Edgar Hilsenrath hat den Holocaust in der rumänisch besetzten Ukraine überlebt und dem Leid ein reiches, finsteres, tabubrechendes literarisches Werk abgewonnen. Seine Bücher - die berühmtesten sind "Nacht", "Der Nazi und der Friseur", "Das Märchen vom letzten Gedanken" - schreibt er auf Deutsch, und die Sprache ließ ihn nach Deutschland zurückkehren. Seit 35 Jahren wohnt er in derselben Seitenflügelwohnung im Südwesten Berlins. Er sitzt auf einem Sofa zwischen Bücherstapeln und neben einem raumdominierenden Fernseher. Während er konzentriert und geduldig die Fragen beantwortet, verschnabuliert der Meister einen Schnaps und zwei feine Pralinen. Nach dem Gespräch drängt es ihn für eine Light-Zigarette auf den Winterbalkon.Herr Hilsenrath, Ihre Wohnung ist aber ziemlich klein.Zwei Zimmer, Küche, Bad. Ich bin zufrieden hier in Steglitz.Sie wissen, dass Sie hier in einer Gegend mit hoher Literaturnobelpreisträgerdichte leben?Die Herta Müller wohnt um die Ecke. Günter Grass wohnte auch hier.Wie haben Sie die Nachricht aufgenommen, dass Grass in der SS war?Er war damals 17 Jahre alt, das kann man ihm kaum vorwerfen. Aber ich war ein bisschen sauer, dass er so lange nicht darüber geredet hat. Nicht sehr sauer.Er hat den Nobelpreis und Sie noch nicht.Darüber bin ich sehr sauer.Haben Sie mit Ihren Büchern genug Geld verdient? Sind Sie reich?Nicht reich, aber ich kann gut leben.Sie sind in Leipzig geboren und in Halle aufgewachsen, bevor Sie 1938, 12-jährig, vor den Deutschen flohen und eine jahrzehntelange Weltreise antraten. Warum sind Sie schließlich 1974 nach Deutschland zurückgekommen?Wegen der Sprache. Ich habe alle meine Bücher auf Deutsch geschrieben. Ich brauche den Kontakt zur Sprache.Lassen Sie uns über ein paar Stationen Ihrer Odyssee reden. Ihre ersten Erinnerungen reichen zurück nach Halle.Das war keine gute Zeit für mich, das habe ich weitgehend ausgeblendet. Dort wurde ich in der Schule als Jude gehänselt und fast täglich verprügelt. Meine Eltern erlebten noch schlimmere Schikanen. Das Möbelhaus meines Vaters am Markt musste aufgegeben werden. Wir hatten nur noch ein kleines Geschäft in einer Seitenstraße, in dem nur Juden kauften. Und die kauften damals nicht mehr viel. Das war alles noch vor der Reichskristallnacht.Fiel der Abschied von Halle also leicht?Es gab keinen Abschied. Mein Vater hatte beschlossen, die Familie ins Ausland zu schicken, meinen Bruder Manfred, drei Jahre jünger, meine Mutter und mich. Mein Vater musste in Deutschland bleiben. Er wollte das Möbelgeschäft auflösen, und er hatte Eltern, die in Leipzig gewohnt haben, und die schon älter waren. Wir sind nach Rumänien gefahren, in das jüdische Städtchen Sereth, zu den Eltern meiner Mutter, und waren dann vom Vater abgeschnitten. Zehn Jahre habe ich ihn nicht gesehen.Welches letzte Bild von ihm behielten Sie in Erinnerung?Er hat uns zum Bahnhof gebracht. Es war absolut undramatisch, eher wie bei einer Urlaubsreise.Wie erging es dem sächsischen Jungen in der fernen Bukowina?Sereth war mein Paradies. Die Bukowina hat 150 Jahre lang zu Österreich gehört. Bis 1918. Durch die Niederlage beim Weltkrieg haben die Österreicher die Bukowina an Rumänien verloren. Aber es lebten vor allem Juden und Deutsche in der Stadt.Sie haben in Sereth schon beschlossen, Schriftsteller zu werden.Ich habe mit 14 Jahren meinen ersten Roman geschrieben: "Der weiße Neger". Das Manuskript ist leider verloren. Ich habe es meinem Bruder vorgelesen, er war mein begeisterter Zuhörer.Worum ging es?Die Geschichte war inspiriert von Hugo Bettauer, einem österreichischen Bestseller-Autor in den 20er-Jahren. Der hat ein Buch geschrieben, das hieß "Das blaue Mal". Wir haben ja weiße Halbmonde auf unseren Fingernägeln. Die Neger haben aber blaue. Der Held in meiner Geschichte war das Kind eines Deutschen und einer Negerin. Man hat ihn für einen Süditaliener gehalten, bis man an seinen blauen Halbmonden erkannt hat, dass er ein Neger ist. Dann hat er Probleme bekommen.Haben Sie sich damals schon für die Schicksale Ausgegrenzter interessiert?Ja, durch meine schlechten Erfahrungen mit der Judenfeindlichkeit in Halle. Das war ein Thema, das mich interessierte.Ein Jude hat ja noch nicht einmal einen Fingernagelmond, an dem man ihn erkennen könnte. Haben Sie sich als Jude gefühlt?Mein Elternhaus war nicht besonders fromm; wir lebten nicht koscher und gingen nur an den hohen Feiertagen in die Synagoge. Die Nazis haben mich erst richtig zu einem Juden gemacht.Im Sommer 1941, Sie waren fünfzehn, ist die Wehrmacht in die Sowjetunion einmarschiert. Der Krieg kam auch nach Sereth.Wir wohnten an der Grenze und wurden als kriegsgefährdet ins Innere von Rumänien evakuiert. Da waren wir zwei Monate, dann gab es einen Befehl, dass wir zurück müssten. Aber Sereth war Sperrgebiet. Wir kamen im Nachbarort, in Radautz unter. Da waren wir zwei Monate, bis alle Juden deportiert wurden. Es gab zwei Teile Rumäniens. Es gab Altrumänien und die annektierten Gebiete. Die Rumänen haben die Juden in Altrumänien geschützt, aber die Juden aus der Bukowina und Bessarabien wurden alle in die Ukraine deportiert.Haben Sie die Bilder der Deportation noch im Kopf?Ja, klar. Es waren riesige Plakate in der Stadt, wo drauf stand, dass alle Juden um soundso viel Uhr am Bahnhof sein müssten und nach Osten deportiert werden sollten. Wer zurückbleibt, werde standrechtlich erschossen. Wir fuhren drei Tage lang in Viehwagons durch Osteuropa und kamen bis zum Dnjestr, das ist ein großer Fluss in der Ukraine. Dort wurden wir ausgeladen und am anderen Ufer lag die große ukrainische Ruinenstadt Moghilev-Podolsk, nach Odessa die zweitgrößte Stadt in Transnistrien. Wir wurden mit Flößen hinübergebracht. Die Stadt war in zwei Teile geteilt, ein Teil für die Ukrainer und ein Teil für die Juden. Der jüdische Teil hieß das Getto. Dorthin kamen wir.War Ihnen der Ernst der Lage klar?Zu Beginn war es ein Abenteuer. Aber wir wussten, dass in der Ukraine Massenerschießungen durchgeführt wurden. Die SS hat ja anderthalb Millionen Juden in der Ukraine umgebracht. Wir wussten, dass wir da hin fahren, aber wir fühlten uns relativ sicher unter der rumänischen Herrschaft. Dass wir nicht in die deutsch besetzten Gebiete gebracht wurden, hat uns das Leben gerettet.Wie wurden Sie in Moghilev-Podolsk aufgenommen?Unsere Gruppe hatte Glück. Unser Anführer kannte durch Zufall den rumänischen Lagerkommandanten. Dadurch bekamen wir einen Schutzbrief, in dem stand, dass wir nicht weiter deportiert werden durften. Viele Juden wurden ja weiter nach Osten verbracht, an den Fluss Bug. Dort stand die deutsche SS. Diese Juden wurden der SS übergeben, und die hat sie alle erschossen. Außerdem durften wir eine russische Schule requirieren für unsere Leute. Das war ein geschützter Raum, drei Klassenzimmer mit Öfen und Bänken, die wir als Schlafplätze benutzten. Und wir hatten auch immer zu essen. Der Befehl lautete zwar, dass erschossen wird, wer Geld und Schmuck und so weiter nicht abliefert. Wir haben aber alles mitgenommen, in die Kleider eingenäht. Und davon haben wir uns nachher Essen besorgt. Einige Erwachsene, ich war ja damals erst 15, schlichen nachts aus dem Ghetto heraus und haben in den Dörfern Geld und Schmuck gegen Nahrung eingetauscht. So haben die uns das Leben gerettet. Die Rumänen waren ziemlich lasch. Man konnte mit Bestechung raus und wieder rein.Sie haben in dem Getto auch in einer Fabrik gearbeitet.Ja, es gab einen Ingenieur, der hieß Siegfried Jägendorf, war österreichischer Staatsbürger und wurde als Jude deportiert. Der hatte die Idee, die verwahrloste Eisenfabrik in Moghilev-Podolsk wieder herzurichten und in Betrieb zu nehmen. Ebenso die Strom- und Wasserversorgung. Es gab ja kein Licht im Getto. Die Rumänen waren damit einverstanden. Und Jägendorf hat auf diese Weise 1 500 Juden vor der Weiterdeportation und dem Tod gerettet. Ich hab mich freiwillig gemeldet in die Fabrik.Sie waren zweieinhalb Jahre im Getto, haben zwei Winter überlebt. Hatten Sie auch unbeschwerte Momente?Nein, ich litt unter einer schweren Depression. Ich hatte psychosomatische Beschwerden. Ich verdaute nichts mehr. Die Ärzte hatten mich schon aufgegeben.Hatten Sie Überlebensangst?Es gab jede Nacht Razzien, bei denen die Leute verschleppt wurden. Aber wir hatten ja unsere Schutzbriefe. Es war eine traurige Zeit, aber wir haben Glück gehabt. Wir wurden nicht erschossen, wir sind nicht verhungert oder an Flecktyphus krepiert. Wir hatten Angst, aber wir haben immer gehofft, dass der Krieg bald zu Ende ist und wir nach Hause fahren können.Glaubten Sie nicht, dass die Deutschen ihr Ziel, alle Juden zu ermorden, erreichen könnten?Nein, wir haben gewusst, dass die Deutschen verlieren.In dem Getto sind Zehntausende von Juden umgekommen.Ungefähr 80 Prozent sind umgekommen: Razzien, Seuchen, Hunger. 20 Prozent haben überlebt, darunter war ich.Haben Sie die Toten gesehen?Ja, natürlich. Die lagen auf der Straße.Träumen Sie heute noch davon?Ich denke oft daran. Ich träume eigenartigerweise von Massenerschießungen, die ich selber nicht erlebt habe, die uns im Getto aber ständig drohten.Nachdem die Rote Armee das Getto befreit hatte, machten Sie sich allein auf den Weg.Die Gefahr war damit nicht vorbei. Die Sowjets rekrutierten kriegstaugliche Männer und Frauen aus dem Getto, viele wurden verschleppt, manche mussten in Moghilev-Podolsk bleiben und weiter in der Fabrik arbeiten. Dass ich nicht eingezogen wurde, habe ich einem Retter zu verdanken, der das Geburtsdatum in meinen Papieren fälschte, sodass ich zu jung für die Armee war. Ich bin zu Fuß nach Bukarest gegangen. Es gab ja noch keine Eisenbahn, gar nichts. Pferdewagen gab es. In Bukarest bin ich in Verbindung mit den Zionisten getreten. Die organisierten illegale Transporte nach Palästina. Gewöhnlich fuhr man mit dem Schiff, aber wir fuhren mit der Eisenbahn über Bulgarien, Türkei, Syrien und Libanon.Konnten Sie in Palästina Fuß fassen?Das war eine schwere Zeit. Ich hatte keinen Beruf, hatte keine richtige Schulbildung und befand mich ziemlich auf verlorenem Posten. Ich habe in Kibbuzen gearbeitet, war Tellerwäscher und Lastträger im Krankenhaus - wir mussten die Toten in den Keller tragen.Parallel haben Sie geschrieben.Ich habe weiter versucht, einen Getto-Roman zu schreiben. Aber ich habe alles wieder zerrissen. Erst Jahre später in Frankreich habe ich den Anfang und die Sprache für den Roman "Nacht" gefunden. Ich bin 1947 zu meinem Vater nach Lyon in Frankreich, wo er illegal mit einem falschen Pass die Nazizeit überlebt hat. Auch meine Mutter und mein Bruder wohnten inzwischen dort. Durch Zufall las ich in Lyon den Roman "Arc de Triomphe" von Erich Maria Remarque. Der hat mich so begeistert, dass ich versucht habe so ähnlich zu schreiben. Die Art, wie er Dialoge schrieb zum Beispiel. Da bin ich eines Abends in ein Bistro gegangen, habe den Kellner um ein Glas Rotwein, einen Stapel Papier und einen Stift gebeten und - in Gedanken an Remarque - die ersten dreißig Seiten von "Nacht" aufgeschrieben.Haben Sie mit Ihrer Familie über das Getto gesprochen?Überhaupt nicht. Das haben wir ausgeblendet. Wir haben über unsere Fluchtwege erzählt nach der Befreiung des Gettos. Aber worüber sollten wir auch sprechen. Wir saßen in der Falle und haben gewartet, bis es vorbei ist.Es gab nichts zu erzählen? Sie haben "Nacht", einen 600-Seiten-Roman, über das Getto geschrieben.In der Familie war es ein Tabu.Sie sind jemand, der Tabus bricht.Ja, als Schriftsteller, ja.Aber als Sohn nicht.Es gab keinen Anlass, wir hatten andere Probleme.Ihr Vater hat also aus "Nacht" erfahren, wie es im Getto war. Hat er schlechtes Gewissen gehabt, dass er Sie allein hat nach Rumänien reisen lassen? Oder haben Sie Ihrem Vater im Stillen vorgeworfen, dass er Sie alleingelassen hat?Er konnte ja nicht anders. Wegen des Ladens und wegen seiner Eltern. Er wollte ja nachkommen. Er wollte nur noch das Geschäft und die Wohnung auflösen und seine Eltern im Altersheim unterbringen, von wo aus sie später nach Theresienstadt verschleppt und umgebracht wurden.Wie war das Wiedersehen mit Ihrem Vater?Also ich war zwölf bei der Trennung, und mit 21 Jahren habe ich ihn wiedergesehen. Da war ich erwachsen. Es war erschütternd und gleichzeitig eine große Freude. Aber ich war ziemlich krank. Ich litt unter schweren Depressionen. Mein Vater ist mit mir zum Arzt gegangen, und der hat Elektroschockbehandlungen empfohlen. Die hab' ich auch bekommen fünf oder sechs Mal. Ich war hinterher immer kurz ein bisschen betäubt und die Depression war auch abgemildert, kam aber wieder.Waren diese Behandlungen schmerzhaft?Nein, überhaupt nicht. Da werden Ihnen zwei Drähte angelegt, jemand drückt auf einen Knopf, und Sie sind weg in derselben Sekunde. Dann wacht man nach einer Stunde auf, als wäre nichts geschehen. Aber meine Depressionen bin ich erst in jenem Bistro losgeworden, in dem ich die ersten dreißig Seiten von "Nacht" geschrieben habe.Sie haben Sie auch nie wieder heimgesucht?Nein. Ich habe einfach weiter geschrieben.Das klingt nach einer Wunderheilung.Ja. War es auch.Das war der Moment, in dem Sie wussten, es geht, Sie können als Schriftsteller leben, Ihre Zweifel waren auf einmal unbegründet.Weg, ja. Ich bin ein Jahr später nach New York gefahren mit der Absicht, das Buch zu beenden. Ich habe so viel wie zum Lebensunterhalt nötig war als Kellner gearbeitet und nebenbei geschrieben.1958 haben Sie das Manuskript abgeschlossen. Dann mussten Sie noch die Zeit durchstehen, bis Sie einen Verlag gefunden haben.Ich habe das Buch jahrelang in der Schublade gehabt. Erst 1963 habe ich den Chefredakteur von der damals in Amerika erscheinenden Deutschen Staatszeitung kennengelernt, der hat es gelesen und einen Empfehlungsbrief an den Verleger Helmut Kindler verfasst. Der Kindler war selbst ganz begeistert, aber innerhalb des Verlages gab es eine Opposition gegen das Buch. Die behaupteten, dass die Juden darin als hässliche Gestalten geschildert wurden. Und das könnte Antisemitismus in Deutschland auslösen. Das glaubten die und haben deshalb das Buch boykottiert. Sie haben es in kleiner Auflage gedruckt und dann untergehen lassen.Warum?Es war die Zeit des Philosemitismus, in der Juden als edle Opfer, als Übermenschen galten. Die Leute in meinem Buch, die in dem Nachtasyl dahinvegetieren, sind arme Schweine, die verhungern. In Amerika war man da nicht so empfindlich. Der amerikanische Verlag Doubleday hat die "Nacht" fast zeitgleich veröffentlicht, das war ein Erfolg, und er wollte ein zweites Buch von mir. Das war "Der Nazi und der Friseur", mein erfolgreichstes Buch. Das ist zuerst in der englischen Übersetzung erschienen.Haben Sie auch versucht, "Nacht" in der DDR zu verlegen?Ich habe es dem Aufbau-Verlag geschickt, dem Verleger Wieland Herzfelde. Den habe ich in New York kennengelernt. Man hat es mir zurückgeschickt mit der Begründung, das wäre zu pessimistisch für die DDR. Ich hätte keine Kommunisten in dem Buch, die als Helden auftreten.Haben Sie mal darüber nachgedacht, ob es eine Alternative wäre, im Osten zu leben?Ich war vor dem Mauerfall öfter in Ostberlin, aber ich wäre nie in den Osten gezogen. Ich bin absoluter Antikommunist.Ist die Unantastbarkeit der Juden in Deutschland heute aufgehoben?Das ist anders, ja. Sie können heute auch Negatives über Juden sagen, das wird akzeptiert.Ist das Verhältnis zwischen den Juden und den Deutschen noch speziell?Die neue Generation hat ja keine Schuld. Mit alten Leuten bin ich vorsichtig, weil ich nicht weiß, was die damals gemacht haben. Meine Freunde sind alle viel jünger. Die haben mit damals nichts zu tun. Also ganz normal wird das Verhältnis nie werden, dafür war der Holocaust zu schrecklich. Die Erinnerungen werden nur sehr langsam verblassen.Ist der Mord der Nazis an den Juden einzigartig gewesen?Das behaupten die Juden, aber ich nicht. Es gab schon vorher Völkermorde. Der Mord der Türken und Kurden an den Armeniern, über den ich in meinem Buch "Das Märchen vom letzten Gedanken" geschrieben habe, war der erste Völkermord in Europa des 20. Jahrhunderts. Und es gibt Völkermorde noch heute, in Afrika zum Beispiel. Das Ausmaß und die Perfektion, mit der die Deutschen vorgingen, waren neu. Aber nicht die moralische Kategorie.Derzeit läuft der Prozess von John Demjanjuk, der der hunderttausendfachen Beihilfe zum Mord angeklagt ist. Der Ukrainer ist ein paar Jahre älter als Sie und offenbar lange nicht so gesund. Die Gutachter muten ihm nur drei Stunden Verhandlung pro Tag zu. Ist das gerecht?Gerecht. Er wird wahrscheinlich nicht verurteilt, weil er vorher stirbt. Aber man muss wenigstens versuchen, ihn zu bestrafen. Das ist schon recht, auch wenn es eigentlich nichts hilft.Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie diesen alten Mann sehen?Mitleid habe ich nicht mit dem. Ich finde das Ganze erbärmlich, es ekelt mich an irgendwie.Was würden Sie machen, wenn Sie mit ihm allein wären?Gar nichts. Was kann ich machen? Ihn totschlagen? Nein, ich bin kein Mörder. Aber ein Gespräch anfangen würde ich auch nicht.Wären Sie ohne das Getto auch Schriftsteller geworden?Das habe ich mich auch schon gefragt. Wahrscheinlich, aber ich hätte ein anderes Thema.Sie wären nicht Juniorchef des Möbelhauses in Halle geworden, wie es sich für den erstgeborenen Sohn gehört hätte.Nein, sicher nicht.Muss man leiden, damit man etwas zu erzählen hat?Goethe hat nicht gelitten.Wie geht es Ihnen eigentlich?Mir geht es gut. Ich habe mehrere Schlaganfälle gehabt, aber das ist schon Jahre her. Und ich bin deswegen gehbehindert.Wie verbringen Sie Ihre Tage?Mit Lesen, Fernsehen, ins Café oder ins Restaurant gehen. Nichts Besonderes. Ich bin zufrieden. Ich habe vor einem Jahr wieder geheiratet. Meine erste Frau ist vor fünf Jahren gestorben, das war ein harter Schlag. Meine jetzige Frau ist dreißig Jahre jünger als ich; wir verstehen uns gut. Sie tut alles für mich, sie pflegt mich, kocht für mich, wäscht, macht die Wohnung sauber, schiebt mich mit dem Rollstuhl, wohin ich will, bringt mir, was ich brauche.Ihre Schreibmaschine hat geklemmt, als Sie für das Foto ein bisschen darauf tippten.Ja, die ist ein bisschen eingestaubt und muss mal wieder gereinigt werden.Sie wird zu wenig benutzt.Ich schreibe nicht im Augenblick.Das macht Ihnen nichts aus?Ich hab genug geschrieben.Haben Sie Angst vor dem Tod?Ich verdränge den Tod. Ich verdränge ihn und mache einfach immer so weiter.Falls Sie dennoch einmal sterben sollten, wo wollen Sie beerdigt werden?Auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee.Nicht in Sereth?Das wäre mir am liebsten. Aber wie komme ich da hin, das ist weit.Haben Sie eine Heimat?Meine Heimat ist dort, wo ich mich wohlfühle. Wo ich Freunde habe und die Sprache. Meine Heimat ist meine Baskenmütze und meine Schreibmaschine. Meine Heimat ist in meinem Kopf.Lebt es sich so besser oder schlechter?Weder noch. Eine richtige Heimat ist ja verbunden mit Menschen, mit Familie und Gemeinschaft. Das hatte ich in Rumänien in Sereth. Und das hat man mir weggenommen. Ich habe wunderbare Erinnerungen an diese Stadt. Aber all die Leute, die dazugehören, sind tot oder nicht mehr da. Mein Sereth gibt es nicht mehr. Ich war ja noch einmal dort. Es gibt keine Juden und keine Deutschen mehr, nur Zigeuner, Rumänen und Ukrainer. Aber den jüdischen Friedhof gibt es noch.------------------------------Foto: Edgar Hilsenrath1926 als Sohn eines jüdischenKaufmanns in Leipzig geboren, aufgewachsen in Halle.1938 flieht er mit Mutter und Bruder nach Sereth, in die Bukowina.1941 wird er ins Getto in der Ruinenstadt Moghilev-Podolsk deportiert.1944 befreien die Sowjets das Getto, Hilsenrath geht zu Fuß nach Bukarest, von dort mit der Bahn nach Palästina.1947 Wiedersehen mit der Familie in Frankreich, vier Jahre später Umzug nach New York.1964 Durchbruch als Schriftsteller mit dem Getto-Roman "Nacht".1975 Rückkehr nach Berlin, wo erseitdem lebt und schreibt.1977 "Der Nazi und der Friseur"1989 "Das Märchen vom letzten Gedanken"2008 erscheint der letzte von zehn Bänden der Werkausgabe im Dittrich-Verlag, Berlin.