Manchmal ist diese Stadt wirklich zu stieselig. Zum ersten Mal erhält eine Berliner Institution die vom Deutschen Bibliotheksverband und der Zeit-Stiftung vergebene Auszeichnung "Bibliothek des Jahres". Sie ging an die in einem typischen DDR-Plattenbauviertel in Lichtenberg zu findende Anton-Saefkow-Bibliothek. Gelobt wurden besonders ihr Engagement für russisch- und vietnamesischsprachige Einwanderer, ältere Bürger und das weit in den Bezirk wirkende Kulturprogramm.Und wo bleibt der Jubelschrei Berlins? Gerade einmal die für Kultur zuständige Bezirkspolitikerin Katrin Framke (Die Linke) gratulierte, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass Lichtenberg so viel Geld für Bibliotheken ausgebe wie kein anderer Bezirk Berlins. Es ist Wahlkampfzeit. Doch nehmen wir mal das Beste über die sonstigen Politiker aller Berliner Parteien an. Nämlich, dass sie sich gründlich schämen. Seit Jahren werden von Senat, Abgeordnetenhaus und Bezirksverordnetenversammlungen die Etats für Bibliotheken radikal heruntergefahren. Die Schließung vieler Zweigstellen und lächerliche Ankaufsetats sind zwei Folgen dieser Politik. Eine andere ist, dass die öffentlichen Bibliotheken Mühe haben, nahe an der gesellschaftlichen Realität der Stadt zu bleiben.So klagen Bibliothekare schon seit Jahren, dass der Anteil von fremdsprachigen Medien weit unterhalb des prozentualen Anteils der eingewanderten Bevölkerung liegt. Auch überwiegen englische, französische und spanische Bücher und Medien bei Weitem diejenigen in polnischer, türkischer, arabischer, russischer oder vietnamesischer Sprache. Und nur ein minimaler Bruchteil der Berliner Bibliothekare hat einen, wie es so unschön heißt, "migrantischen Hintergrund" mit Kenntnis solcher Sprachen. Doch die ist wichtig, wenn etwa Mütter endlich einen Deutsch-Kurs belegen wollen, aber das Buch dazu nicht finden. Die Informationsmaterialien der meisten Bibliotheken gibt es nur in deutscher Sprache.Die Wähler hören zwar gerne Reden über die hundertfach belegte Bedeutung der Bibliotheken für die Integration von Minderheiten. Aber wenn es zum Spruch kommt, plädieren sie eher für eine neue Straße. Ist das in Lichtenberg anders? Kaum. Doch gerade die russischsprachigen Einwanderer in diesem Bezirk sind auf Grund "deutscher" Wurzeln schnell eingebürgert worden. Sie dürfen wählen, auf sie müssen Politiker Rücksicht nehmen, da kann dann auch eine russischsprachige Bibliothekarin eingestellt werden. Polen, Türken, Araber oder Vietnamesen hingegen sind gerade in wirtschaftlichen Krisenzeiten auf die Rücksicht der Mehrheiten angewiesen. Auch in Bibliotheksfragen.