Die Arbeitsgemeinschaft 13. August hat Kritik an den von ihr jährlich vorgelegten Listen der Grenztoten an der deutsch-deutschen Grenze zurückgewiesen. Alexandra Hildebrandt, Chefin des Museums Haus am Checkpoint Charlie, sagte, nach ihren Recherchen seien an der Berliner Mauer zwischen 1961 und 1989 262 Menschen ums Leben gekommen. Ein Forschungsprojekt des Potsdamer Zentrums für zeitgeschichtliche Forschung (ZZF) und der Mauergedenkstätte Bernauer Straße hatte dagegen in dieser Woche eine Zahl von derzeit 125 sicher nachweisbaren Todesfällen genannt, zuzüglich ungeklärter Verdachtsfälle. Hildebrandt warf den "sogenannten Forschern" bei ihrer Pressekonferenz zum Jahrestag des Mauerbaus vor, im Auftrag des SPD-PDS-Senats gegen Geld die Zahl der Maueropfer aus politischen Gründen "kleinzurechnen", um ein günstigeres Bild der DDR zu zeichnen. "Das ZZF darf keine höhere Zahl als 125 Tote nennen", sagte Hildebrandt. Das sei ein Auftrag von Kultursenator Thomas Flierl (PDS). Christine Brecht vom ZFF wies dies als Unterstellung zurück. Die Forschung werde im Übrigen von Bundeskulturminister Bernd Neumann (CDU) gefördert, dem Hildebrandt auf Nachfrage dann keine DDR-freundlichen Motive zubilligte.Die Witwe des Museumsgründers Rainer Hildebrandt sah sich nicht in der Lage darzulegen, warum in ihrer Liste beispielsweise 21 Personen in der Rubrik Grenztote an der Berliner Mauer aufgeführt sind, während die Potsdamer Forscher nach Einzelfallrecherchen ausschließen, dass die Betreffenden bei einer Flucht starben. Hildebrandt kündigte eine Überprüfung dieser Fälle an. Ihre Liste habe vorläufigen Charakter. Stelle sich heraus, dass jemand verletzt, aber nicht tot sei, werde dies wie schon in früheren Jahren korrigiert. "Wenn hier ein DDR-Flüchtling reinkommt und sagt: ich lebe noch, dann freuen wir uns und streichen ihn aus der Liste", sagte die Museumschefin. Bis dahin gilt er jedoch, wenn er "in mindestens einer anerkannten Dokumentenquelle" als tot aufgeführt sei, als "Todesopfer des SBZ/DDR-Grenzregimes". Professionelle Historiker sind an den Recherchen der AG 13. August nach Angaben Hildebrandts nicht beteiligt. Da es ihr um die Opfer gehe und damit "Herzenssache" sei, würden die Nachforschungen von ihr und Mitarbeitern durchgeführt.Hildebrandt gab bekannt, dass die Zahl der "Opfer von Flucht und Grenzregime" an der innerdeutschen Grenze zwischen 1945 und 1989 insgesamt nach aktueller Zählung 1 201 betrage, 66 mehr als 2005. Zu diesen neu bekannt gewordenen Todesfällen, die im Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime stünden, zählten unter anderen DDR-Flüchtlinge, die aus Grenzgewässern geborgen wurden, ein fahnenflüchtiger polnischer Soldat, der auf der Flucht nach West-Berlin erschossen worden sein soll. Auch habe Dänemark Leichen in der Ostsee Ertrunkener an die DDR-Behörden übergeben. Es sei zu erwarten, dass sich die Zahl der Todesopfer an der DDR-Grenze künftig nicht reduziere, sondern weiter erhöhe. (tr.)------------------------------Foto: "Wenn ein DDR-Flüchtling uns sagt: ich lebe noch, dann streichen wir ihn aus der Opfer-Liste." A. Hildebrandt, AG 13. August