Es ist paradox: Wenn es um die Kunst geht, hat Berlin-Mitte seine besten Tage ganz klar hinter sich. Der Großteil der Galerien und Projekträume, die einst den Mythos vom Szene-Bezirk begründeten, sind längst weitergezogen, an die ruppige Potsdamer Straße etwa, ins schicke Charlottenburg, nach Kreuzberg und Neukölln. Die Künstler und ihre Ateliers sind aufgrund der gestiegenen Mieten und der ganzen Geld-Chichifizierung auch längst vertrieben.

Doch die Künstler-Bars, die sind geblieben und halten weiter durch: Etwa die irre verrauchte Bar 3 am Rosa-Luxemburg-Platz mit ihrem grimmigen, Kölsch und Vinyl-liebenden Betreiber, das neo-anarchistische Themroc auf der Torstraße oder das jugendkulturelle Kim auf der unteren Brunnenstraße, gleich neben dem Eingang zur U-Bahn. In letzter Zeit gibt es sogar vielversprechende Neuzugänge, wie etwa den wunderbaren Neunziger-Themenladen Larry auf der Chausseestraße, wo man die Zeit für einen Abend lang um ein paar Jahre zurückdrehen kann.

In dieser Künstlerbar-Kategorie zählt die Bar Babette – benannt nach dem hier zu DDR-Zeiten existierenden Kosmetiksalon – längst zu den Klassikern. Gegründet wurde die Bar im Oktober 2003 von den Betreibern des Friedrichshainer Lovelite-Clubs, Christopher Brunk, Jörn Buttelmann, Jochen Ströh und Maik Schierloh. Anfangs konnte sich das Betreiber-Kollektiv nicht auf einen gemeinsamen Namen einigen, weshalb man die Bar ersteinmal ohne eigenen Namen betrieb. Diese Gründerzeit-Verwirrung wirkt heute noch nach – was sich daran ablesen lässt, dass man sich auch in der Gegenwart noch in der „Glaskasten-Bar“, „Würfel“, „KMA-Bar“, „gegenüber dem International“ oder „neben dem Café Moskau“ verabredet.

Hier wird also nicht einfach nur getrunken, sondern – sozusagen trinkend – Kultur produziert. Oft finden Ausstellungen und Buchpräsentationen statt, die man besucht haben muss, weil sich zu diesen Anlässen fast die ganze Berliner Szene trifft. Das kann man jetzt sogar nachlesen, in einem kleinen, handlichen Taschenbuch, welches der Mitbegründer und Betreiber der Bar, Maik Schierloh, anlässlich des zehnjährigen Bestehens im Eigenverlag herausgegeben hat.

In dem silberfarbenen Büchlein finden sich neben einer über hundert Veranstaltungen umfassenden Ausstellungschronologie und zwei wunderbaren Texten von den verbündeten Intellektuellen Peter Lang und Thibaut de Ruyter vor allem sehr viele Bilder aus der Geschichte des modernistischen, Mitte der 50er- Jahre gebauten Glaspavillons. Diese machen einerseits den ehemaligen DDR-Kontext des ost-modernistischen Gebäudes deutlich, und künden andererseits vom Potenzial, das eine semi-kulturelle Nutzung eines Ortes für die Stadt bietet. „Die Bar Babette ist Ausschnitt und herausragendes Beispiel einer sehr spezifischen Berliner Kunstpraxis“, schreibt der Autor und Kurator Peter Lang in seinem Beitrag für das Buch.

Tatsächlich sind Kunstwelt und Gastronomie in der Stadt immer ganz prächtig miteinander ausgekommen: Am Anfang dieser Nachkriegs-Tradition stehen Lokale wie der exzentrische Dschungel an der Nürnberger Straße oder das sagenumwobene Exil in Kreuzberg, gegründet vom zugezogenen Österreicher Schriftsteller Oswald („Ossi“) Wiener. In den Siebzigern und frühen Achtzigern konnte man hier – so berichten jedenfalls jene, die dabei waren – an manchen Abenden Andy Warhol, Dieter Roth, David Bowie oder Rainer Werner Fassbinder begegnen. In den Neunzigern gehörten die halblegalen, künstlerbetriebenen Montags-, Dienstags-, Mittwochsbars, die im Schwebezustand der frühen Nachwendezeit in Kellern, leerstehenden Geschäften und Wohnungen in Mitte wucherten, zu den Treffpunkten der Szene.

Ganz so wild wie dort geht es heute freilich in der Babette nicht mehr zu. Aber die Geschichte wird ja auch noch geschrieben, Abend für Abend, Nacht für Nacht.

Das gerade erschienene Buch Bar Babette Kosmetiksalon, herausgegeben von Maik Schierloh, kostet 10 Euro und ist direkt in der Bar oder im Buchladen Pro qm, Almstadtstraße 48-50, Mitte, erhältlich. Bar Babette, Karl-Marx-Allee 36. Tgl. ab 18 Uhr.