Punkt viertel nach acht fällt der Vorhang. Zuvor hat man Udo Jürgens darauf als Schattenriss gesehen, nun steht er allein auf der Bühne und tut so, als habe er den Schatten tatsächlich geworfen. Er singt "In allen Dingen lebt ein Lied" und nimmt in einem schwarzen Anzug an seinem schwarzen Flügel Platz, dann fällt ein zweiter Vorhang und gibt den Blick auf das Orchester Pepe Lienhard frei, das ihn seit dreißig Jahren begleitet. Das Publikum in der ausverkauften Max-Schmeling-Halle tobt.Udo Jürgens erweist sich als Meister der wortreichen Publikumsbeschmeichelung: "Guten Abend Berlin", sagt er und: "Welch ein großer Augenblick für mich, bei ihnen zu sein." Er grüßt nacheinander die Zuschauer, die ihn bereits in den Neunzigern sahen, in den Achtzigern, in den Siebzigern. Im Publikum finden sich offenbar sogar Leute, die seine Konzerte in den Sechzigern besuchten: "Das ist ja der Wahnsinn, das muss man sich mal vorstellen."Doch bevor er die Erinnerung an alte Zeiten mit älteren Liedern auffrischt, singt er sich zunächst durch sein aktuelles Album. Dabei zeigt er sich mal kämpferisch ("Jetzt oder nie"),mal leidenschaftlich ("Bis ans Ende meiner Lieder"), aber auch unvernünftig ("Flieg mit mir") und trotzig ("Dass ich die liebe, was geht es dich an"). Auch mit nunmehr 71 Jahren gibt Jürgens sich weiterhin unbeirrt jugendlich, und das Beste daran ist: Es funktioniert. Zuschauer, die seine Enkel sein könnten, rudern begeistert mit den Armen, während er Vertreter seiner Generation hübsch alt aussehen lässt.Doch Jürgens hat auch eine nachdenkliche Seite, weshalb er mit "Fünf Minuten vor zwölf" gegen die Umweltverschmutzung ansingt und in einem Medley aus "Die Leute" und "Ein ehrenwertes Haus" Doppelmoral und Scheinheiligkeit anprangert. Dann sind die ersten anderthalb Stunden vorüber, und es ist Zeit für eine Pause.Der zweite Teil ist dann ganz seinem umfangreichen Hauptwerk gewidmet. Jürgens hat exakt zwanzig Touren absolviert, rund fünfzig Alben aufgenommen und etwa dreihundert Stücke komponiert. Er gilt als einer der produktivsten deutschsprachigen Künstler, seine Lieder wurden auch von internationalen Stars wie Shirley Bassey und Sarah Vaughn gesungen. Es dürfte schwer sein, daraus ein Programm zusammenzustellen, das alle zufrieden stellt, doch in freudiger Erwartung stürmen Teile des Publikums schon früh zur Bühne, statt sich, wie es sich eigentlich gehören würde, auf die Plätze zu setzen. Aber Udo Jürgens, ganz Showprofi und Meister der Krisenbewältigung, gelingt es, die Fans wieder zurück auf die Ränge zu komplimentieren: "Bei ,New York', da dürfen Sie nach vorn kommen. Sonst versperren Sie den Leuten im Parkett die Sicht."Zur allgemeinen Begeisterung kommt "Ich war noch niemals in New York" recht schnell, weshalb alle von den Sitzen springen, mit bunten Leuchtelementen winken und singen. Auch "Vielen Dank für die Blumen", der Song aus der Zeichentrickserie "Tom & Jerry", wird zum Besten gegeben, was zu dem Zeitpunkt sogar Sinn macht, weil zahllose Blumensträuße den Flügel zu begraben drohen. Jürgens scheinen solche Probleme nicht weiter zu kümmern, lieber bringt er seine härtesten Hits zum Vortrag: "Siebzehn Jahr, blondes Haar", "Griechischer Wein" und auch den konsumkritischen Schlager "Aber bitte mit Sahne". Dann verabschiedet er sich, und es scheint Schluss zu sein.Doch Udo-Jürgens-Fans wissen, dass erst dann wirklich Schluss ist, wenn Udo Jürgens nach zahllosen Zugaben endlich seinen weißen Bademantel übergeworfen hat und sich wieder ans Klavier setzt. Das passiert in der Max-Schmeling-Halle gleich zwei Mal. Ganz gleich, was man von seiner Musik halten mag, aber so etwas macht ihm kein anderer deutschsprachiger Künstler nach. Dafür gebührt Udo Jürgens unbedingter Respekt.------------------------------Foto: Im Publikum finden sich offenbar sogar Leute, die seine Konzerte in den Sechzigern besuchten: "Das ist ja der Wahnsinn", sagt Udo Jürgens, "das muss man sich mal vorstellen."