Vor ein paar Wochen haben sie die Türken in die Flucht geschlagen. Achim war da und Kalle. Dann waren noch vier, fünf andere Jungs dabei. Jeder mit Hund. Die Türken hatten auch ihre Köter mit. Von denen hat es dann einen beim Hundekampf erwischt.Achim sitzt auf dem Balkon seiner Wohnung in Wedding, als er von dieser Nacht im Volkspark Rehberge erzählt. Wenn er von den Tieren spricht, die so heftig bellten, dass sich ihre Stimmen überschlugen, die so an den Leinen zerrten, dass die Jungs sie kaum halten konnten, schwingt Stolz mit. Die Hunde seien gut drauf gewesen, sagt er. "Die wollten den anderen die Eier abbeißen.""T-Rex, wie der Dinosaurier"Achims Hund heißt T-Rex, wie der Dinosaurier - der ganz böse. Momentan liegt T-Rex unterm Tisch und Achim hat den Fuß auf seinem Rücken. Der Hund mit dem goldbraunen Fell hat die Augen geschlossen. Es ist ein Staffordshire Bullterrier, "ein richtiger Kampfhund". Achim sagt, er sei kein Nazi und auch kein Zuhälter. Trotzdem hat er so einen Hund. Er ist einer von den Hundehaltern, die Tierfreunde als "schwarze Schafe" bezeichnen. Er hat seinen Kampfhund scharf gemacht und findet es toll, wenn deshalb Menschen erschrecken. In Achims Freundeskreis gibt es eine Menge scharfer Hunde. Zwei haben Pitbulls, ein anderer einen Rottweiler, drei oder vier laufen mit Staffordshire Terrier- und Pitbull-Mischlingen durch die Gegend.Abends gehen Achim und seine Freunde mit ihren Hunden manchmal auf einen Spielplatz. "Da gibt s Schaukeln mit Gummisitzen, die machen meinen Burschen wild", sagt Achim. Einer stößt die Schaukel dann an und lockt das Tier, bis es die Zähne entblößt und knurrt und bellt und sabbert. Dann lässt Achim das Halsband los, und der Hund fegt davon, verbeißt sich in das Gummi, so dass er mitgeschleift wird. Ein Kumpel habe mal blöd im Weg gestanden. Da sei ein Hund auf dessen Arm losgegangen und habe sich verbissen. Es mussten erst zwei andere Männer dem Tier mit der Faust auf die Nase schlagen. So lange, bis es losließ und nur noch jaulte.Ein Gefühl wie in der AchterbahnAn dem Abend, als sie "die Türken" in die Flucht schlugen, haben Achim und seine Kumpels ihre Hunde nicht frei laufen lassen. Sie waren im Park auf eine Gruppe von türkischen Jungs mit Pitbulls getroffen. An diesem Abend wollten sie einander beweisen, dass die eigenen Hunde die Stärksten sind. "Das war irgendwie ne blöde Idee", sagt Achim. Denn als die Grüppchen sich voreinander aufgebaut hatten und die Hunde völlig außer Rand und Band geraten waren, sei ihm erst klar geworden, dass das auch schief gehen konnte. "Wir hatten unseren stärksten Hund ausgesucht und die ihren", sagt Achim. Das sei ein komisches Gefühl gewesen, "wie in der Achterbahn, bevor es runter geht." Die beiden Tiere, beides Pitbulls, sind losgesprungen und haben sich so richtig ineinander verbissen. "Die haben nur noch gekeucht." Irgendwann hat der von den anderen gejault und ihr Hund hat losgelassen. Der andere ist liegen geblieben. Was mit ihm anschließend passiert ist, weiß Achim nicht. Er ist mit seinen Kumpels einfach gegangen, um den Sieg mit Bier zu begießen.Frauen interessieren ihn nichtWenn Achim solche Geschichten erzählt, wirkt er zufrieden mit sich. Für ihn sind das Heldentaten. Er krault seinen Hund zur Belohnung ein wenig am Ohr. Dann erzählt er eine neue Geschichte. Für seine Mutter sind das alles "harmlose Jungenspiele". Mit ihr teilen sich Achim und T-Rex eine Wohnung. Eigentlich wollte Achim schon lange ausziehen. Er ist 22 Jahre alt und hat einen Job als Automechaniker. Aber zu Hause ist es bequemer. Seine Mutter kauft ein, kocht, macht die Wäsche. Achim bezahlt die Miete. "Außerdem braucht sie mich", sagt er. Sie habe Probleme mit dem Alkohol, nicht schlimm, aber doch so, dass er lieber etwas auf sie aufpasse.In der Drei-Zimmer-Wohnung hat sich seit Achims Kindheit wenig verändert. Die Mutter bewohnt das elterliche Schlafzimmer, Achim das Kinderzimmer. Dann gibt es noch ein Wohnzimmer. Einen Vater gibt es nicht. "Den gab s nie. Der weiß gar nicht, dass ich da bin", sagt Achim. In seinem Zimmer hat er die Poster von Rockbands, die dort in Kindertagen hingen, durch Fotos von Motorrädern ersetzt. Hubraum, PS, Höchstgeschwindigkeit, Achim weiß bei jedem die Details. Für Frauen interessiert er sich nicht. Achim hat keine Freundin. Das hält er nicht für wichtig. Er trifft jeden Abend seine Freunde. Achim hat T-Rex seit zwei Jahren. Er hat ihn von einem Züchter gekauft, irgendwo in Brandenburg. Bei der Ortsangabe bleibt er lieber vage. Schließlich seien die Leute im Moment "wie bescheuert we- gen der Viecher". Und der Züchter sei ein prima Typ. Der habe ihm den Hund billiger gegeben. 1 400 Mark hat Achim bezahlt. "Sonst kosten die abgerichtet mindestens 1 600."Achim sieht selbst ein bisschen aus wie ein Kampfhund. Er hat einen runden Kopf und einen bulligen Körper. Einmal in der Woche geht er in ein Sportstudio und trainiert seine Muskeln. "Kampfsport", sagt er. "Aber nur zur Selbstverteidigung." Deshalb auch der Hund. Mit so einem Tier würde einen keiner anmachen. Zum Beispiel die "türkischen Gangs". Achim wohnt im südlichsten Zipfel von Wedding, in einer Gegend mit relativ vielen Gangs. Ohne den Hund würden sie ihn anpöbeln, ihm irgendwelche Sachen hinterherrufen, glaubt er. Als Junge sei er hier oft verhauen worden, sagt Achim. "Die Türken halten besser zusammen als die Deutschen." Wenn er als Junge damals eine Auseinandersetzung mit einem Türken hatte, stand ruck, zuck ein ganzer Trupp von dessen Freunden und Brüdern bereit, um ihm "richtig aufs Maul zu geben".Heute gibt es diese Auseinandersetzungen für Achim nicht mehr. Das liegt nicht nur am Hund. Wegen seines kräftigen Körperbaus, der raspelkurzen Haare und der Werbung für irgendeine Hard-Rock-Band auf seinem T-Shirt trauen sich die wenigsten an ihn ran. Deshalb hat der Hund eher etwas mit Macht zu tun. Es sei ein "ziemlich geiles Gefühl", mit diesem muskulösen Kraftpaket die Straße entlangzulaufen. "Dann verschwinden die Omis in den Hauseingängen, keiner quatscht dich blöd an und du fühlst dich wie der King." Manche Menschen würden sich Waffen kaufen, teure und gefährliche. "So ein Hund ist ein bisschen wie eine Waffe", sagt Achim. Er sagt, er habe T-Rex noch nie auf einen Menschen gehetzt. "Aber ich weiß, was er kann." Blitzschnell gefährlich werden.Mit seinen Nachbarn habe er wegen des Hundes noch nie Schwierigkeiten gehabt, sagt Achim. Auch nicht, wenn T-Rex nachts bellt. Noch nie habe jemand die Polizei gerufen. Manchmal brülle einer: "Schalt den Hund ab, sonst mach ich s." Sonst passiere nichts. Die Nachbarn kümmere nicht, was nebenan passiert. Auf Befehl an den Hals springenDie Einzigen, die Achim wegen T-Rex Schwierigkeiten machen könnten, sind Polizisten. Die patrouillieren regelmäßig durch den Kiez, weil es da oft Ärger mit Betrunkenen gibt oder Schlägereien. T-Rex hat keinen Maulkorb. Er hat nicht mal eine Hundemarke, denn Achim hat keine Lust, Steuern zu bezahlen. Deshalb wird er auch nicht zum Amtstierarzt gehen und T-Rex als Kampfhund registrieren lassen. Die Idee findet er lustig. "Stell dir vor, ich erzähl da, dass der Köter auf Befehl einem Mann an den Hals springt, da würden die doch ausflippen."Achim geht auch nicht zu den Hundedemonstrationen, die am Brandenburger Tor stattfinden, wo Tierhalter demonstrieren, dass ihre Lieblinge zahme Tiere sind und keine Maulkörbe und Leinen brauchen. Achim interessiert das nicht. Ihn interessiert überhaupt wenig, ob Hunderassen verboten werden. Er findet die ganze Diskussion absurd. Seiner Meinung nach haben das die "reichen Säcke aus dem Grunewald" angezettelt oder die Ökos. Die würden die Tiere runtermachen, weil es die Leute aus Wedding, aus Neukölln oder Kreuzberg seien, die solche Hunde hätten. Achim interessiert die Meinung der "Säcke" und "Ökos" nicht. Für ihn zählt nur, was seine Kumpels von ihm halten.ARND WIEGMANN Pitbull und zwei Staffordshire Terrier: Im öffentlichen Straßenland müssen diese Hunde Maulkörbe tragen.