Berlin - Es gibt eine Szene aus Folge 47, in der Ahmed, der Dönerladenbesitzer, überraschend erfährt, dass Murat, der Dönertaxifahrer, gar nicht sein Neffe, sondern sein Sohn ist. Die beiden Männer stehen sich gegenüber und eine große Hilflosigkeit liegt in ihren stolzen Gesichtern. Sie ahnen vielleicht, dass sie die Jahre nicht mehr zurückholen können, die sie nebeneinander verbrachten, ohne von ihrer Verbindung zu wissen. Schließlich sagt Ahmed: „Lass’ uns ins Café gehen, da können wir in Ruhe weinen.“ Es ist ein rührender Moment, der sogleich ins Komische kippt. Wie auch die Szene, in der Mushido, der Zehlendorfer Waldorfschüler, der so gerne ein gefährlicher Gangster-Rapper wäre, einen Typen trifft, der ihn mag, so wie er ist. „Du findest mich okay?“, fragt Mushido, und ein ungläubiges Lächeln streift sein rundes Milchgesicht.

Einige solcher Momente gibt es an diesem Abend im Prime Time Theater, an dem das Beste aus zehn Jahren „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“ gezeigt wird. Nicht alle dieser Momente bemerkt man sofort, weil sie von derben, lauten Späßen überlagert werden, die nun mal die Hauptattraktion dieser Theater-Sitcom sind. Andererseits wäre der grelle Humor wohl lange nicht so sympathisch, wenn er nicht diese andere, versteckte Ebene hätte. Wenn in der groben Pointe nicht die feine Wahrheit verborgen wäre.

Schon das Theater selbst wirkt wie ein leiser Witz, im selben Haus gelegen wie der SPD-Landesverband. Vorne an der Müllerstraße residiert die Volkspartei, die keine mehr ist, um die Ecke befindet sich das Volkstheater, das jeden Abend ausverkauft ist und dabei das vollbringt, wovon die Sozis vorne nur noch träumen können: Alle zu erreichen, für alle greifbar, attraktiv und verständlich zu sein. Man sieht das, wenn man den Blick durch den Zuschauerraum streifen lässt. Dort sitzen Männer mit gekämmtem Mittelscheitel und Oberlippenbart aus dem Wedding neben Mitte-Schnitten mit Jute-Beuteln und asymmetrisch geschnittenen Ponyfrisuren, in die Jahre gekommenen Tigerblusen-Lillys aus Tegel und metrosexuellen Hornbrillen-Jünglingen aus Friedrichshain.

Die Kiezschlampe und der Graf

In diesem Theatersaal mischen sich im Grunde dieselben Berliner Typen, die vorne auf der Bühne stehen. Jeder hier hat seinen Repräsentanten im Rampenlicht. Da ist Kalle, der prollige Postbote mit dem kleinen Alkoholproblem und dem großen Herzen für Frauen jeglichen Alters. Da ist Claudio Fabriggio, der mal Klaus Faber hieß und ein anständiger Weddinger Fleischer war, bevor er über die Böse Brücke zu den Prenzlwichsern ging, wo er leider Regisseur und Vegetarier wurde. Auf einmal sagt Claudio Sätze wie: „Das ist so authentisch, das flashed mich total, weil das meinem Kontext den Background gibt.“ Claudio ist eine der tragischsten Figuren im Ensemble, weil es ihn stets dorthin zurückzieht, wo er einmal herkam, er aber den Sprung über die Böse Brücke nicht mehr schafft. Dafür macht er später eine Tanz-Performance mit Weddinger Problem-Jugendlichen zum Thema „Zeit, Zeitlichkeit und Zeitempfinden“. Er trägt eine weiße Wollmütze und ein schwarzes T-Shirt der Volksbühne in Mitte, dieser anderen großen Berliner Institution, die das Volk irgendwann verloren hat.

Es gibt im Prime Time Theater auch Frau Schinkel, die sächsische Leiterin des Weddinger Arbeitsamtes. Und die Kiezschlampe Sabrina, die eine Liste mit all ihren Eroberungen führt, als Sprechstundenhilfe in einer urologischen Praxis arbeitet und für ihren Grabstein die Inschrift „90-60-90“ ausgesucht hat. In der Folge „Myfair Sabrina“ lernt sie einen Adligen aus Zehlendorf kennen, der ihr beibringt, wie man Hochdeutsch spricht. Als Sabrina endlich die feinen Umgangsformen beherrscht, verlässt sie den Grafen und schleudert ihm zum Abschied den wütenden Stolz des roten Wedding entgegen: „Wenn du mich liebst, dann nimm’ mich so wie ich bin.“ Ebenso stolz ist Hülia, die mit ihrer hysterischen Stimme, der bedrohlichen Körperfülle und der dramatischen Herzlichkeit längst zum Sinnbild der türkischen Mutter geworden ist. Und da sind noch viele, viele andere Figuren, mehr als 150 mittlerweile, die im Laufe der Jahre aufgetaucht sind. 88 Folgen „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“ wurden bisher gezeigt. Zweitausend Vorstellungen, 340 000 Besucher. Alle vier bis sechs Wochen kommt eine neue Folge auf die Bühne, wird die Geschichte der Helden vom Wedding weitergesponnen.

Die Frau, die alle diese Figuren und Geschichten erschaffen hat, sitzt am nächsten Morgen in einem Claudio-Fabriggio-Café in Prenzlauer Berg und starrt auf ihr iPhone. Sie heißt Constanze Behrends, ist 32 Jahre alt und von Beruf Schauspielerin. Bis vor Kurzem war sie noch mit Oliver Tautorat, dem Direktor des Prime Time Theaters, verheiratet. Aber weil auch das wirkliche Leben zuweilen wie eine verdammte Sitcom ist, sind die beiden nun getrennt, und sie lebt jetzt hier, im Feindesland, bei den Prenzlwichsern – auf der anderen Seite der Bösen Brücke. „Das ist ganz praktisch“, sagt sie, „für das Figurenstudium“. Dann starrt sie wieder auf ihr Handy, auf dem gerade die Aufzeichnung eines Tagesthemen-Beitrags vom Vorabend läuft, in dem von „einer herrlich verrückten Theater-Sitcom aus dem Berliner Arbeiterbezirk Wedding“ berichtet wird. „Wow, drei Minuten dreißig in den Tagesthemen, sieht so aus, als hätten wir es geschafft“, sagt Constanze Behrends, kichert, macht mit den Schultern eine kleine Laola-Welle, und wirkt für einen Moment wie eine der Kleinmachnow Bitches, die sie neben vielen anderen Rollen im Prime Time Theater spielt.

Constanze Behrends ist blond, schön und nimmt sich nicht besonders ernst, obwohl sie sogar noch klug und witzig zu sein scheint, und gute Dialoge schreiben kann, was alles zusammengenommen eine ganze Menge ist für einen einzigen Menschen. Sie ist in Möhlau aufgewachsen, das ist ein Dorf in der Nähe von Gräfenhainichen, was wiederum in der Nähe von Dessau in Sachsen-Anhalt liegt. Mit achtzehn ging sie nach Berlin, als Jahrgangsbeste des Gymnasiums, sie wollte Ärztin werden. Aber das hat sie dann schnell sein lassen, ging auf eine Schauspielschule, lernte den schon damals etwas moppeligen Halbgriechen Oliver kennen und gründete mit ihm zusammen das Prime Time Theater.

Das heißt, eigentlich wollten die beiden gar kein Theater gründen. Das hat sich eher zufällig ergeben, sagt Constanze Behrends. Sie suchten nur einen Probenraum für ein Theaterstück, das sie später in Russland spielen sollten. Aus dem Theaterstück wurde nichts, aber dann hatten sie eben diesen Raum in der Freienwalder Straße. Das war im Dezember 2003.

RTL, Aristoteles und ziemlich viel Spaß

Im Januar 2004 startete die erste Folge von „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“, um 20.15 Uhr, zur Primetime, vor siebzehn Leuten, von denen sie mit etwa fünfzehn gut bis sehr gut bekannt waren. Es sollte wie eine Geschichte aus dem Privatfernsehen sein, nur eben zum Nahsehen. Sie waren zu zweit, Constanze und Oliver, Bonnie und Clyde, jeder spielte zwei Rollen. Sie wollten was über den Wedding machen, dieses raue, trostlose, stolze Viertel, dessen Bewohner nur noch das Trostlose sahen und den Stolz irgendwie vergessen hatten. „Ich dachte an Aristoteles“, sagt Constanze Behrends. „An die Dramen, in denen die Bauern zu Helden werden und die edlen Ritter zu lachhaften Gestalten.“

So ging das los, mit einer Mischung aus RTL, Aristoteles und ziemlich viel Spaß. Schon bald zogen sie in die Osloer Straße Ecke Prinzenallee, dort hatten sie 75 Plätze, die dann auch nicht mehr reichten. Im März 2006 kamen sie in die Müllerstraße, 135 Plätze, gegenüber vom Arbeitsamt. Dann der bislang letzte Umzug an die heutige Spielstätte, 230 Plätze, und eigentlich immer noch zu klein. Das Publikum wuchs schneller als die Räume.

„Wir mussten immer entscheiden, ob wir größer werden oder zumachen. Was anderes hätte nicht funktioniert“, sagt Oliver Tautorat. Er sitzt blass und ziemlich müde in seinem Theaterdirektor-Zimmer, in dem neben einem Schreibtisch zwei abgeranzte Ledersessel, ein weißer Ikea-Couchtisch und eine Minibar stehen. Tautorat raucht eine Marlboro, greift ohne Hinzusehen über die Sessellehne in die Minibar und holt eine Büchse Red Bull heraus, die er in einem Zug austrinkt, als wäre es wichtige Medizin.

Finanziell war es immer eng, sagt Tautorat, weil sie keine Zuschüsse vom Senat bekommen haben. „Die konnten uns nicht einordnen, wir sind ein Privattheater und zugleich so eine Art Sozialprojekt. Wir machen Boulevard-Stücke, die aber ziemlich schlau sind. So was gab es eben vorher nicht.“ Er erzählt, wie er immer zu Wowereit gerannt ist, wenn der mit seiner dicken Bürgermeister-Limousine an der SPD-Zentrale vorfuhr. „Ich habe mich neben das Auto gestellt und genervt, also nett genervt.“ Oliver Tautorat zuckt mit den Schultern und grinst sein fatalistisch-warmes Kalle-Grinsen. Das muss auch Wowereit überzeugt haben, seit diesem Jahr bekommt das Theater 120 000 Euro Zuschüsse im Jahr, das entspannt die Lage etwas.

Es gibt wahrscheinlich in ganz Deutschland kein anderes Privattheater, das fünf Mal die Woche spielt, zu 97 Prozent ausgelastet ist, Sozialtickets für acht Euro verkauft, seine Leute nach Tarif bezahlt und jeden Monat eine neue Produktion raushaut. Das funktioniert nur über Selbstausbeutung. Tautorat musste eigenes Geld in das Theater stecken, Schulden machen. „Irgendwann kommt der Punkt, an dem es eben nicht mehr funktioniert“, sagt er.

Das Publikum hat ihm immer wieder die Kraft gegeben, weiterzumachen. Oliver Tautorat steht jeden Abend an der Kasse, so lernt er die Leute kennen, die in sein Theater kommen. Er ist dann immer schon verkleidet, mal als Murat, mal als Kalle. Ein Drittel der Leute kommen aus dem Wedding, schätzt er, noch mal zehn Prozent aus angrenzenden Bezirken, fünfzig Prozent sind aus Schicki-Berlin, zehn Prozent Touristen. Die Schicki-Berliner nehmen ihn oft nicht ernst, wenn er als Murat an der Kasse steht, sagt er, die Weddinger machen da keinen Unterschied. Bei manchen Premieren wird die Hälfte der Karten von Hartz-IV-Empfängern gekauft. Das sind Leute, die hier gleich um die Ecke wohnen, für die jeder Besuch im Prime Time Theater ein Höhepunkt ihres Lebens ist.

Man kann sie sehen, diese besondere Verbindung zwischen dem Theater und den Menschen hier. Im Foyer hängt eine Wandzeitung, die Leute aus dem Kiez irgendwann vorbeigebracht haben. Sie gratulieren zur 65. Folge und haben Fotos von sich aufgeklebt. Auf diesen Fotos sind Männer zu sehen, die sich Bretti und Holli nennen und die nicht unbedingt wie routinierte Theatergänger wirken. Es scheint hier etwas zu geben, das sie trotzdem herkommen lässt. Vielleicht liegt es daran, dass in diesem Theater Echtheit nicht simuliert wird, Nähe nicht gespielt werden muss, Volksverbundenheit keine Frage der Inszenierung ist. Wie auf der anderen Seite der Bösen Brücke, wo die Claudio Fabriggios dieser Welt ihre authentischen Projekte voranbringen.

Im Laufe der Jahre hat sich auch der Wedding verändert, er ist jetzt nicht mehr ganz so rau und trostlos, aber schick ist er auch nicht geworden. Constanze Behrends sagt, die Weddinger würden sich nicht so leicht einwickeln lassen, sie seien sperrig, widerborstig. Den ersten Bioladen gab es hier in der Gegend erst 2010, die Cafés am Nordufer sind auch noch nicht so lange da. Im Moment herrscht hier so eine Art Schwebezustand, alles scheint möglich zu sein.

Eigentümliche Lokalchronik

Die Entwicklung des Weddings und des Theaters hängen dicht zusammen, die Bühne ist ein Spiegel des Viertels geworden. Könnte man die bisherigen 88 Folgen am Stück sehen, dann würde sich vermutlich eine sehr eigentümliche, präzise Lokalchronik ergeben. In Folge 29 („Die Invasion der Prenzlwichser“) aus dem Jahre 2005 geht es zum Beispiel darum, dass auf einmal Künstler auftauchen, die im Wedding billige Ateliers anmieten und sich in der Ursprünglichkeit des Ortes suhlen, ohne zu bemerken, dass sie selbst nur stören, was sie angeblich verehren.

In der Folge „Free Wedding“ streifen zwei Kiez-Polizisten durch das Viertel. Sie treffen eine türkische Mutter, die Angst vor der Gentrifizierung hat, weil ihre Kinder in der Kita auf einmal nur noch Reiswaffeln zu essen bekommen. Der Reiswaffelhersteller wird verhaftet und über die Böse Brücke abgeführt. Ähnlich ergeht es den Gründern der Männerstillgruppe und der Leiterin des Aromatherapiezentrums. Sie alle stehen unter dem Verdacht der Gefährdung der öffentlichen Sicherheit. In Folge 47 wird ein Angriff der Wilmersdorfer Witwen erfolgreich abgewehrt, in „Polizeiruf 65“ geht es um den Kampf gegen die Drogenhändler. Es scheint so, als sei das Leben im Wedding ein langer, nie endender Abwehrkampf, damit wenigstens ein paar Berliner so bleiben können wie sie sind.

Am nächsten Vormittag sitzen die Schauspieler in der Kantine des Prime Time Theaters. Es ist die erste Textprobe für die Folge 89, die „Dönerlovebox“ heißt und davon handelt, dass Ahmed, der Dönerbudenbesitzer, eine Maschine in seinem Laden aufstellt, die Tipps in Liebesdingen gibt.

Außerdem verkleidet sich die dicke Hülia für den Kitafasching, sie trägt ein Nonnenkostüm und fühlt sich wie ein Pinguin. Constanze Behrends, die nicht nur die Texte schreibt, sondern auch die Regisseurin ist, erklärt den Kollegen die neuen Figuren. Sie springt von einer Rolle in die andere. Ab der neuen Folge wird sie nicht mehr als Schauspielerin dabei sein. Dafür kümmert sie sich um eine Theaterproduktion im Ruhrgebiet, die „Gutes Essen, schlechtes Essen“ heißen wird. Außerdem gibt es gerade Verhandlungen mit dem RBB, der die Wedding-Show als Sitcom ins Fernsehen bringen will.

Es sieht so aus, als hätten sie es wirklich geschafft, der halbe Grieche und die blonde Ostdeutsche. Oder wie es im Titelsong des Prime Time Theaters heißt: „Mitte ist Schitte, Prenzlberg ist Petting. Real Sex is only Wedding“.

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