In Kerstin Hensels neuem Buch geht der Bär um. Er ratzt und schmatzt und tapst im erzgebirgischen Wald um ein Spinnhaus herum, das zu dem kleinen Dorf Neuwelt gehört. Die ehemalige Fabrik ist nicht nur Sammelstelle für wilde Tiere, sondern auch "Anlaufpunkt für Leute, die dem normalen Leben entsagen wollten". Für Kerstin Hensel wird sie zum Ausgangspunkt für die fiktiven Porträts seiner meist weiblichen Bewohner, die sie unter der irreführenden Bezeichnung "Roman" versammelt hat. Seine Handlung spielt mal in der Vergangenheit - vor, zwischen und während der beiden Weltkriege -, mal in der realsozialistischen Gegenwart und mal in den zukünftigen Novembertagen des Jahres 2003.Erzählt wird von Klöpplerinnen, Wäscherinnen, Plättlerinnen, von denen manche eine "Arschbirscht" war. Erzählt wird auch von Wolzack-Roland, der schwindelt, weil ihn die Ereignisse nicht schwindeln machen und von Demuth-Christoph, von "dem das Gerücht (ging), daß er als Kind Mädchenkleider getragen habe. Seine Mutter, die Freytagin, hieß es, sei halb Mann halb Frau gewesen, halb Arnfried halb Arne und habe zwei Brüste sowie einen Schniebl besessen." Weil Demuth-Christoph klippklapp klöppeln kann und seine Röcke rafft, wie es nur den Frauen freisteht, schleifen ihn die Nazis des Nachts durchs Gebirge. Dort soll der nackte Klöppler klettern. Einer seiner Peiniger lacht sich dabei ums Leben und Christoph kann entkommen. Das alles weiß Uhlig-Trulla, genannt Sperrgusche, zu berichten, die in einer der Dachkammern haust. In ihrer heimischen Mundart spinnt sich der Roman fort. Da wird auch von ihr erzählt, der jeden Morgen fein gewundenes Silber aus dem Haar fällt, von einem kleinen Mädchen, das Harz von den Bäumen schleckt und mit den Pilzen des Waldes auf Du und Du steht, von einem Jungen, der davon träumt, einmal die Hauptstadt der DDR zu besuchen und von einem Jüngling, dem Ascher Lewin, der den Krieg als Metzler-Rudi übersteht und danach von den Spinnhausweibsen mit Speck gespickt wird. Auch Gestalten aus früheren Erzählungen, wie die Semmelweis-Märrie, haben einen Auftritt "Im Spinnhaus". Um zu zeigen, wie diese Figuren im Erzgebirge aufwachsen, wie sie dort erwachsen werden und mit ihm verwachsen sind, tritt die Autorin ganz hinter sie zurück. Aber ach, diese einfachen Menschen und diese hohen Berge und diese tiefen Wälder! Am Horizont einer solch altertümlichen Gegend irrlichtert die Heimatliteratur. Wer ihr folgt, der landet entweder im achtzehnten oder im neunzehnten Jahrhundert, die beide darum wetteiferten, die ländliche Idylle zu besingen. Das späte zwanzigste dagegen traf ihren hochgestimmten Ton nach zu viel Blut und zu viel Boden nicht mehr auf den heimatlichen Gipfeln, allenfalls noch unter den Rockzipfeln einer Kaschubin. Im Rückzug auf das Land und in die Fantasie sucht Kerstin Hensel keineswegs die Heimat, die in der jüngsten Geschichte verloren ging. Dahinter verbirgt sich etwas Anderes. Was sie versucht, ist eine Utopie zu bewahren, die auch an diesen Ort gebunden ist. Denn "wenige Kilometer vom Spinnhaus entfernt, in einer Pfarrstube, wurde (1945) die Republik Schwarzenberg ausgerufen". Von den alliierten Armeen war das kleine Städtchen für kurze Zeit vergessen worden. Aus der historischen Begebenheit hat Stefan Heym einen utopischen Roman gemacht; dort wird in jenem "Schwarzenberg" für sechs Wochen eine sozialistische Musterrepublik errichtet. War diese in den achtziger Jahren Chiffre für Kritik am realen Sozialismus, so wird sie nun zur Chiffre seiner Utopie. Auf ihre Leitlinien gründet sich Kerstin Hensels Poetik: es ist ein soziales Schreiben, eines, das der Wirklichkeit der Armen, der Ausgebeuteten und der Benachteiligten gilt und eines, das an die Gleichheit aller glaubt. Allein die Sprache schöpft die Autorin aus der Landschaft und ihren Bewohnern. Die Alten "schlurfen, hutschen und kräbeln" und kommentieren den Lauf der Weltgeschichte mit "Mei lieber Schrulli". Die Jungen kauen, schlucken und schnäbeln und sagen nur "Was is lus? Schalt mer mol die Nachrichten an". Das ist engagiert, originell und witzig. Sobald Kerstin Hensel jedoch den vertrauten Tonfall verlässt, gar ins Politische abschweift, werden ihre Geschichten zu einem "dirrs Geprassel", wie es in einem anderen Zusammenhang heißt. Übrig bleibt ein Skelett von Meinungen, zu dem auch das Gutgemeinte gehört.Überdies ist irritierend, dass die kleine und zersiedelte Landschaft als Gebirge bezeichnet wird und die Provinz gleich in der großen Form des Romans aufgehen soll. Der Kosmos, der hier gespiegelt wird, ist ein Dorf, das allein der Lauf der Zeiten koloriert. Solcherart wird es zum Welttheater stilisiert. Los ist in ihm nur der Bär. Was die Autorin dagegen wirklich erzählt und erzählen kann, ist von dem volkstümlichen Stoff, aus dem Legenden sind. In fast jedem ihrer lyrischen Porträts wird balladesk geboren, gelebt, manchmal geliebt und meistens auch gestorben. Wie Kerstin Hensel die Fäden dieser Lebensgeschichten spinnt, was sie für die Landschaft Märchenhaftes ersinnt und wie sie den Bären zum Brummen bringt, das ist in der Literaturlandschaft der Gegenwart etwas Besonderes.Kerstin Hensel: Im Spinnhaus.Roman. Luchterhand, München 2003. 251 S. , 19 Euro.