0 Uhr 30: Der raue Zauber von Neukölln

Eisig ist die Nacht, der Wind faucht durch die Straßen in Neukölln, und die wenigen Schneeflocken verheddern sich in meiner Fellkapuze.

Drei Couches, zwei Rollkoffer, ein Regal, ein eingeschneiter Fernseher aus alten Kathodenstrahlröhrenzeiten mit zerbrochener Scheibe und vier Weihnachtsbäume zähle ich auf dem Weg zur U-Bahn. Meine Straße erinnert ein wenig an einen Nachttrödelmarkt. Ich führe seit einiger Zeit Protokoll und freue mich wie eine Schneekönigin über jedes neue Exemplar. Ich habe so viele Fragen. Wer saß auf diesen Couches? Wurde dort nachts wild diskutiert und gestritten? Kam man sich näher? Wie oft wurde Rotwein vergossen, die bestellte Pizza auf eben dieser Couch gegessen? Waren es Sonntag-„Tatort“-Couches? Ich werde es nie erfahren.

Luxus? Nun ja. Geht so

Neukölln ist rau und dreckig dieser Tage. „Liebe, Luxus, Anarchy“ hat jemand an eine Hauswand gesprüht. Luxus? Nun ja. Geht so.

Wir sind im Weserkiez und kommen an einer Messerstecherei vorbei. Blaulicht, Polizei, Absperrband. „Runter vom Tatort“, raunzt mich eine Beamtin an. Die Polizisten suchen nach Spuren. Mit großen Taschenlampen suchen sie die nasse Straße ab. Ein ungnädiger Job in dieser nasskalten Nacht. Vor dem Absperrband drücken zwei Menschen ihre Lippen aufeinander. Ihnen kann das derbe Neukölln nichts anhaben. Als sie sich auf ihre Räder schwingen, fallen sie fast hin. Die Straße ist rutschig. Und beide sind betrunken.

An der Bahn U 7 sitzt ein Obdachloser. Er spielt Westerngitarre, ich höre die Melodie von Johnny Cash heraus. Doch er hat den Text verändert. „Don’t touch the dog, no, no, don’t touch the dog.“ Meine Freundin und ich sind entzückt. Ein kleines Mädchen mit einer rosafarbenen Bärenmütze sitzt neben dem Bärtigen und seinem Pekinesen, der in einem Einkaufskorb liegt und das Mädchen mit seinen Glubschaugen beobachtet. Immer wieder klatscht sie in die Hände, kann sich vor Lachen kaum auf dem Sitz halten. Das Trio begeistert die wartenden Gäste an der U-Bahn. Als die Bahn kommt, steigt auch das Mädchen ein. Noch lange schaut sie aus dem Fenster und winkt dem Gitarrenspieler und seinem Hund hinterher. „Das war sooo schön“, säuselt sie und lächelt verträumt. Neuköllner Nächte, rau und eisig, überraschend und bezaubernd.