Schon am Nachmittag ist kein Durchkommen mehr: Die Skalitzer Straße ist voller Menschen, junge Leute sitzen auf dem Bordstein und auf der Fahrbahn. Kreuzberg ist fast autofrei. Die Sonne scheint, von überall her dröhnt laute Musik mit tiefen Bässen. Musiker spielen unter dem U-Bahn-Viadukt. Polizisten stehen am Rand und schauen zu. Alles ist friedlich.

Kreuzberg feiert den 1. Mai mit einer großen Party auf der Straße – und einer ebenso großen im Park. Am Ende geht die Doppelstrategie offenbar auf. Denn auch die Demonstrationen zur Mittagszeit sowie der traditionelle Aufzug am Abend bleiben weitgehend friedlich.

Hier lesen Sie die Chronologie des 1. Mai in Berlin.

Das traditionelle Myfest rund um die Oranienstraße ist schon am Mittag gut besucht. An rund 100 Ständen verkaufen Familien Köfte, Kuchen und alkoholfreie Getränke. „Wir wollen ein friedliches Fest ohne Krawalle und Brände“, sagt Organisator Halis Sönmez. Am Mariannenplatz und auf weiteren Bühnen spielen Bands. Bewohner sitzen an den Fenstern, Restaurants und Bars verkaufen Cocktails und Bier. Die meisten Läden sind geschlossen.

Görlitzer Park ist schnell überfüllt

Zwischen Oranienstraße und Görlitzer Park wird es am Nachmittag immer enger. Viele Besucher feiern lieber auf der Straße als im organisierten Festgebiet, sie umgehen so die Kontrollen der Ordner, trinken ihr Bier und Mixgetränke lieber auf der Straße. Und tanzen können sie dort auch. Vom Kottbusser Tor bis zur Oberbaumbrücke reicht die Partymeile. Am Abend zeigt sich das Myfest entspannt.

Pünktlich um 15.40 Uhr betritt Oliver Koletzki die Bühne im Görlitzer Park. Tausende Menschen auf der Wiese jubeln dem Berliner DJ zu. Erstmals hat das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg ein eigenes Fest im Görlitzer Park organisiert. Das Gelände ist umzäunt, Ordner kontrollieren Besucher. Flaschen und weitere Gegenstände sind verboten. Im Park stehen Müllbehälter und Toilettenwagen.

Gegen 17 Uhr schließt die Polizei alle Zugänge zum Park. 12.500 Menschen sind jetzt auf dem Gelände. Mehr dürfen nicht hinein.

Propalästinensische Demonstration in Neukölln

Doch der 1. Mai ist und bleibt ein politisches Datum. In Neukölln ziehen am Mittag rund 100 Menschen bei einer linksradikalen und propalästinensischen Demonstration „Heraus zum roten 1. Mai“ vom Karl-Marx-Platz zum Hermannplatz.

Bei einer satirisch begründeten Demonstration in Grunewald, die für mehr „Lärm im Villenviertel“ sorgen will, zählt die Polizei 3000 Teilnehmer – mit 200 war gerechnet worden. Vereinzelt werden geparkte Autos besprayt und beklebt.

Gegen 18.30 Uhr setzt sich in Kreuzberg die sogenannte Revolutionäre 1.Mai-Demonstration in Bewegung. Mehrere tausend Teilnehmern ziehen vom Oranienplatz zum Schlesischen Tor und zeigen auch Fahnen der Nachfolgeorganisation der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei (PKK). Es werden Böller und Bengalos gezündet, am Spreewaldplatz fliegen Flaschen.

Polizei am Park

Brisanz bergen die Pläne der Demonstranten, durch den Görlitzer Park zu ziehen. Doch an den Eingängen stehen Polizisten. Die Demonstranten ziehen schließlich am Park vorbei zum Schlesischen Tor. Gegen 19.40 Uhr löst sich der Zug dort auf. Einzelne versuchen noch in den Park zu gelangen, lassen jedoch wegen der Polizeipräsenz davon ab. Es gibt Gerangel und unter den Rufen „Berlin hasst die Polizei“ Festnahmen.

Die Polizei brachte ein Großaufgebot von 5300 Beamten aus neun Bundesländern auf die Straße. Zuvor hatte Innensenator Andreas Geisel (SPD) gesagt, er gehe von einer Situation aus, die „vielleicht etwas schwieriger als im Vorjahr“ sei.

Erstmals hatte die Polizei mobile Straßensperren aufgestellt, etwa an der Heinrich-Heine-Straße und an der Oranienstraße jenseits des Moritzplatzes. Die Wasserrammböcke dienen der Abwehr von Terroranschlägen. Die Behälter werden mit je 1500 Litern Wasser gefüllt und sollen durch ihre träge Masse Fahrzeuge aufhalten können.