Herr Professor Bormann, definieren Sie bitte das Sterben.Psychisch beginnt der Sterbeprozess, wenn ich anfange, mich mit meiner baldigen Endlichkeit auseinanderzusetzen. Und biologisch abgeschlossen ist er, wenn die letzte Zelle tot ist.Viel weiter hilft uns das aber auch nicht, oder? Warum ist der Tod ein kommunikatives Tabu?Die meisten Menschen sterben im Krankenhaus oder zumindest in ärztlicher Betreuung, aber bis vor Kurzem durfte das Wort "Sterben" von Ärzten noch gar nicht ausgesprochen werden.Durfte nicht? Richtig wäre wohl: Die meisten Ärzte trauen sich nicht!Ja, und die Folge ist, dass die Quote der sterbenden Patienten, die wahrheitsgemäß über ihren Zustand aufgeklärt werden, sehr gering ist. Neun von zehn Patienten erfahren nicht, wie es um sie steht. Ich halte dieses Verschweigen für eine Katastrophe. Da mangelt es an Wahrhaftigkeit in der Kommunikation mit Patienten. Doch auf diese haben alle Patienten, insbesondere aber Sterbende, ein Recht. Nicht nur, weil das Zeitfenster meist sehr klein ist, "um seine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen".Wie erklären Sie sich diese Scheu der Ärzte, über den Tod zu sprechen?Viele Ärzte empfinden einen sterbenden Patienten als persönliches Scheitern.Angehörige berichten häufiger, ihnen sei nicht klar gewesen, dass der Kranke dem Tod schon so nah war. Dass ein Arzt sagt: Er stirbt, ich weiß nicht wann, aber er stirbt! - Das kommt doch so gut wie nicht vor.Das stimmt leider, oft werden völlig unrealistische Heilungsaussichten offengehalten. Zuzugeben, dass er am Ende seiner Möglichkeiten ist, bedeutet für einen Arzt das Eingeständnis der eigenen Grenzen.Ist es nicht auch im Sinne des Patienten, ihm seinen Tod nicht so brutal vor Augen zu führen?Nein, denn oft ist es eine unglaubliche Erlösung für den Patienten, gesagt zu bekommen, dass er jetzt nicht mehr kämpfen muss. Aber Sie haben schon Recht: Auch der Patient muss signalisieren, dass er jetzt bereit ist zu hören, dass er stirbt. Solange der Patient noch total fixiert auf alles technisch und medizinisch Machbare ist, gibt es gar keinen Raum für die Wahrheit.Was muss sich zuallererst ändern?Die zentrale Frage ist natürlich, wie wir es ermöglichen, in dem hochrationalen Raum Krankenhaus Gefühle zu äußern.Viele Angehörige, etwa von Tumorpatienten, leiden unter der Frage, woran ihr Familienmitglied am Ende stirbt. Etwa, wenn ihnen klar wird, dass der Patient schon seit Tagen keine Nahrung mehr herunterbekommt. Lassen wir unsere Sterbenden verhungern, wenn wir uns gegen die Magensonde entscheiden?Da muss man sehr genau unterscheiden. Leider werden jedes Jahr rund 100000 Magensonden gelegt, etwa bei Demenzpatienten, einfach weil es leichter ist, sie so am Leben zu halten, statt ihnen stundenlang Nahrung anzureichen. Dabei könnten sie essen, wenn ihnen jemand hilft. Die Magensonde wird dann als pflegeentlastendes Instrument eingesetzt. Davon müssen wir wegkommen. Eine Magensonde ist dann angezeigt, wenn ein Demenzpatient so massive Schluckstörungen hat, dass er andernfalls tatsächlich verhungern würde.Und wie ist es mit dem sterbenden Patienten?Das ist ganz klar: Ein sterbender Organismus braucht keine Kalorien mehr. Nahrung ist in der Sterbephase keine Wohltat, sondern eine Belastung. Auch eine Flüssigkeitsgabe ist bei Sterbenden nicht mehr nötig, es reicht, die Schleimhäute gegen das Durstgefühl zu befeuchten.Dazu muss man wissen, wann der Sterbeprozess überhaupt beginnt.Die Erwartung, dass einem ein Arzt punktgenau sagen kann, wann der Sterbeprozess beginnt und wann er endet, ist überzogen. Eine hilfreiche Definition ist sicherlich der Ausfall von mehreren lebenswichtigen Organen. Und dennoch: Auch unter Naturwissenschaftlern herrscht eine große Unsicherheit darüber, wo bestimmte Handlungen noch ein Sterbenlassen sind, und wo sie beginnen, eine Tötung zu werden. Um zu entscheiden, ob jemand künstlich ernährt wird, muss ein Arzt den Phasenverlauf des Sterbens kennen.Ist es angesichts der Hirntod-Diskussion nicht bizarr, dass die Medizin offenbar nicht definieren kann, wann ein Mensch gestorben ist?Die Transplantationsmedizin ist moralisch und rechtlich nicht vorstellbar ohne eine klar benennbare Grenze zwischen Leben und Tod, die derzeit durch das sogenannte Hirntodkriterium im Sinne des irreversiblen Ausfalls aller integrativen Hirnfunktionen bestimmt wird. Natürlich gibt es typische Sterbeverläufe, aber es gibt auch Szenarien mit vielen Grauzonen. Beim schon genannten Ausfall mehrerer lebenswichtiger Organe kann man davon ausgehen, dass bald der Tod eintreten wird. Ein Problem entsteht an der Stelle, wo wir heute dazu in der Lage sind, diesen Ausfall technisch zu kompensieren. Da stellt sich die Frage: Wann ist das sinnvoll?Wo sind aus Ihrer Sicht die Grenzen?Es gilt, zwei Dinge zu vermeiden: Den blinden Einsatz aller technischen Möglichkeiten, um ein Leben um jeden Preis zu retten. Das kann einen Patienten in eine prekäre Situation bringen. Und auf der anderen Seite die gezielte ökonomisch motivierte Unterversorgung schlecht versicherter Patienten.Ich konstruiere mal einen Fall: Ein Schlaganfallpatient bekommt eine Lungenentzündung. Die Ärzte informieren die Familie und warnen: "Es kann sein, dass eine Krise eintritt und wir ihn künstlich beatmen müssen. Dann bleibt das allerdings bis zum Lebensende so. Wollen Sie das?" Eine Patientenverfügung gibt es nicht. Die Familie lehnt die künstliche Beatmung ab. Der Patient stirbt kurz darauf. Die Annahme, dass diese Entscheidung im Sinne des Patienten war, steht doch auf sehr wackligem Boden, oder?Allerdings. Der Arzt spricht in diesem Fall mit den Angehörigen, um sich rechtlich abzusichern. Er will nicht verklagt werden. Aber das ist natürlich nicht gleichbedeutend mit dem Willen des Patienten.Also sollte man auf jeden Fall eine Patientenverfügung machen?Die Diskussion um die Patientenverfügung sehe ich vor allem als Ausdruck eines zunehmenden Misstrauens: Ganz offensichtlich bezweifeln immer mehr Menschen, dass der Arzt am Lebensende die richtige Entscheidung trifft. Sie fürchten entweder unter- oder überversorgt zu werden. Und das ist nicht ganz unberechtigt. Denn natürlich tobt im Hintergrund ein Machtkampf zwischen Palliativ- und Intensivmedizinern, die beide um ökonomische Ressourcen kämpfen. Das entscheidende Kriterium muss jedoch immer die Lebensqualität des Patienten sein.Das ist ja sicher auch mit ein Grund dafür, warum immer mehr Menschen über Patientenverfügungen nachdenken: weil sie sich bestimmte Behandlungen verbitten möchten.Das kann man verstehen. Doch aus meiner Sicht hilft die Patientenverfügung nicht, die Vertrauenskrise zwischen Arzt und Patient zu meistern. Es ist naiv zu glauben, sie sei der Königsweg zur Autonomie des Patienten. Zielführender wäre, Mediziner an dieser Stelle besser aus- und fortzubilden.Spielen Sie da auch auf eine Verbesserung der Schmerztherapie an? Viele Palliativmediziner behaupten ja, heute müsse kein Patient mehr Schmerzen leiden. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Warum eigentlich?Weil die Aussage der Palliativmediziner zwar Sachstand der Medizin ist, aber die Verfügbarkeit der Methoden und Arzneien in der Fläche noch lange nicht erreicht ist. Im Curriculum der Medizinstudenten ist die Schmerztherapie zwar enthalten, aber es dauert Jahre, bis dieses Wissen auch bei den behandelnden Ärzten ankommt.Interview: Frauke Haß------------------------------Eine Frage der MoralFranz-Josef Bormann ist Moraltheologe und Medizinethiker an der Universität Tübingen. Als Herausgeber bereitet er derzeit ein Buch vor, in dem sich Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen mit dem Thema Sterben auseinandersetzen.Das Werk "Sterben. Zum Verständnis eines an-thropologischen Grundphänomens" erscheint voraussichtlich im Dezember im De Gruyter Verlag. Mitherausgeber ist Gian Domenico Borasio.Einem todkranken Patienten zu sagen, wie es um ihn steht, wertet Bormann als Erlösung - sofern dieser auch signalisiert, dass er für die Wahrheit und ein klares Wort des behandelnden Arztes offen ist.------------------------------Foto: Viele treibt die Angst um: Trifft der Arzt am Lebensende die richtige Entscheidung?