Berlin - Irrtümer gibt man ungerne zu. Aber ab und zu muss es sein. Der Ehrlichkeit und der inneren Hygiene wegen. Hier also der Irrtum des Tages: Der Lobpreis für den neuen Berliner Hauptbahnhof anlässlich der Eröffnung, heute vor zehn Jahren in der Berliner Zeitung unter dem Namen des Autors erschienen, der auch diese Zeilen schreibt. Er ließ sich hinreißen von der Luft und der herrlichen Eisenbahnhalle, den tiefen Durchblicken und den wie aus dem „Metropolis“-Film heraufsteigenden Aufzügen in Glastrommeln. Filmreif sei all dies.

Erlebt hatte der Autor den Bahnhof nur im Pulk mit anderen Journalisten und mit Bauleuten. Nie waren es genug Leute, damit man sich auf den Bahnsteigen drängte. Aber die Architekten von Gerkan, Marg und Partner durften hier keinen Zentimeter zu den Bahnnormen dazugeben. Der Autor zuckte eine Woche nach der Eröffnung regelrecht zum Rettungssprung, als er eine ziemlich standfeste Freundin, die aus den Niederlanden anreiste, abholte. Der Zug rauschte ein, Erwachsene und Kinder wurden von den zu ihren Waggons Eilenden in Richtung Gleise abgedrängt, die Passagiere verquirlten sich aufs Riskanteste. Diese Normen wurden offenbar für Stendal entwickelt, nicht für den größten Kreuzungsbahnhof der Welt. Oder war es Europa? Egal, angesichts dieser Enge unter dem so weiten Dach gleicht es einem Wunder, dass noch nichts Schlimmes passiert ist.

Viel zu unpraktisch

Es gibt auch viel zu wenige der tollen Aufzüge, die zudem nervig langsam auf- und absteigen. Wie erholsam sind da die fixen Aufzüge sagen wir im Rostocker Hauptbahnhof. Wer will schon schwer bepackt eine Besichtigungstour in der Vertikalen erleben? Keiner, der diesen Bahnhof kennt, nutzt die Aufzüge, wenn es nicht unbedingt sein muss. Und so schauderhaft oft farbliche Orientierungssysteme sind: Dieser Bahnhof bräuchte sie. Gerade wegen seiner Durchsichtigkeit. Wenn man nicht gerade ganz unten oder ganz oben ist, weiß man schnell nicht, wo Ebene null oder minus eins oder plus eins sich befindet. Die Bahn gönnte uns nur zwei Anzeigetafeln für den Gesamtverkehr – ein Witz angesichts der Laufdistanzen, die man hinter sich bringen muss. Auch die Scheinkonstruktion der Balkenarchitektur an den Fassaden habe ich nicht gesehen – was für ein hohles Pathos.

Zwar ist der Hauptbahnhof immer noch ein tolles Raumerlebnis. Aber Architektur ist eben nicht nur eine Frage der Schönheit, sie muss auch funktionieren.