"Melissa Etheridge? Die spielt wie Springsteen, bloß nicht so hart", erklärt es einer dem Döner-Mann vor dem Huxley's. Der nächste sagt: "Als ich die zum ersten Mal auf MTV gesehen habe, dachte ich: Das ist doch die Kellnerin aus meiner Stammkneipe." Aus männlicher Sicht scheint das Phänomen Melissa Etheridge damit ganz gut umrissen.Spätestens seit ihrem Album "Yes I Am" liegt Amerika der Rockerin zu Füßen, überreichte ihr höchste "Grammy"-Weihen. "Boß" Springsteen höchstpersönlich trat mit ihr "unplugged" auf. Als die unsterbliche Janis Joplin in die Ruhmeshalle des "Rock 'n' Roll" aufgenommen wurde, durfte keine andere als Melissa Etheridge Joplins Titel "Piece Of My Heart" singen. Als Melissa Etheridge aller Welt dann mitteilte, daß sie stolz sei, eine Lesbe zu sein, tat das ihrer Popularität keinen Abbruch - ein kleines Wunder im puritanischen Amerika.Ihr neues Album ziert ein Schlüsselloch und heißt augenzwinkernd "Your Little Secret" (Dein kleines Geheimnis) - jetzt, wo sie ihr Geheimnis, das für viele schon lange keins mehr war, gelüftet hat. Solche Souveränität, Gelassenheit zeigt sie auch bei ihrem Auftritt. Nach der Eröffnung mit dem neuen Titel "Unusual Kiss" und dem Grammy-Sieger "Come To My Window" fesselt Melissa Etheridge ihre überwiegend weiblichen Fans zunächst mit ruhigeren Titeln. Sie muß nicht mehr bedingungslos auf Tempo drücken, steht nicht unter der Beweisnot, es als Frau allen besonders zeigen zu müssen.Ihre Texte sind nicht sonderlich raffiniert, manchmal banal. Doch die Zeilen wirken inzwischen weniger bekenntnishaft, mehr beobachtend. Nie hat sie ihre Wurzeln in der Provinz im Mittleren Westen vergessen. In den besten Momenten sieht man einen Film ablaufen - vielleicht "Thelma & Louise" auf der Flucht. Dazu findet Melissa Etheridge passende Melodien. Ihre Stimme klingt meist rauh bis heiser, kann sich aber auch einschmeicheln.In der zweiten Hälfte zieht Melissa Etheridge dann das Tempo an. Dann zeigt sie sich als ungemein druckvolle, vor Energie berstende Rockerin. Sie würde selbst mit einer verstimmten Wanderklampfe den Saal toben lassen. Wie ihr Vorbild Bruce Springsteen rockt Melissa Etheridge satte zweieinhalb Stunden. Selbst als sie kundtut, daß sie Berlin ganz besonders liebt, klingt es nicht wie eine Floskel. Tatsächlich gastierte sie 1989 just zum Mauerfall in der Stadt. Bei der Erinnerung daran zittert noch heute ihre Stimme. Doch ihre Fans sind längst zu erschöpft, um Melissas Rührung in diesem Augenblick zu teilen. +++