AMSTERDAM, im Juni. "Andere gehen Fußball spielen. Ich habe eben dieses Hobby", sagt Marcel Vervloesem. Damit ist für den korpulenten Mann die Frage nach dem Warum erledigt. Später am Abend sagt er noch, daß es ja irgendjemanden geben müsse, der sich für andere engagiere. Dieser Satz ist das letzte Zugeständnis an diejenigen, die nicht verstehen können, daß ein Büroangestellter aus dem belgischen Morkhoven mehrmals in der Woche nach Feierabend in sein Auto steigt, zwei Stunden lang nach Amsterdam fährt und dort bis spät in der Nacht in Kneipen und Bars sitzt, für deren Besuch sich andere Familienväter in Grund und Boden schämen würden. Aber der 45jährige sieht sich in ehrenwerter Mission. Deshalb ist ihm nichts peinlich: Wenn überm Tresen Bilder von nackten Jungen hängen, mustert er diese genau. Wenn der Herr nebenan den Preis für die sexuelle Befriedigung durch einen Minderjährigen aushandelt, hört Vervloesem interessiert zu, und hält ein Unbekannter Videos bereit, deren Besitz strafbar ist, weil darauf der Mißbrauch von Kindern zu sehen ist, bezeugt der Mann aus Belgien größtes Interesse und zahlt auch schon mal einen vierstelligen Betrag für die filmische Darstellung perverser Sexfolter.Inzwischen allerdings, gibt Vervloesem zu, sei er in der Szene bekannt und bekomme die illegalen Videos auch schon mal kostenlos in die Tasche geschoben. "Und oft darf ich mir sie ansehen, ohne was dafür zu bezahlen." Meist genügt ihm das schon. Denn er hat nur eines im Sinn seinen Auftrag, der lautet: Manuel zu finden, oder Till oder Ken. Jungen, die vermißt werden. Vervloesems Hobby ist es, Kinder zu suchen. Manchmal glaubt er, die Verschwundenen auf Sex-Videos wiederzuerkennen, manchmal versichern ihm Freier oder Barkeeper, den oder jenen gesehen zu haben so wie jüngst Manuel Schadwald, den Berliner Jungen, der 1993 als Zwölfjähriger verschwand, in ein Rotterdamer Bordell verschleppt worden sein soll und nun, wie sich Vervloesem ganz sicher ist, in Amsterdam als Strichjunge arbeitet.Zu Hause hat Vervloesem ein 8 000seitiges Dossier über Manuel zusammengestellt. "Nach sieben Monaten Arbeit haben wir ihn in Amsterdam lokalisiert und im Milieu Nachrichten für ihn hinterlassen. Er wird sich bald melden. Dann werden wir den Kontakt zu seinen Eltern herstellen." Vielleicht zu optimistischDer eifrige Vermißtensucher ist zuversichtlich, vielleicht ein bißchen zu optimistisch. "Es muß nur ein Wille da sein, dann findet man die Verschwundenen auch", lautet seine These. Nun will er die Akte Manuel schnell vom Tisch haben, damit er weitere Kinder suchen kann. Vier immerhin, sagt Vervloesem, habe er schon aufgespürt, obwohl er zunächst gar nicht nach ihnen gesucht hatte. Ursprünglich wollte der Vater von zwei erwachsenen Kindern nur etwas gegen die Mißstände in den sogenannten "Isolierzellen" der belgischen Krankenhäuser unternehmen, in denen "Problemkinder" untergebracht werden. 1988 gründete er deshalb zusammen mit anderen die Bürgerinitiative Workgroep Morkhoven und "observierte" ein Krankenhaus in Antwerpen. Dabei fiel ihm auf, daß oft alleinstehende Männer Kinder abholen. Vervloesem ging der Spur nach und stieß in dem Ort Temse auf eine Gruppe von Pädophilen und auf einen Krankenhauspförtner, der 84 Kinderporno-Videos gehortet hatte. "Zunächst hat uns die Justiz nicht geglaubt", sagt Vervloesem. Anfang 1997 saß er 15 Tage in Untersuchungshaft, weil ihn ein mutmaßlicher Kinderschänder der Erpressung bezichtigte. "Aber dann konnten wir alles beweisen. Wir fanden die vier Kinder und sieben Täter wurden verhaftet." Seit diesem Erfolg ist Vervloesem ein Hobby-Detektiv, der nach Kindern sucht. Im Büro arbeitet er nur noch halbtags. Er hat innerhalb der Bürgerinitiative mit acht weiteren Ehrenamtlichen eine Untersuchungskommission gegründet und sich zunächst als Pädophiler getarnt Zutritt in die Kinderporno-Szene verschafft. "Dabei war ich schon ein bißchen ängstlich." Aber bald arrangierte sich Vervloesem mit Mittelsmännern im Milieu und entschied sich für eine moralische Gratwanderung: "Wir haben auch mit Leuten Kontakt, die Kinder mißbrauchen. Ihnen sagen wir, eure Taten sind nicht unser Problem, aber wir suchen diesen Jungen. Dann helfen sie uns oft." Bei solchen Methoden müssen Polizisten passen. Nichtsdestotrotz sind sie dankbar für Vervloesems Arbeit. "Die Bestrebung der Bürgerinitiative ist es, uns zu unterstützen. Das ist gut", sagt Jörg-Michael Klös, Inspektionsleiter für Sexual- und Kinderschutzdelikte beim Landeskriminalamt Berlin. Seine Mitarbeiter werten Hinweise des Belgiers aus.Vervloesem allerdings ist auf die deutschen Beamten nicht gut zu sprechen. Er wirft ihnen Untätigkeit vor. "Deutschland sucht seine Kinder nicht", sagt er. Deshalb bekomme er auch schon Schwierigkeiten mit den anderen Mitgliedern der Bürgerinitiative, die sich inzwischen um Flüchtlingskinder und Rollstuhlfahrer kümmern: "Die fragen mich, warum sie Tanzabende und Grillfeste veranstalten sollen, damit Geld in die Kasse kommt, wenn die deutschen Behörden uns bei der Suche nach deutschen Kindern nicht mal unterstützen." 600 000 belgische Francs, rund 29 000 Mark, hat seine Ermittlergruppe schon für die Suche nach Manuel ausgegeben. Um seine "Basis" zu beruhigen, wird Vervloesem nun nach einem belgischen Kind suchen nach dem 1994 in Antwerpen verschwundenen Ken Heyrman. Gleichzeitig geht er aber auch einer Spur nach, die zu dem seit 1995 vermißten 13jährigen Berliner Till Kratzsch führen könnte. Wie Manuel, soll er in Amsterdam gesehen worden sein.