Berlin - Um halb elf ist Schluss. Dann kommt keiner mehr aufs Tempelhofer Feld. Nur noch hinaus – durch eine Drehtür, die man mit seinem ganzen Gewicht anschubsen muss, damit sich die Eisenstangen schwerfällig in Bewegung setzen.

Mit dem Rad wird es hingegen kompliziert. Mit einer Hand schubsen, mit der anderen das Rad vorwärts schieben. Und das Gehen nicht vergessen. Manchmal verhakt sich dabei das Hinterrad.

Nachts ist es stockduster auf dem Feld. Sogar ein bisschen unheimlich. Kein Licht, keine Laterne erhellt die asphaltierten Landebahnen. Das ist ganz ungewohnt und ganz wunderschön. Sowas kennt man als Städter gar nicht mehr. Dunkelheit. Finsternis. Dunkelschwarz vor schwarzschwarz. Ohne Lampe am Fahrrad ist man aufgeschmissen. Dann gilt es, Schatten richtig und frühzeitig zu sehen und zu deuten.

Nur am Rand des Tempelhofer Feldes erkennt man Lichter: kleine rote, die am Tempelhof Tower wie eine Halskette die Kugel säumen, das ewig lange und hellerleuchtete Flughafen-Gebäude, in dem auch in der Nacht für die Modemesse Bread & Butter aufgebaut wird, das Licht, das aus den Fenstern der Häuser an der Oderstraße scheint.

Ganz dumpf und leise rauscht der Verkehr der A100 im Hintergrund, man hört auch das Rattern der Ringbahn, wenn man genau hinhört. Ab und zu fliegt eine Duftwolke vorüber. Kekse! Die Bahlsenfabrik ist nicht weit.

Die Menschen, die noch auf dem Feld sind, denken gar nicht daran zu gehen. Sie gehören in dieser Nacht zur Tempelhofer-Feld-Elite. So viel Platz und Dunkelheit für sie allein. Stimmen hier und Stimmen da. Französisch, englisch und spanisch. Auch mal deutsch.

Auch da, wo man sie nicht erwartet: Hinter den Felsen der Tempelschlucht sitzen noch Menschen. Man sieht sie nicht, nur hören kann man sie. Dann vernimmt man ein Flüstern oder das Aneinanderdengeln von Bierflaschen. Oder ein „Flopp“, wenn eine Weinflasche entkorkt wird.

Im Allmende-Kontor, dem Gemeinschaftsgarten des Schillerkiezes, sitzt eine biertrinkende Jungsgruppe zwischen Beeten und Brettern. Leise dudelt Elektromusik. Ganz minimal, ganz unaufgeregt. Ein Telefon klingelt: „Hey Julian, wie geht´s, ich bin noch hier auf dem Feld. Lasse den Tag ausklingen.“

Auf dem Hochstand zum Wiesenmeer, wo die Feldlerchen brüten, sitzt ein Pärchen. Aneinandergekuschelt starren sie in die Nacht. Irgendwann bleibe ich mal bis zum Sonnenaufgang. Aber nur mit Mückenspray.