Karl-Theodor zu Guttenberg hat geistiges Eigentum geklaut, Silvana Koch-Mehrin desgleichen. Neuerdings steht Margarita Mathiopoulos, Honorarprofessorin in Potsdam, unter Verdacht. All das geschieht dank außeruniversitärer Kontrolle; die Hochschulen stempeln die Überführten eilig zu schwarzen Schafen - an dem System, das die Plagiatoren produziert, ändern sie nichts. Es beruht auf akademischem Feudalismus, schamhaft hinter dem Begriff "Autonomie" verborgen. Daraus folgen Günstlingswirtschaft, Konformismus, Feigheit und das gemeinsame Interesse der großen Profiteure wie der kleinen Hintersassen am Status quo.Eben darum werden Gutachten über Dissertationen, Forschungsvorhaben oder Berufungen als Geheimsachen gehandhabt. Eben darum ist die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die pro Jahr weit mehr als eine Milliarde Euro an Steuergeldern verteilt, als privater Verein organisiert, der weder Bilanzen noch Erfolge oder Misserfolge bekannt geben muss und nicht der Kontrolle des Bundesrechnungshofs unterliegt. Eben deshalb gilt es als legal, dass sich deutsche Professoren als Autoren von wissenschaftlichen Werken bezeichnen, die sie nicht geschrieben haben. Eben deshalb kann der britische Historiker Richard J. Evans die angeblichen Autoren der Studie zur Vergangenheit des Auswärtigen Amts als "extrem vielbeschäftigte Leute" verspotten und selbst deren steuernde Tätigkeit, die sie immerhin als Herausgeber qualifizieren könnte, als "in der Praxis ziemlich minimal" einstufen. Der Fisch stinkt vom Kopfe her.Wie sieht es für die Studierenden in den großen geisteswissenschaftlichen Fächern aus? Der Dozent stellt ein Thema ins Vorlesungsverzeichnis, das Studienmodulen und damit unterschiedlichen Haupt- und Nebenfachabschlüssen zugeordnet wird. Dann kommen - in meinem Fall - gut 70 Studenten, nach zwei Wochen bleiben 50. Der Dozent kennt die Studierenden nicht, und diese kennen einander nicht. Die Beteiligten treffen in einem sozial gewissermaßen abgedunkelten Raum aufeinander, einem Darkroom, der mehr oder weniger erfreuliche Zufallskontakte erlaubt. Man bleibt anonym, um das Spiel anschließend in neuer Zusammensetzung anderswo fortzusetzen. Derartiger Unterricht funktioniert sozialdarwinistisch: Die lebhaften, gut organisierten Studierenden setzen sich durch, die schwachen treiben mit und bekommen am Ende ein paar freundliche, jedoch nicht freundlich gemeinte Worte ab.Als Wilhelm von Humboldt die Einheit von Forschung und Lehre vor 200 Jahren formulierte, zählten Universitäten einige Hundert Studenten. Man kannte sich. Einen solchen Zustand an heutigen Massenuniversitäten zu erreichen, ist gewiss schwierig, erscheint mir jedoch nicht unmöglich. Die Studierenden müssten - ähnlich wie einst in der DDR oder an angelsächsischen Universitäten - in gemeinsame Jahrgänge eingeteilt werden; Hochschullehrer müssten zusammen mit Tutoren für einen bestimmten Studienabschnitt und für eine bestimmte Gruppe die Verantwortung tragen. Am Semesterende ständen nicht ein kurzer Noteneintrag im elektronischen Campusmanagement, sondern kleinere, schriftlich zu dokumentierende Gruppengespräche der Studierenden mit ihren Professoren und Professorinnen. Zu schön, um wahr zu sein?

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