Als ich 1975 in die 11. Klasse kam, saß man abends gerne im Schneidersitz an Lagerfeuern, denn dort waren die Mädchen, die man aber Frauen nannte - jedenfalls war das damals so. Es wurde viel geraucht, und fast immer hatte einer die unvermeidliche Gitarre dabei. Es gab Gezupf, Geschrammel und Gesang, bisweilen sogar mehrstimmig, schlimmstenfalls mit Kazoo-Begleitung. Friedenslieder wurden gespielt und Protestsongs gesungen und "Blowin' in the Wind" - das fehlte nie. Das war zwar besser als Hannes Wader, aber trotzdem scheußlich. Ich konnte diese Gitarrenspieler nicht leiden, die bekamen meistens die Mädchenfrauen ab und ich nicht. Für Friedenstauben interessierte ich mich nicht, und außer "Blowin' in the Wind" kannte ich nichts von Dylan, also konnte ich auch den nicht leiden.Irgendwann in der Spätpubertät hörte ich das Album "Blood on the Tracks" bei einem Freund. Ich wehrte mich gegen diesen Lagerfeuer-Friedens-Dylan, aber es half nichts: "Simple Twist of Fate" war so ausweglos und schicksalsschwer, und etwas Rotzigeres als You're an idiot, babe, it's a wonder that you still know how to breathe aus dem Lied "Idiot Wind" hatte ich vorher noch nie gehört. "Blood on the Tracks" wurde mir Heimat und Begleitung. Love is so simple, to quote a phrase. You've known it all the time, I'm learning it these days. Wie viel Trost kam da aus meinem Kasettenrekorder. Es traf sich gut, dass man uns zu jener Zeit im Englischkurs mit sprachwissenschaftlicher Erkenntnis bedachte. "Blue", so ein Studienrat, muss nicht zwangsläufig "blau" bedeuten, sondern kann im Einzelfall auch "traurig" heißen. Bei Dylan war es der Normalfall. Mir ging ein Licht auf: "Tangled up in Blue" - jetzt war mir alles klar.Als nach einem halben Jahr die erste Welle durchlebt war, arbeitete ich mich zurück in Dylans Jugend, in seine Grabsteinbluesküche. In "Desolation Row" auf "Highway 61" fand ich einen guten und dauerhaften Freund. Das Lied hatte alles, was ein 19-Jähriger wollte: Es war krank, es war poetisch, und das meiste verstand ich nicht. Ein Text, den ich verstanden hätte, wäre meinem Anspruch nicht gerecht geworden. Dieses Lied machte mich froh. Tut es heute noch. Und verstehen tu ich es immer noch nicht.Bald hatte ich mich dann bis zum "Freewheelin'"-Dylan zurückgekämpft. Das war sie nun, die Platte mit dem verhassten "Blowin'"-Lied. Ich war tapfer, hörte sie an. Took me a woman late last night, I was three-fourths drunk, she looked allright. Das gefiel mir. Wie konnte einer zur gleichen Zeit das doofe "Blowin'" schreiben und so etwas Freches wie "I Shall be Free"? Oder so etwas Scharfes wie "Hard Rain"? Der konnte ja nicht nur "blue", sondern auch witzig sein, der Dylan: Well, my telephone rang it would not stop, it's President Kennedy callin' me up. He says, "My friend, Bob, what do we need to make the country grow?'" -I say, "My friend, John: Brigitte Bardot, Anita Ekberg, Sophia Loren".Was konnte der die Frauen ansingen: Ob Corrinna, Sara, Johanna oder die "Sad eyed Lady of the Lowlands". Ich beneidete Dylan um seine Liedfrauen und wurde sein Minnesang-Lehrling. Keinen Liebesbrief schrieb ich mehr ohne ihn. Leider litten diese meist nicht als solche gekennzeichneten Zitate schwer an meiner Übersetzung. "Ich sah Liebe an meiner Tür vorbei gehn, nie zuvor hatt' ich sie von so nah gesehn" hörte sich schlimm an, und ich wurde regelmäßig nicht erhört von den Damen. Aber dafür konnte Dylan nichts.Anfang der Achtziger hatte ich die alten Sachen durch und kaufte etwas Aktuelles: "Street Legal". Unmögliche Musik. Ich verstand nichts mehr, beziehungsweise er verstand mich nicht mehr. So ein Willy-de-Ville-Gemecker wollte ich von Dylan nicht hören. Die Platte musste weg, aber wem sowas schenken? Ich entschied mich für die rituelle Hammerzertrümmerung. Das hatte ich Jahre zuvor mit "Yellow Submarine" wegen des Orchestralgeschrammels auch gemacht, und das hatte mir gut getan. Vinyl war da sehr dankbar. Ich hörte nur noch seine Gutenaltensachen und das blieb lange so.Etwa zur Lebensmitte sagte ein Freund, ich solle mir die jüngste Platte "Time out of Mind" anhören. Das tat ich voller Misstrauen, jedoch: ein Altersmeisterwerk, mindestens. "Not dark yet" ein Volltreffer. Und im praktisch nicht instrumentierten Track "Highlands" kommt es zu einem wunderbar absurden Streitgespräch mit der Kellnerin. Alles ist immer noch genauso ausweglos wie in "Simple Twist of Fate" gute zwanzig Jahre früher, aber diesmal mit Witz und ohne Drama.Die nächsten Platten kaufte ich mir, sobald ich von ihnen erfuhr: "Modern Times" , "Love and Theft", "Together Through Life". Alles ganz wunderbare Musik, aber mehr als ich fassen konnte. Mein Dylan-Speicher war voll. Ich konnte mir die Titel nicht mehr merken. Und wozu auch? Ich war längst in der zweiten Lebenshälfte angelangt. Mein Lebensmittelpunkt war schon lange nicht mehr der Plattenspieler.Dann kommt letztes Jahr ein Päckchen von Freund Hans. Er hat sich reingekniet und mir viele Stunden "Theme Time Radio Hour" überspielt. So hieß die Radiosendung, die Dylan in den letzten Jahren - vorsichtig ausgedrückt - moderiert hat, wie ein Orkan. Jede Sendung ist einem Thema gewidmet, und dazu legt er Altes, Tolles und Erklärendes auf und vermittelt uns alles aufs Beste. Die Liebste ist entzückt und setzt es frohgemut auf ihre Liste unserer gemeinsamen Vorhaben. "Au ja, da hören wir immer an einem Abend ein Thema an." Machen wir.Wir fangen mit der Wetter-Sendung an. Schweres Gewitter, eindeutig. Der junge Bowie hat mal über den halbwegs jungen Dylan gesungen: A voice like sand and glue. Die Stimme hatte Zeit gehabt sich weiterzuentwickeln, jetzt mehr Richtung Stahlraspel. Bob kommt über uns und haut uns die Wettermusik um die Ohren. Und redet, und wie. Zu so einer Stimme müssen wir Whisky trinken, da tut es der Bordeaux nicht mehr. Ist zwar schottischer, aber wir können uns jetzt nicht mit Kleinigkeiten aufhalten. Danach sind wir hinüber. Es war toll, aber wir können nicht mehr, sind wund von der argen Musik, dem argen Dylan und vom Gesöff. Wir vertagen die nächste Session zum Thema "Mutter". Wir müssen uns erst erholen bei ein paar Fernseh- und Salzstängchen-Abenden. Jetzt liegen noch 73 Theme-Time-Sitzungen vor uns. Ich geh' Bourbon kaufen.-----------------------Unser Autor ist 52 Jahre alt und hört seit 35 Jahren Bob Dylans Musik.