Es ist dunkel, kühl ist es geworden, lästiger Nieselregen. Ich laufe die Görlitzer Straße entlang. Dort drehen sie gerade in einem der Cafés einen Film und haben deswegen dafür gesorgt, dass sie ihre Lastwagen vor Ort parken können. Die Anwohner aber müssen sehen, wo sie ihre Autos lassen.

Vor mir biegt eine Person in die Skalitzer Straße ab. Sie trägt einen dünnen Sommermantel. Weil sie den Kragen hochgeschlagen und die Hände in die Ärmel zurückgezogen hat, sieht es so aus, als liefe da ein Mantel alleine, geht weiter Richtung Schlesisches Tor. Ich halte beim Russen an, die kleine Kneipe in der Lübbener Straße. Dort ist wenig los.

Am Nebentisch sind zwei Männer, sie unterhalten sich über eine Frau. „Hätte ich sie angesprochen, wüsste ich jetzt, wie sie heißt“, sagt der eine. „Der Name ist völlig unwichtig“, sagt der andere, „du kannst sie nennen, wie du willst.“ – „Das stimmt nicht. Wenn sie zum Beispiel Constanze hieße, wäre das etwas völlig anderes als wenn sie Kirsten hieße.“ – „Kirsten heißt doch heutzutage kein Mensch mehr,“ sagt der andere.

Ich zahle, laufe Richtung Schlesisches Tor. Dort bettelt einer vor der 24-Stunden-Pizzeria, er hat sich flach auf Pappkartons gelegt, den Kopf sieht man nicht, weil er nach unten schaut, beide Arme streckt er nach vorne aus, er hält einen Plastikbecher, ein paar Münzen darin.

Ich nehme die U-Bahn zum Kottbusser Tor. Zwei junge Männer sitzen neben mir. Sie schauen zusammen in ein Mobiltelefon. Es ist ein Video der Terrorgruppe Islamischer Staat, das sie sich ansehen, darin werden Menschen mit Messern enthauptet, die Köpfe dann auf Zaunpfähle aufgespießt, unterlegt mit irgendeinem Gesang. Sie finden es cool, dabei beobachtet zu werden. „Mach noch mal“, sagt der eine, er kichert.

Graubraune Gewänder tragen sie mit Turnschuhen. Junge Islamisten, deutsche Islamisten. Sie steigen aus am Görlitzer Bahnhof, ich verliere sie aus den Augen. Wie soll man sich verhalten? Soll man aufstehen und denen das Handy aus den Händen reißen? Die Polizei rufen? Was würde passieren? Könnten sie sich noch mehr als Opfer inszenieren, als sie es schon tun? Die Schuld ihrer Misere schieben sie auf andere, auf den Westen, auf Demokratie überhaupt. Wir sind die Opfer, schreien sie. Dabei greifen sie an.
Ich fahre nach Hause, es ist keine gute Nacht.