Berlin - Bei der Feier fiel für einige Minuten der Strom aus – just in dem Moment, als Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor tausend Gästen symbolisch auf einen Knopf gedrückt hatte. Wenig später lief ein junger Mann mit einem Messer Amok. Es fing turbulent an, als der Hauptbahnhof vor zehn Jahren am 26. Mai 2006 eröffnet wurde.

Hany Azer war bei der Feier dabei. „Ich hatte Gänsehaut“, erinnert sich der aus Ägypten stammende Bauingenieur, der das Projekt der Deutschen Bahn (DB) geleitet hatte. Azer spürte die Erleichterung. Er und sein Team hatten schließlich auch Entscheidungen durchsetzen müssen, die den künftigen Nutzern missfielen – etwa die, die oberen Bahnsteige nicht auf 454, sondern nur auf 321 Meter Länge zu überdachen.

Der damalige Bahn-Chef Hartmut Mehdorn wollte das so, der Bund auch. Mehdorn bekam auch im Namensstreit seinen Willen: „Es ist der Berliner Hauptbahnhof, dann heißt er auch so“, befand er. Der Senat hatte nichts dagegen.

Die Bezeichnung rief bei vielen Berlinern Aversionen hervor. 2002 hatten bei einer Umfrage des Senats rund 70 Prozent der Teilnehmer für einen anderen Namen gestimmt: „Lehrter Bahnhof“ – so hieß die Station, die bis 1951 an dieser Stelle betrieben worden war; von hier ging es unter anderem Richtung Niedersachsen. Der Name Hauptbahnhof stand für eine Zentralisierung des Verkehrs, mit der sich Mehdorns Leute vor allem im Westen der Stadt unbeliebt machten. Hatten sie doch trotz energischer Proteste den Bahnhof Zoo nach 122 Jahren vom Fernverkehr fast völlig abgekoppelt.

„Erfindung von Mielke“

Als am Abend des 27. Mai 2006 zum letzten Mal ICE-Züge am Zoo hielten, wurden sie von Demonstranten empfangen. „Hauptbahnhof – wenn ich das schon höre. Das wirkt doch richtig provinziell“, sagte eine Charlottenburgerin. Bloß damit die Läden im Hauptbahnhof mehr Kunden bekämen, müssten viele Berliner Umwege fahren. Die Bahn konterte mit betrieblichen Gründen: Haltende Fernzüge blockierten die Ost-West-Gleise, die nun mehr Verkehr aufnehmen müssten.

Mit ihrer Abneigung gegen das Konzept, den Verkehr größtenteils im Bahnkreuz an der Spree zu konzentrieren, waren die Demonstranten nicht allein. Der Architekt Helmut Maier fühlte sich an den Chef der DDR-Staatssicherheit erinnert: „Ein zentraler Hauptbahnhof ist eine Erfindung von Mielke. So etwas gibt es in keiner Millionenstadt der Welt.“

Verkehr in Berlin

Daran stimmt: Seit jeher verteilt sich der Verkehr in Berlin auf mehrere große Stationen. Den Anfang machten die Kopfbahnhöfe, von denen der erste 1838 unweit vom heutigen Potsdamer Platz eröffnet wurde. Im Potsdamer Bahnhof begann die älteste preußische Bahnstrecke, die Stammbahn nach Potsdam. Nicht weit entfernt lag der vornehme Anhalter Bahnhof, dessen Halle von fast 61 Meter Spannweite Walter Benjamin als „Mutterhöhle der Eisenbahnen“ erschien. Wer an die Côte d’Azur wollte, nach Ägypten oder Neapel, stieg hier ein.

Im Stettiner Bahnhof an der Invalidenstraße wiederum begannen Ostsee-Ferien. Freitags brachten die „Strohwitwerzüge“ Väter zu ihren urlaubenden Familien. Der Schlesische Bahnhof wurde Ende des 19. Jahrhunderts zum Migrantenzentrum. Hier trafen die unzähligen Neuberliner aus dem Osten ein. Der Schriftsteller Julius Berstl schrieb: „Es riecht nach Bier, Knoblauch, Käse und unausgelüfteten Menschen.“

„Mäxchen Pfiffig“ lud zu Tisch

Die Eröffnung der Stadtbahn, die sich seit 1882 auf 731 Viaduktbögen durch die Innenstadt schlängelt, bescherte Berlin noch mehr Fernbahnhöfe: Zoo, Friedrichstraße – auch vom Alexanderplatz konnte man im Schnellzug nach Wiesbaden oder Breslau reisen. Zeitgenössische Autoren sagten, die Stadtbahn sei ein einziger langgestreckter Zentralbahnhof.

Stationen, die Hauptbahnhof heißen, wirkten im polyzentralen Berlin unpassend. Aber es gab sie schon früher. Die erste wurde 1911 in Spandau beschildert, wo sich heute der S-Bahnhof Stresow befindet. Der Name Spandau Hauptbahnhof hielt sich bis 1936, obwohl die Havelstadt da schon längst eingemeindet war.

Hauptbahnhof in Friedrichshain

Auch in Friedrichshain befand sich ein Hauptbahnhof. Sein Bau an der Stelle des Ostbahnhofs (wie der Schlesische Bahnhof inzwischen hieß) war ein Prestigeprojekt. Zur 750-Jahr-Feier 1987 sollte die Hauptstadt der DDR ein repräsentatives Entrée erhalten. Doch seine Bedeutung wurde dem Namen nicht gerecht. Zu Beginn standen gerade mal 22 Züge auf dem Plan, und auch danach war das Angebot mager. Lichtenberg und Schöneweide lagen für den DDR-Binnenverkehr günstiger als der Hauptbahnhof unweit der Mauer. Klinkerbögen sperrten einen Großteil des Tageslichts aus der Halle aus. Im ersten Stock gab es repräsentative Räume für den Empfang von Staatsgästen. Sie wurden kaum genutzt.

Es war ein merkwürdiger Hauptbahnhof. Zwar führte nun eine Fahrleitung auf den Bahnhof zu, doch sie endete vor der Halle, weil die Einfahrt zu niedrig war. Elektroloks mussten Schwung nehmen, damit sie den Bahnsteig stromlos erreichten. Die Transitzüge, die vor der Fahrt nach Westdeutschland streng bewacht ihre Mitropa-Vorräte aufstockten, und die Paketzüge zum benachbarten Bahnpostamt nahmen einen großen Teil der Gleiskapazität in Beschlag. Für andere Züge blieb nur wenig Platz übrig.

Umbenennung zu Ostbahnhof

Seit 1998 heißt die Station wieder Ostbahnhof. Zwar halten dort mehr Fernzüge als früher, doch zum jüngsten Fahrplanwechsel 2015 sank ihre Zahl deutlich. Von zwei ICE-Linien blieb eine übrig. Die Zentralisierung schreitet voran.

Im Hauptbahnhof an der Spree, heute der größte und schönste Fernbahnhof Berlins, gibt es am Freitag und Sonnabend eine Party zum zehnjährigen Jubiläum. Auch vor einem anderen Berliner Hauptbahnhof wird 2016 gefeiert – 15 Kilometer östlich, in der Wuhlheide. Zwar ist die Mitropa-Gaststätte „Mäxchen Pfiffig“, die es dort in den 1960er-Jahren gab, verschwunden. Aber Züge halten immer noch am Hauptbahnhof der Parkeisenbahn, die nun 60 Jahre alt geworden ist.