Das dichte Gras ist kniehoch, große Nadelbäume stehen vereinzelt auf der Lichtung, ringsherum ist Wald. Panisch blickt der Junge umher, sucht seinen Bruder. Gerade stand er noch neben ihm. Er ruft – aber nichts ist zu hören. Im Kinosaal herrscht absolute Stille. Der Film hat keinen Ton, die Schauspieler reden in Gebärdensprache.

„The Legend of the Mountain Man“ heißt dieser Film, der zur 1. Gebärdensprachfilmwoche Deutschlands gezeigt wird. Insgesamt 44 Filme aus acht Ländern sind im Programm – alle ohne Ton, jedoch mit Untertiteln und in unterschiedlichen Gebärdensprachen. „Für Gehörlose ist es nicht selbstverständlich, ins Kino zu gehen“, sagt Andreas Döltgen, einer der vier Organisatoren des Filmfestivals. „Es gibt kaum Filme für Gehörlose – weder mit Untertiteln, noch mit Schauspielern, die Gebärdensprache benutzen.“ Döltgen spricht aus Erfahrung: Der 27-Jährige ist gehörlos und geht nur selten ins Kino. „Meistens warte ich, bis die Filme auf DVD raus sind. Da kann ich den Untertitel anschalten.“

Döltgen spricht mit Gebärden, eine Dolmetscherin übersetzt. Beide tragen schwarze Polohemden mit dem türkisfarbenen Logo des Festivals. Auch das Foyer des Kinos ist in türkis gehalten. Die gehörlosen Mitarbeiter des Filmfestivals stehen am Einlass der drei Säle. Sie scherzen mit den Besuchern, von denen einige auch hören können. Übersetzer helfen bei der Unterhaltung. „Etwa 15 Dolmetscher arbeiten hier während des Filmfestes“, sagt Döltgen. Der gebürtige Aachener ist vor fünf Jahren nach Berlin gezogen, um Deaf Studies zu studieren.

In den Seminaren geht es um die Kultur der Gehörlosengemeinschaft, die Ausbildung in Gebärdensprache und Pädagogik. Döltgen hat in Berlin einen Verein für hörgeschädigte Jugendliche gegründet, und Knapp ein Jahr lang mit seinen Kollegen das Festival geplant und konzipiert. Er hofft, dass dem Festival in Zukunft so große Bedeutung wie anderen Filmfestivals zugesprochen wird.

Dann wird es dunkel im Saal

Wie bei der Berlinale wird jeder Film kurz in Gebärdensprache und über ein Mikrofon anmoderiert. So auch der amerikanische Kinderfilm „The Legend of the Mountain Man“, in dem es um eine Familie geht, die sich nach viel Streit wieder versöhnt. Eine „komische Kreatur aus dem Wald spielt dabei eine wichtige Rolle“, sagt die Moderatorin. Die Jugendlichen im Saal kichern, unterhalten sich aufgeregt in Gebärdensprache. Dann wird es dunkel im Saal.
Nach dem Film fragt eine Filmfestival-Mitarbeiterin die Teenager, wie sie den Film fanden. Überraschend professionell und spannend, antworten sie. So hätten sie das bisher noch nicht sehr häufig gesehen. „In den USA und Skandinavien ist die Filmindustrie für Gehörlose weiter als hier“, bestätigt Andreas Döltgen den Eindruck der Zuschauer. In diesen Ländern sei die Gehörlosenkultur gefestigter als in Deutschland, die Gehörlosen selbstbewusster. Hier würden auch die Hörenden oft noch fremdeln, hätten Berührungsängste.

„Mittlerweile sind die jungen Gehörlosen in Deutschland selbstbewusster – deutlich mehr als die Generation der 40-Jährigen“, sagt Iris Bonowsky. Sie gehört zum Organisatorenteam und leitet den Verein Sinneswandel für Hörgeschädigte. Die 49-Jährige erklärt, dass die Gebärdensprache lange Zeit in Schulen verboten gewesen sei. „Erst seit dem Jahr 2000 ist sie als Sprache in Deutschland offiziell anerkannt.“

In den USA hingegen gebe es zur Gebärdensprache schon 60 Jahre Forschung. „Die amerikanische Gebärdensprache ist auch völlig anders als zum Beispiel die deutsche“, erklärt Andreas Döltgen. Nicht nur einzelne Handzeichen seien verschieden, sondern auch Körperhaltung und Mimik. Der 27-Jährige hat die amerikanische Gebärdensprache gelernt, könnte „The Legend of the Mountain Man“ auch ohne Untertitel verstehen. „Den Film haben wir nur mit englischem Untertitel bekommen. Wir haben überlegt, dass die Jugendlichen vielleicht Schwierigkeiten beim Verstehen haben könnten.“ Darum hätte ein Kollege von Döltgen die Untertitel noch ins Deutsche übersetzt.

„Filme in Gebärdensprache sind außerdem anders produziert: Der Oberkörper der Schauspieler muss immer ganz zu sehen sein, genauso wie die sprechenden Personen beide im Bild sein müssen“, schildert Iris Bonowsky. Sie und Andreas Döltgen haben sich besonders auf „Mountain Man“ gefreut. „Gehörlose Jugendliche in den Hauptrollen sind besonders rar. Damit fehlt jungen Gehörlosen auch eine Möglichkeit, sich mit jemandem zu identifizieren“, erklärt Döltgen. Der 27-Jährige will nach seinem Bachelor-Abschluss noch einen Masterabschluss machen. Vielleicht sogar im Bereich Film.

Gebärdensprachfilmwoche im Kino Babylon, Rosa-Luxemburg-Str. 30, Sonnabend, 28.9., 9.30 bis 23 Uhr, anschließend Abschlussparty im Foyer.

Das Filmprogramm unter www.gebaerdensprachfilmwoche.de