PRENZLAUER BERG. Ein Stück DDR lagert in Schubläden, Ordnern und in riesigen Metallschränken. Es ist nur ein Ausschnitt. Vieles, was DDR-Oppositionelle damals veröffentlichten, hat heute, auf mehrere Etagen verteilt, in einem Hinterhausarchiv an der Schliemannstraße 23 seinen Platz: illegal gedruckte Flugblätter, Beschwerden an den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, Briefe aus dem Gefängnis, Tagebücher, Flugblätter, Aufrufe und Zeitschriften aus dem Untergrund .Die Dokumente des Robert-Havemann- und des Matthias-Domaschk-Archivs gelten heute als umfangreichste Materialsammlung der DDR-Opposition. Doch viele Schriftstücke drohen mittlerweile zu verrotten. "Sie sind bereits so verblichen, dass sie kaum noch zu lesen sind", sagt Tom Sello. In den 80er-Jahren arbeitete er selbst in der Umweltbibliothek, heute ist er einer von acht Mitarbeitern, die das Archiv verwalten, forschen, Bücher verfassen und Auskunft geben, wenn Wissenschaftler, Journalisten und Studenten die Vergangenheit aufspüren. Zu DDR-Zeiten gab es das nicht. "Im Westen hat niemand darüber geforscht. Im Osten schon gar nicht!", sagt Sello.Damit die einmaligen Dokumente noch lange erhalten bleiben, werden zurzeit 719 Zeitschriften im Rahmen eines Kooperationsprojektes mit der Umweltbibliothek in Groß-Hennersdorf (Lausitz) und der Technischen Universität Dresden digitalisiert. Mehr als 200 000 Euro zahlen die Deutsche Forschungsgesellschaft und die Stiftung Aufarbeitung dafür. Die Geldgeber wissen: Die Zeit drängt, viele Dokumente sind in schlechtem Zustand. "Das Papier bricht, die Farbe geht verloren", sagt Sello. Das liege an der schlechten Papier- und Druckqualität. Viele Untergrund-Zeitschriften wurden in den 80er-Jahren im Spiritus-Umdruckverfahren vervielfältigt. Manche Texte sind nach über 20 Jahren kaum noch zu lesen. Zum Beispiel die erste Ausgabe der Umweltblätter vom August 1986, die sich unter anderem mit den Folgen des Reaktorunglücks in Tschernobyl beschäftigte.Bis Jahresende sollen 14 000 Seiten aus 185 Untergrund-Zeitschriften digitalisiert sein. In einer Datenbank ist dann zusammengefasst, was in den Jahren zwischen Mauerbau und Mauerfall aus DDR-kritischer Sicht erschien. Die Hefte der Oppositionsgruppen hießen Grenzfall, Kopfsprung, Fanal, Ostkreuz oder Pechblende. "Am häufigsten wurde über Umwelt, Menschenrechte, Militär und Friedensbewegung diskutiert", sagt Sello.Natürlich schickte auch die Stasi ihre Spitzel. Deren Berichte und Dossiers stehen in einem Extra-Raum. Etwa 500 Betroffene haben ihre Stasi-Akte dem Archiv übergeben. Nach der Wende hatten DDR-Oppositionelle für die Öffnung der Stasi-Akten gekämpft. Als dies im Januar 1992 geschah, legten die Gründer der Robert-Havemann-Gesellschaft und die Aktivisten der Umweltbibliothek, die ihre Sammlung in Matthias-Domaschk-Archiv umbenannt hatten, ihre Bestände zusammen. Mittlerweile gehören zum Bestand auch 25 000 Fotos und etwa 5 000 Videos eines West-Berliner Journalisten, die dieser jahrzehntelang zum Thema DDR-Opposition im Westfernsehen aufgenommen hatte.Und die Sammlung wächst ständig weiter: Bürgerrechtler wie Bärbel Bohley und Marianne Birthler, heute Chefin der Behörde für die Unterlagen der Stasi, haben ihre persönlichen Erinnerungen dem Archiv gegeben. Der jüngste Neuzugang kommt von Wolfgang Ullmann. Der DDR-Bürgerrechtler starb vor einem Jahr. Seine Bibliothek liegt in 120 Umzugskisten. Die werden jetzt archiviert. Viel Arbeit für die Hüter des Vermächtnisses der DDR-Opposition.------------------------------Vereinte ArchiveDie Sammlung über die DDR-Opposition umfasst zwei Archive, die nach Robert Havemann und Matthias Domaschk benannt sind.Robert Havemann (1910-1982) engagierte sich beim Aufbau der DDR. Als er von Stalins Verbrechen erfuhr, änderte sich das. Nach kritischen Vorlesungen an der Humboldt-Universität erhielt er Berufsverbot, wurde überwacht und verfolgt.Matthias Domaschk (1957-1981) gehörte zur Jenaer Opposition. Abitur und Studium wurden ihm verwehrt. Er kam im Gefängnis ums Leben. Die Ursache ist ungeklärt.Im Internet:www.jugendopposition.dewww.havemann-gesellschaft.de------------------------------Foto: Gut sortiert: Untergrund-Zeitschriften der DDR-Bürgerrechtsgruppen.------------------------------Foto: Gut bewacht: Auch Lenin und Thälmann gehören heute zum Bestand des Archivs der DDR-Opposition.