahnhof steht im Drehbuch, da sieht es aber zu renoviert aus. Nicht so wie vor zehn Jahren. In dieser Zeit spielt die Geschichte von Jan Landers.Dietrich Kluge ist Producer bei Network Movie in Hamburg. Vor dreieinhalb Jahren kaufte er in einer Buchhandlung den Roman "Die Nachrichten" von Alexander Osang. Einmal für sich, einmal als Geburtstagsgeschenk für einen Freund, den Regisseur Matti Geschonneck. Sie arbeiten schon lange zusammen. Als die beiden Männer den Roman gelesen haben, wollen sie einen Film daraus machen. "Ich hoffte, dass ich den Witz, die Tonlage und die Sensibilität des Buches treffen könnte", sagt Geschonneck. "Der Geruch von DDR, auch wenn der Roman 1994 spielt. Aber der Hauptgrund war für mich dieses deutsche Ensemble: Osangs Figuren. Alle schwer beschädigt, schrullig und nachvollziehbar. Alle keine Klischees. Ich kannte die. Ich verstand sie."Jan Landers hat damals nicht das Gesicht des Schauspielers Liefers, er ist noch Osangs Romanfigur: Ein junger Mann aus dem Osten, der in Hamburg im Fernsehstudio die Nachrichten liest. Demnächst soll er zum Tagesjournal wechseln, ein Karrieresprung. Landers ist wach, smart, anpassungssüchtig und nahe dran, die Traumfrau zu kriegen. Ein Angekommener, der sich den Osten mit der Bürste abkratzen will. Es gibt nicht so viele Ostler, die im Westen den großen Erfolg haben. Der "Spiegel" will eine Titelgeschichte zu dem Thema machen, die Reporterin Doris Theyssen, einzige Ostkollegin in der Redaktion, bekommt den Auftrag. Sie schreibt ein paar Namen auf eine Liste, Landers steht auch drauf. Bei der Routineüberprüfung in der Gauckbehörde, die im Roman anders heißt, findet sich eine Karteikarte. Könnte sein, dass Landers IM war. Es ist ein Verdacht. Landers wird vom Sender genommen. Er kann sich nicht erinnern und versucht herauszufinden, was damals wirklich war. Raschke, ein versoffener, aber nicht erloschener Journalist in Neubrandenburg, kommt der Geschichte auch auf die Spur. Ehemalige Stasioffiziere mischen sich ein. Am Ende hat jeder gepokert, betrogen, verloren. Landers, leicht gerupft und nicht erschüttert, darf aber wieder ins Fernsehen. "Dann glättete sich sein Gesicht." So endet der Roman. "Es ist eine Geschichte über die Kraft des Opportunismus", sagt Jan Josef Liefers, der Hörbuchsprecher der "Nachrichten" und der Hauptdarsteller im Film. "Über diese schreckliche, aber auch vitale Kraft, eine Überlebensfähigkeit. Landers besitzt diese Fähigkeit, ein von der Natur Geküsster, der immer auf die Beine fällt und dabei kein Duckmäuser ist. Jeder will sein Talent entfalten. Was soll schlecht daran sein? Ich bin sicher, es gibt alte Bekannte, die - wenn ich nicht dabei bin - laut denken: Der Liefers hat ja eine erstaunliche Karriere gemacht, immer zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle - seine Rede am 4. November 89 auf dem Alexanderplatz, das Thalia-Theater im Hamburg, diese Rolle in ,Rossini' bei Helmut Dietl. Wie geht so was? Aber das ist Ideologie, hat nichts mit dem Leben zu tun. Frei nach dem alten FDJ-Hit ,Sag mir, wo du stehst'. Mit der berühmten Zeile: ,Du kannst nicht bei uns und bei ihnen genießen.' Der Text war damals schon Heuchelei.""Eine deutsche Geschichte", sagt Dietrich Kluge. "Ich glaube, dass wir im Westen genauso auf der Suche nach Anpassung sind. Wie muss ich mich verhalten, damit Andere nicht merken, dass ich mich auf eine bestimmte Art zu verhalten versuche?" Kluge, ein gebürtiger Marburger, ist in der Welt herumgekommen und mit einer Koreanerin verheiratet. Wozu vielleicht auch Anpassung gehört hat. Kluge und Geschonneck telefonieren damals mit dem Fischer-Verlag, in dem das Buch im Herbst 2000 erschienen ist. Sie hören, dass noch andere Interessenten die Filmrechte kaufen möchten.Die besitzt Alexander Osang, der lange als Reporter für die Berliner Zeitung gearbeitet hat. Seit 1999 ist er für den "Spiegel" in New York. Kluge fragt beim Autor an. "Freut mich, dass Sie meinen Roman dem Geschonneck geschenkt haben", antwortet Osang. Mehr sagt er erstmal nicht. Er hat schon einige schlechte Romanverfilmungen im Kino gesehen, da muss man nicht dabei sein. Er verdient ausreichend. Er ist auf stille Art glücklich über die Resonanz des Buches, konträre Rezensionen, 50 000 verkaufte Exemplare. Zu seinen Lesungen kommen in der Regel mehr Besucher als reinpassen. Auch wenn Osang Texte liest, die schon als Reportagen und Kolumnen in der Zeitung gestanden haben. Texte von gestern eigentlich, Überlebenskünstler. Kein anderer deutscher Journalist kann sich so sichtbar auf die Treue und Zuneigung seines Publikums verlassen. Manche Leser folgen ihm seit Jahren wie Schlachtenbummler. Der Roman "Die Nachrichten" ist ja schon sein achtes Buch: Diesmal hat Osang seine journalistischen Recherchen und sein persönliches Zeitgedächtnis in eine dramatische Handlung gehoben, in Literatur umgedacht. Sein erster Seitenwechsel. Das Kind beginnt zu laufen, warum sollte er es in fremde Hände geben. Einerseits. Andererseits denkt er natürlich nach. Er liebt Filme. Er schätzt Matti Geschonneck. Sie treffen sich in Berlin und finden sich sympathisch. Osang bekommt das Angebot, das Drehbuch selbst zu schreiben. Er bremst zuerst ab - der Film brauche einen fremden Blick. Außerdem hat er noch nie ein Drehbuch geschrieben. Sie reden weiter. Vertrauensbildende Maßnahmen, die in einem Vertrag enden. Regisseur und Producer reisen 2001 das erste Mal nach New York zum Autor. "Da standen die Türme noch", sagt Geschonneck. Sie sind an einem Sonntagmorgen im Juni hochgefahren. "Oben ganz blauer Himmel und unten diese Stäbchen-Häuser, Manhattan", sagt Geschonneck. Sie fliegen später noch zweimal zu Osang, immer im Juni. Sie arbeiten auf seiner Terrasse in Brooklyn. Das Drehbuch ist im August dieses Jahres fertig. Aus 450 Romanseiten sind 103 Seiten gedachter Film geworden, "8. Fassung" steht vorne drauf. Das klingt nach Arbeit und gilt im Filmgeschäft als normal. Film schreiben heißt, sich verabschieden zu können, wenn ein Roman die Vorlage ist. Abschneiden, auslassen, wegwerfen, Bypässe legen, neu erfinden. Film läuft schneller. Das Drehbuch hat jetzt eine unerbittliche Vorwärtsbewegung. "Ich habe es als Chance gesehen, die Schwächen meines Romans auszubügeln", sagt Osang. "Er hat auf Vorschläge nie bockig reagiert. Nie!", sagt Geschonneck. "Osang ist schnell und uneitel. Das ist nicht die Regel. Er konnte bei Änderungsvorschlägen wie ein Schachspieler die nächsten Züge voraussehen." Die am meisten veränderte Figur ist Zelewski, Henry Hübchen spielt den Stasioffizier. Seine Figur hat eine Kraft, der man zutrauen würde, in der neuen Zeit irgendwo unterzukommen. Er müsste sich nur wandeln. "Aber der will sich nicht wandeln!", sagt Hübchen. "Der weiß, dass er den Kampf verloren hat. Er kann sich nicht so einfach drehen und zum Überläufer werden, nachdem er wirklich geglaubt hat, einer besseren Welt zu dienen." Dieser Stasioffizier wird Jan Landers, den anpassungsfähigen Ostler, retten. Zelewski muss dafür aus dem Jenseits eingreifen. Manchmal kommt einer um, wenn er sich nicht anpassen kann. Manchmal löscht sich jemand aus, wenn er sich überall anpassen kann. Nicht nur die Filmfiguren, sondern auch die lebendigen Menschen bewegen sich zwischen solchen Fallen. Nach Instinkt, Verstand, Charakter und Angebotslage. Als Osang Ende Oktober für zwei Tage von New York nach Neubrandenburg kommt, um den Filmern bei der Arbeit zuzusehen, bestellt Dietrich Kluge am ersten Abend das nächste Drehbuch bei ihm. Blinde Buchung sozusagen. Osang nickt. Zu diesem Zeitpunkt hat er einen sehr starken Grog intus, weil er tagsüber bei den Dreharbeiten fürchterlich gefroren hat. Die erste Szene, die er an diesem Tag gesehen hat, spielte noch im warmen Hotelzimmer. Dagmar Manzel telefoniert im schwarzen Unterkleid mit der Behörde und hält die Hatz auf Landers am Laufen. Die Lawine geht ab, bald steht Landers vor dem Sender. Er ist draußen. Da ist der Film zur Hälfte rum. "Als ich das Drehbuch las, dachte ich, diese böse Frau hat mit meinem Wesen nichts zu tun", sagt Dagmar Manzel. "Aber Matti zeigt, wo sie herkommt. Die Theyssen ist nicht nur karrieregeil, sondern vor allem eine einsame Frau. Sie ist hart geworden dabei, vor allem zu sich selbst. So hart geht sie dann auch mit allen anderen um. Sie muss ja besser sein als jeder Journalist aus dem Westen. Das Thema ist noch da, gerade wieder, bei der Diskussion um Christoph Hein als Intendant des Deutschen Theaters."Die meisten Schauspieler in diesem Film kommen aus dem Osten. Die vier, die gerade in Pasewalk und Neubrandenburg drehen - Dagmar Manzel, Jan Josef Liefers Liefers, Henry Hübchen, Uwe Kockisch - haben schon in der DDR große, gute Rollen gespielt. Sie hatten keine Mühe, solche Angebote auch nach der Wende zu bekommen. Hauptrollengesichter, man kennt sie. Ihre früheren Regisseure kennt man heute weniger. Kaum einer von ihnen hat Fuß gefasst in dem eingespielten Netzwerk der Filmproduzenten. Ostregisseure kamen aus einer anderen Familie. Wenn sie jetzt über fünfzig sind und Glück haben, drehen sie Serien. Einige unterrichten. Einige warten noch auf Anrufe. Manchmal laufen ihre Filme am späten Abend im Fernsehen. Matti Geschonneck ist 1978 ausgereist, bei 27 Filmen hat er seitdem Regie geführt. "Das Problem des Ankommens ist mir nicht fremd", sagt er, "sich in einer anderen Gesellschaft etablieren zu wollen, zu müssen. Das kannte ich - nur etwas eher als die 17 Millionen DDR-Bürger. Als ich vor 26 Jahren in Hamburg anfing, gab es zwei deutsche Staaten und ein Gefühl von Endgültigkeit. Ich war noch der Exot.""Bei mir hat sich nichts geändert", sagt Hübchen. "Bin immer noch in derselben Wohnung. Bin immer noch mit derselben Frau verheiratet. Mache am selben Theater dieselbe Arbeit, ich musste nicht umschulen. Alles sehr statisch, auch nicht schön. Alles wie früher, bloß dass ich jetzt mehr Möglichkeiten habe. Das neue Tempo hat mich nicht gestört. Ich muss nicht mehr dreizehn Jahre auf ein Auto warten. Anpassung ist ein negatives Wort. Ich mache Kompromisse." "Jede Veränderung ist was Wunderbares? Offenbar fällt das den Menschen schwer", sagt Kockisch. "Die Geschichte im Film ist zehn Jahre her, aber ganz gegenwärtig. Wir sind damals weggerannt, wir haben was liegen gelassen. Für mich ist der Film eine wunderbare Gelegenheit, meine Beobachtungen loszuwerden. Ich lass mich nicht eingemeinden. Wir Ostler haben ja die Attitüde des Direkten. Etwas sagen ohne Absicherung. Wir haben vor unseren Chefs nicht gezittert. Es kann ein kreativer Vorgang sein, wenn man diese Direktheit bei der Arbeit nutzt. Wenn man im Westen zum Drehen quasi fremdkommt." "Es gibt verschiedene Möglichkeiten, in ein System hineinzufinden, sagt Dagmar Manzel. "Von Karrieren bis zu zerbrochenen Hoffnungen. Ich selber passe mich nicht an, wenn es mich beschädigt oder mit meinem Leben nichts zu tun hat. In den letzten fünfzehn Jahren habe ich begriffen, dass ich mir vertrauen kann." Als Jan Josef Liefers vor einiger Zeit seine Oma in Erfurt im Krankenhaus besuchte, erkannten ihn zwei Jungs, vielleicht vierzehn Jahre alt: Gut, dass du aus dem Osten kommst. Ist doch egal, wo einer herkommt, sagte Liefers. Das wird noch lange dauern, bis das egal ist, sagten die Jungs. Sie werden das von ihren Eltern gehört haben. Am Utkiek heißt die Neubausiedlung in Neubrandenburg, Am Ausguck. Hinter den Blöcken öffnet sich ein weiter, schöner Blick in die Landschaft. Heute gucken die Leute von ihrem Balkon den Dreharbeiten zu. Es ist Montagvormittag, und viele sind zu Hause. Einige sind aus ihren Wohnungen heruntergekommen, als das Filmteam aufgebaut hat. Den ganzen Tag Sprühregen, Hosenbeine knattern wie Fahnen im eisigen Wind. Die Zaungäste stehen mit nackten Armen da, als ob sie unempfindlich gegen alle Zumutungen wären. "Letzte Woche hab ich ja noch flachgelegen", sagt eine junge Friseurin. "Aber ich möchte mir das ansehen, hier dreht doch sonst keiner." Die Zuschauer haben von dem Roman "Die Nachrichten" nichts gehört. Sie können heute den Autor sehen. Er spielt mit, auf Wunsch des Regisseurs wird es ein Auftritt, der in der Branche "kleines Fach" heißt: Osang kommt aus einer Haustür und sagt "Tach!" zu Kockisch und Liefers. Dreizehnmal muss er das machen, bis alles passt. Man hat ihm eine fliederfarbene Steppjacke und eine Wollmütze gegeben, in seinem Leinenbeutel schlagen leere Flaschen aneinander. "Der soll einen Roman geschrieben haben? Ich dachte, der wohnt hier", sagt ein Zuschauer. Auf der Homepage von Neubrandenburg wird eine Arbeitsgruppe zur Umsetzung von Hartz IV angekündigt, und ein Telefonforum: "Selbstständig statt arbeitslos - eine Chance." Man kann sich mit einem Klick an einer aktuellen Umfrage beteiligen: "Haben unsere Kinder heute bessere Perspektiven als wir damals?" Wir. Damals. Die Zeit ist in eine kollektive, aber unbestimmte Vergangenheit gerückt, sie sagen nicht mehr DDR. Laut Umfrage glauben 62,5 Prozent nicht an eine bessere Perspektive ihrer Kinder. Sie haben in Neubrandenburg nicht mehr so viele davon: Auf der Homepage steht, dass es 615 Krippenplätze gibt für 543 angemeldete Kinder. Im Norden vom deutschen Osten versickern die nächsten Generationen. Einige Männer im Team kennen diese Gegend hier von früher. Matti Geschonneck ist vor 32 Jahren in Pasewalk umgestiegen, um als Soldat der NVA zu seinem Standort Eggesin zu kommen. Achtzehn Monate lang: "Eine Stunde Aufenthalt, rumhängen in der Bahnhofskneipe mit anderen grauen Gestalten. Müdes Licht, Kartoffelsalat mit gelben Rändern, der Bierschaum brach sofort zusammen. Nur Senf konnten sie. Dann ging es mit dem Bummelzug nach Eggesin und noch eine dreiviertel Stunde Fußmarsch zur Kaserne."Uwe Kockisch war Reservist in Fünfeichen, das liegt ganz in der Nähe von Neubrandenburg. Er erinnert sich an groteske Beschäftigungen. Die Soldaten buddelten unter dem Kommando eines Majors große Löcher aus, die andere Soldaten wieder zuschütteten. 1962 saß Kockisch wegen versuchter Republikflucht ein Jahr in Cottbus im Gefängnis. Da war er siebzehn. Jan Josef Liefers konnte seine Einberufung zweimal verschieben. Einmal half der Rektor der Schauspielschule, Hans-Peter Minetti, einmal halfen der Intendant des Deutschen Theaters, Dieter Mann, und Heiner Müller. Aber im Oktober 1989 hätte Liefers dann doch zur Armee gehen müssen. Der Einberufungsbefehl lag da. "Ich plante zu verduften", sagt er. "Da fing das mit den Botschaften an." Der Schüler Hübchen musste nach dem 13. August 1961 in der Schule drei Verpflichtungen unterschreiben. Erstens: Ehrlich lernen. Hat er unterschrieben. Zweitens: Keine Nato-Sender hören. Hat er auch unterschrieben, das konnte niemand kontrollieren. Drittens: Vormilitärische Ausbildung. Hat er nicht unterschrieben. Er war dreizehn, es ist nichts passiert. Hübchen weiß nicht mehr, wohin es ihn bei der Armee verschlagen hätte, wahrscheinlich auch nach Eggesin, dem gefürchtesten Standort der NVA. Einen Tag vor der Einberufung - "Domplatz, 7 Uhr" - hat ihn sein Magdeburger Theaterintendant noch rausgehauen. Glück gehabt. In den Norden kam Hübchen immer unbeschwert, er trampte links vorbei an den Neubrandenburger Blöcken, auf dem Weg zur Ostsee. Später fuhr er im Trabant dahin. Osang steht im höchsten Haus von Neubrandenburg, man nennt es schon immer den "Kulturfinger". Hier wird in einem Raum das Hotelzimmer gedreht. Unten parken die Fahrzeuge des Filmteams, große Laster mit der Technik, Wohnwagen, Requisite, Kostüm. Posten in orangefarbenen Westen sichern die Stellung. Osang sagt: "Ich war hier drei Jahre als Lehrling bei der Abwasserwirtschaft. Und jetzt sperren sie die Straße ab, weil ich was geschrieben habe." Osang war damals sechzehn, das erste Mal ist er weg von zu Hause. Berufsausbildung mit Abitur. Er besitzt eine graue Uniform, auf den Schulterstücken ist ein silbenes L, für Lehrling. Er ist klein und dünn und hat eine ganz hohe Stimme. Jürgen Müller aus seiner Klasse trägt schon Vollbart. Frühes Aufstehen, Metallspinde, es riecht nach Waschpaste. Am Sonntagabend kommt er aus Berlin von den Eltern zurück, läuft vom Bahnhof eine Stunde, und wenn er um die Ecke biegt, hofft er, dass sein Wohnheim brennt. Am Ende des 1. Lehrjahres hängen sie zu dritt und besoffen unten im Wohnheim die Porträts von Honecker und Stoph ab, sie marschieren damit durch die Stadt. Einer wird erkannt. Er muss zum Direktor und soll sagen, wer die Anderen waren. Er sagt, dass er es allein war, nur er, Micha Eckert. Es steht fest, dass er wegen schlechter Leistungen kein Abitur machen darf. Er schützt trotzdem die Anderen. "Ich werde ihm immer dankbar sein. Wer weiß, was mir passiert wäre", sagt Osang. "Du wirst an bestimmten Punkten deines Lebens so gebrochen." Wir gehen alle auf dünnem Eis. Wenn sich Matti Geschonneck ein Filmplakat zu den "Nachrichten" wünschen könnte, dann müsste es von dem Maler Penck gezeichnet sein. Dieses Plakat sollte ein Strichmännchen zeigen und daneben, so groß wie das Strichmännchen selbst, einen Zeigefinger, der einen Daumen berührt und sich bereit macht, das Männchen wegzuschnipsen. Jeden Moment kann das losgehen, das Schnipsen. Ein Verdacht, Gerüchte, üble Nachrede, vorauseilender Gehorsam. Oder auch nur Pech.Der Held des Films ist ein Nachrichtensprecher, der seinen Job verliert. Kein so ganz großes Drama. Eine deutsche Tragikomödie will Geschonneck drehen, keine Tragödie. "Natürlich wäre Landers in seiner Branche erledigt", sagt er. "Aber ich weiß nicht, ob das heute die Zuschauer so existenziell beschäftigt, wenn sie daneben an Opel oder Karstadt denken." Das Leben ist überall härter geworden. "Du musst kein Stasimitarbeiter gewesen sein, um die Vergangenheit zu verklären", sagt Hübchen. Liefers ist Landers. Der Schauspieler gibt seiner Figur Wärme. Einer wie Landers ist ihm vertraut. Von der Stasigeschichte abgesehen, sagt Liefers, könnte diese Geschichte auch von ihm handeln. Von einem Ossiwessi. Er erzählt, wie ihn seine Mutter zum ersten Mal in Hamburg besucht hat. Sie kauften ein, um abends zu kochen. Die Mutter legte ein Flasche Rotwein in den Wagen, der Sohn tauschte sie wortlos um. Sie haben die halbe Nacht darüber geredet. Die Mutter fragte, ob er sie für zu blöd halte, Rotwein zu kaufen. Sie fühlte sich wie eine Zurückgebliebene behandelt.Der Kameramann Wedigo von Schultzendorff dreht seit zwanzig Jahren viel im Ausland, in Amerika hat er zuletzt mit Woody Allen gearbeitet. "Und dann fragen sie mich da immer in Amerika: Wie ist es denn jetzt mit dem Osten und dem Westen? Versteht ihr euch noch? Am Anfang freuten sich doch alle so sehr. Und ich muss dann sagen: Nee, nee. So nicht mehr." ------------------------------Foto (6): Henry Hübchen, Dagmar Manzel, Matti Geschonneck, Uwe Kockisch, Jan Josef LiefersAm Utkiek heißt das Neubaugebiet. Am Auskuck. Der Eingang ist ein Filmmotiv. Oben im Haus soll Zelewski wohnen.

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