Man hätte ja eigentlich erwartet, dass sie sachlich durchnummeriert worden wären - so fortschrittsoptimistisch, wie Ulrich Müthers kühne Konstruktionen früher einmal gestrahlt haben müssen: Die filigrane Binzer Rettungsstation (siehe Abb.) schien sich schwerelos wie eine Gasblase von ihrem Fuß losreißen und auf Expedition ins Weltall gehen zu wollen. Doch viele von Müthers Bauwerken bekamen erstaunlich heimelige Namen verpasst - wie um daran zu erinnern, dass seine futuristischen Solitäre aus Beton sich oft an Naturformen orientierten: Es gibt das "Inselparadies" (in Baabe/Rügen), den "Teepott" (in Warnemünde), die "Ostseeperle" (in Glowe/Rügen), die "Seerose" (in Potsdam). Das "Ahornblatt" in Berlin gibt es hingegen nicht mehr - die einstige Großgaststätte an der Fischerinsel mit ihrem charakteristisch gezackten Umriss und den wie Segel aufsteigenden Dachsegmenten wurde 2000 abgerissen. Allen Bürgerprotesten und -initiativen zum Trotz, die diesen Kontrapunkt zum profanen Plattenbau gern unter Denkmalschutz gesehen hätten.Am Dienstag ist Ulrich Müther, im Alter von 73 Jahren in Binz auf Rügen, seinem Geburtsort, verstorben, am Sonnabend wird er in dem Ostseebad beigesetzt. Das teilte seine Familie am Donnerstag in einer Todesanzeige mit.Müther gilt weltweit als einer der Pioniere des Schalenbetonbaus. Als Sohn eines Bauunternehmers hatte er zunächst in der DDR nicht studieren dürfen und absolvierte eine Zimmermannslehre. Von 1956 bis 1963 folgte dann ein Bauingenieur-Fernstudium an der Technischen Universität Dresden, bei dem Müther seiner "großen Neigung zu statischen Berechnungen" frönen konnte. Seine Diplomarbeit widmete er der Realisation "hyperbolischer Paraboloide", kurz Hyparschalen: Grundlage ist ein Netz aus Stahlstäben, das mit Spritzbeton ausgefüllt wird und so auch sehr abstrakte und extravagante Konstruktionen ermöglicht. Die zweifach gekrümmten Flächen werden dabei nur aus Geraden konstruiert - somit waren Müthers Utopien aus Beton simpler und materialsparender zu verwirklichen, als es den Anschein hatte.Bald wurde Müther denn auch zu einem Exportschlager der DDR: Von ihm stammt nicht nur die Rennschlittenbahn in Oberhof (Thüringen), sondern auch eine Moschee in Jordanien sowie die Zeiss-Planetarien in Kuwait, Tripolis, Helsinki und Wolfsburg - die Devisen für letzteres bestanden in den frühen 1980er-Jahren aus einer Lieferung von 10 000 Exemplaren VW Golf. Nach der Wende spezialisierte sich Ulrich Müther auf die Rekonstruktion der Rügener Bäderarchitektur: "Damit nicht noch mehr Betonburgen entstehen", wie ausgerechnet er dazu sagte, wohl wissend, dass die Werbung mit ihrem Slogan "Beton - Es kommt drauf an, was man draus macht" einmal Recht behalten hatte. (cab.)------------------------------Foto: Ulrich Müther (1934-2007) mit der Bauzeichnung vor seiner Rettungs- station im Ostseebad Binz auf Rügen. Das Gebäude, 1968 von Müther gemeinsam mit Dietrich Otto konstruiert, wurde 1981 aufgestellt. Die Fotografie stammt aus dem Jahr 2004.